Aachen/Wassenberg: Lebenslänglich für Wassenberg-Mord

Aachen/Wassenberg : Lebenslänglich für Wassenberg-Mord

Die Spannung im Schwurgerichtssaal des Aachener Landgerichts war am späten Nachmittag schier unerträglich. Sicherheitsvorkehrungen waren angeordnet, der Saal voll. Wieder schaute der Überlebende des grausamen Mordkomplotts vom 21. Oktober 2012 in die Augen seines einstigen väterlichen Freundes, des Hauptangeklagten Janosch S. (67) aus Wassenberg.

In besagter Oktober-Nacht hatte jener mit zwei Helfern dessen Bruder Markus D. mit brutalen Schlägen umgebracht. Zwei Stunden später wollten sie auch ihn selber, den Wassenberger Arzt Michael D. (51), mit wuchtigen Steinschlägen töten. Hintergrund der Tat waren Betrügereien in Millionenhöhe, die der im Umgang einnehmende und erfindungsreiche Janosch S. zwischen 2010 und 2012 an der gesamten Familie begangen hatte — und für die er nun geradestehen musste.

Jetzt wartete Michael D. mit seinen Eltern, die in der Bonner Region leben, mit steinerner Miene auf den Richterspruch. „Die Kammer“, so der Vorsitzende Richter Arno Bormann, „verurteilt Janosch S. wegen Mordes und wegen versuchten Mordes sowie Betruges in 21 Fällen zu lebenslanger Haft. Die Kammer stellt bei ihm die besondere Schwere der Schuld fest.“

Erleichterung bei den Opfern, dann wieder hohe Spannung, ob auch der zweite Angeklagte eine nach Meinung der Opfer gerechte Strafe erhalten werde. Der wesentlich jüngere Gehilfe von S., der 37-jährige Franky G. aus Krefeld, erhielt ebenfalls eine lebenslängliche Haftstrafe. Bei ihm hält es das Gericht gleichfalls für erwiesen, dass er abends auf einem Wassenberger Waldparkplatz brutal mit den in vermeintlichen Geldkoffern mitgebrachten Ziegelsteinen zuschlug und anschließend bei der Beseitigung der Leiche half. Auch der Mordversuch am Bruder des ersten Opfers sei ihm voll zuzurechnen.

Anders als die Verteidiger ging die Kammer im Urteil, dessen mündliche Begründung länger als eine Stunde dauerte, von einer im Vorfeld geplanten Tat aus. Sicher sei der eigentliche „Tatherrscher“ Janosch S. gewesen. Er habe alle Fäden in der Hand gehalten und die beiden „da mit hineingezogen“, so Bormann. Dass es allerdings zu Mordtaten kommen sollte, habe festgestanden und sei gleichermaßen für den dritten Täter im Komplott, den Wegberger Norbert D. (47), klar gewesen. Auch dieser hatte behauptet, nichts von den Absichten des Janosch S. gewusst zu haben. Doch das glaubte das Gericht ihm nicht und verurteilte Norbert D. zu elf Jahren Haft, allerdings wegen Beihilfe zum Mord und zum versuchten Mord. Denn der Wegberger, ein selbstständiger Autoaufbereiter, habe lediglich den Part gespielt, die beiden Brüder in den Hinterhalt zu locken. An den eigentlichen Taten hätte er sich aber nicht beteiligt.

Das Mammutverfahren mit 26 Verhandlungstagen nahm so einen Abschluss, mit dem zwischenzeitlich nicht zu rechnen war, da Janosch S. meist eisern schwieg und es nur dem Verfahren angepasste Teilgeständnisse gab. So hätte es durchaus sein können, dass Norbert D. nur wegen Beihilfe hätte verurteilt werden können.

Beim Haupttäter stellte das Gericht die „besondere Schwere der Schuld“ fest. Das bedeutet, dass er mindestens 20 Jahre Haft verbüßen muss, bevor er zum ersten Mal eine Haftprüfung beantragen kann. Die Kammer habe, so darf man den Vorsitzenden Richter verstehen, nur wenige Milderungsgründe bei Janosch S. gefunden. Das Haupt einer bekannten Roma-Familie war bereits Anfang der 1990er Jahre wegen Millionenbetruges an seinen eigenen Leuten zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt worden, also einschlägig vorbestraft. Damals hatte er mit seiner Redekunst und kriminellem Erfindungsreichtum rund 20 Millionen D-Mark ergaunert.

Der Richter entschuldigte sich ausdrücklich bei den Eltern der Tatopfer, die, so war sich das Gericht sicher, ebenfalls in der Nacht zum 22. Oktober von Janosch S. ermordet werden sollten. Die einfühlsamen Worte galten ihnen auch deshalb, weil die Aufarbeitung der schweren Taten für sie sehr quälerisch war. Der über 80-jährige Vater weinte bei der Urteilsverkündung. Sohn Michael D. danach: „Ich bin froh, dass das nach einem Jahr nun endlich zu Ende ist. Das Gefühl kann ich gar nicht beschreiben.“