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Ausstiegsbeschluss: Leere Dörfer, Stolz und Achselzucken am Tagebaurand

Ausstiegsbeschluss : Leere Dörfer, Stolz und Achselzucken am Tagebaurand

Trotz Ausstiegsbeschluss: Immer größer wird das Braunkohleloch im Rheinischen Revier. Ganze Dörfer stehen vor dem Ende. Die Stimmung dort ist gedrückt.

Die Rollläden der kleinen Backsteinhäuser stehen auf halbmast, die Metzgerei ist verlassen, und am Ortseingang klebt ein Sticker „IrRWEeg Braunkohle“. Das kleine Kuckum ist einer der Orte, das nach der am Donnerstag offiziell vorgestellten Leitentscheidung der NRW-Landesregierung in den nächsten Jahren dem Tagebau weichen soll. Aber schon jetzt ist der historische Ort mit alten Bauernhäusern gespenstisch leer, kein Mensch ist auf den Straßen.

„80 Prozent sind weg“, sagt auch die Verkäuferin in der Bäckerei Laumanns im Nachbarort Keyenberg. Die wuchtige Backsteinkirche nebenan sei bereits verkauft. Sie ist zum Abriss verdammt. Hilflos wirkt ein kleines Plakat am Schaufenster des Bäckerladens mit der Mahnung „Lasst die Kirche im Dorf“. Die Bäckerfamilie steht vor einer ungewissen Zukunft, nur eines steht fest: „Wir bleiben bis zum Schluss“, sagt die Frau in dem einzigen erleuchteten Geschäft am Ort.

Die Bäckerei im fast leer gezogenen Dorf wird in der dritten Generation geführt. Der Laden hat nun nur noch am Vormittag auf. An den Nachmittagen werden mit einem Verkaufsstand in der Gegend 13 bis 14 Orte angefahren, wo die Kundschaft nun wohnt. „Alles sagt: Macht weiter, macht weiter“, erzählt die 58-jährige Verkäuferin.

Während im Landtag über die Zukunft der Dörfer heftig debattiert wird, lässt das Thema viele Menschen im Zentrum der Stadt Erkelenz seltsam ruhig. „Da habe ich keine Meinung zu, ich kann die Welt nicht retten“, ruft ein Mann, der aus einem Sportwagen aussteigt und schnell zur Post geht. Eine 33-jährige Frau ist völlig überrascht, dass nach all den Protesten und dem beschlossenen Kohleausstieg nun doch noch Dörfer weggebaggert werden. „Ich dachte, dass damit Schluss ist“, sagt sie perplex.

Transparente der Gegner des Kohleabbaus sind selten in den zwischen abgeernteten Feldern verstreuten Ortschaften. Nur gelegentlich hängt ein trotziges „Wir bleiben“ im Fenster. Gut sichtbar platziert sind in den immer leerer werdenden Dörfern aber bunte Pläne über den Stand der Umsiedlung in Keyenberg, Kuckum, Unter- und Oberwestrich sowie Berverath. Rot steht für verkaufte, Gelb für vorgemerkte und Grün für freie Ersatzgrundstücke. Rot und Gelb sind die vorherrschenden Farben, nur noch wenige Grundstücke sind grün und damit als frei markiert: Die Umsiedlung ist weit vorangeschritten.

In den Neubaugebieten bei Erkelenz treffen sich die einstigen Dorfbewohner wieder. Er wohne seit zehn Jahren hier, „weil wir weg mussten“, sagt ein Mann mit grauem Bart. „Was sollen wir auch anders machen?“ Wo er vorher lebte, sei nun das große Loch. „Immerath ist weg, Keyenberg ist so gut wie weg“, meint er. In dem leeren Ort wollte er nicht mehr wohnen. Aber ob die vierte Generation der Bäckerfamilie im neuen Keyenberg auch eine Zukunft findet, ist noch völlig offen.

(dpa)