Aachen/Jülich: Legionellen-Infektionswelle schneller als der Gesetzgeber

Aachen/Jülich: Legionellen-Infektionswelle schneller als der Gesetzgeber

Die massive Erkrankungswelle durch Legionellenbefall in Warstein im vorigen Jahr hat viel in Gang gesetzt. Beim nächsten Mal, da waren sich die Verantwortlichen in Ämtern und Ministerien sicher, da wollte man schneller reagieren können.

Im Mai gab es die erste Anhörung zu einem Eckpunktepapier, um mögliche Quellen im Vorfeld besser kontrollieren und im Bedarfsfall schneller aufspüren zu können. Für Mitte Dezember, also in zwei Monaten, ist die Expertenanhörung im Bundestag vorgesehen. Doch die nächste Legionellose-Welle in Jülich war schneller als das Gesetzgebungsverfahren. Erst 2015 werden die Empfehlungen der Techniker und Mediziner zur Pflicht: Alle offenen Rückkühlwerke müssen gemeldet und gewartet werden. Und für Keimbefall gibt es Grenzwerte, ab denen gehandelt werden muss.

Dass in allen Fällen von gehäufter Legionellose diese offenen Rückkühlanlagen als Quelle in Frage kommen, steht fest. Doch wo sie stehen, das weiß bislang eben niemand. Auch Norbert Schnitzler nicht, obwohl der Leiter des Kreisgesundheitsamtes Düren nach Warstein sogar mehr getan hat, als er hätte tun müssen. Er stellte sich den schlimmsten anzunehmenden Fall vor: Dass nämlich ein Legionellen-Ausbruch kurz vor der Annakirmes die Stadt Düren heimsucht. Für Warstein galt damals eine Reisewarnung. Schnitzler kam auf die Idee, die Betreiber solcher Anlagen zu bitten, sich freiwillig zu melden, damit man im Fall der Fälle weiß, wo man die Legionellenquelle finden könnte.

Diese Initiative sei „deutschlandweit wohl einmalig“, sagt Martin Exner, Direktor des Instituts für öffentliche Gesundheit in Bonn. Geholfen hat es dem Amtsleiter in Düren nur in Teilen. „Uns war klar, dass wir ohne Meldepflicht eine Dunkelziffer von Anlagen haben“, sagt Schnitzler. Konsequenz: Er und seine Mitarbeiter mussten in Jülich trotzdem von Unternehmen zu Unternehmen gehen und an jedem größeren Wohnhaus klingeln, um zu klären, ob auf den Dächern eine belastete Anlage steht.

In Jülich sind inzwischen 34 Infektionsfälle durch Legionellen bekannt, ein Toter ist nachgewiesen. Diese Krankheitswelle hätte es vielleicht nicht gegeben, hätte man früher auf ähnliche Legionellose-Ausbrüche in anderen Ländern reagiert. „Spätestens nach Ulm 2010 mit 65 Erkrankten hat man in Deutschland die Chance nicht genutzt, um eine Regulierung umzusetzen, wie sie von der WHO vorgegeben und anderswo bereits üblich ist“, sagt Hygieneexperte Exner.

Doch inzwischen sind die Gesundheitsrisiken durch die offenen Rückkühlwerke nicht mehr zu übersehen. „Wir stehen alle unter Hochdruck“, sagt Rainer Kryschi, Vorsitzender des Richtlinienausschusses beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Noch vor Weihnachten soll die technische Richtlinie erscheinen, die sich erstmals speziell mit diesen Kühlanlagen beschäftigt.

Mit der zugehörigen Bundesverordnung, die 2015 beschlossen werden soll, wird dann jede offene Rückkühlanlage, bei der ein Ventilator die warme Luft ansaugt, gemeldet werden und einmal im Quartal gewartet werden müssen. Ab 100 Legionellen pro 100 Milliliter Wasser muss reagiert werden. 1000 Legionellen gelten als Gefahrenwert.

Eine Lücke in der Verordnung bleibt in den Augen von Professor Exner: Bei einem Patienten, der mit einer Lungenentzündung eingewiesen werde, müsse eine Prüfung auf Legionellen Pflicht werden: „Sonst wird der Patient möglicherweise lange falsch behandelt.“

Ausgenommen sind auch Kühltürme bei Anlagen mit mehr als 200 Megawatt. Für sie soll es eine eigene Richtlinie geben. Kryschi hält es für fast ausgeschlossen, dass Block F im Kraftwerk Weisweiler die Jülicher Infektionswelle ausgelöst haben soll. „Die stehen seit 50 Jahren in der Landschaft, ohne dass etwas passiert ist“, sagt er.

Am Mittwoch werden die Vergleichsergebnisse mit den Legionellenstämmen der Erkrankten aus Dresden erwartet.

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