Aachen: Leben mit Spenderherz: Barthel Jansens persönlicher Herztag

Aachen : Leben mit Spenderherz: Barthel Jansens persönlicher Herztag

Der Weltherztag fällt auf den 29. September, Barthel Jansen hat andere Zahlen im Kopf, wenn er an sein Herz denkt. Sein persönlicher Herztag ist der 24. März 1997. In der Tagesschau berichtete an diesem Montag Bundesumweltministerin Angela Merkel über die Atomenergie, zudem wurde die nächste Erhöhung der Krankenkassenbeiträge an diesem Tag beschlossen.

Jansen hatte dafür keinen Kopf, denn an diesem Tag bekam er sein neues Spenderherz. Seit diesem persönliche Herztag lebt Jansen mit der neuen Pumpe. Sie haben sich schon lange angefreundet. In vielen Momenten vergisst er, dass er mit einem zweiten Herz unterwegs ist. Alle sechs Wochen stellt er sich wieder in der Klinik vor.

Blut wird kontrolliert, UKG und EKG werden geschrieben. Außerplanmäßig hat sich gerade der Arzt beim Aachener gemeldet, die Werte sind nicht in Ordnung. „Vermutlich müssen wir etwas an der Tablettendosierung ändern“, sagt Jansen. Alltag. Er ist nicht sonderlich beunruhigt. Organtransplantierte müssen lebenslang sogenannte Immunsuppressiva einnehmen, die verhindern sollen, dass der Körper das fremde Organ abstößt. Wenn der 79-Jährige zu den Untersuchungen geht, schützt er sein Immunsystem mit einem Mundschutz.

Komplikationen gab es nie

Welche Faktoren darüber entscheiden, ob das neue Herz jahrelang schlägt oder bald aufgibt, wissen die Experten bislang nicht. Vorhersagen, bei welchen Patienten Komplikationen auftreten, sind nahezu unmöglich. Sicher scheint nur zu sein, dass sich bereits im ersten Jahr nach der Transplantation entscheidet, wer auf ein langes Leben mit einem Fremdherz hoffen darf.

Jansen hat Glück gehabt, Komplikationen hat er nicht erlebt. Auch die Nieren funktionieren seit diesem 24. März 1997 sind unverändert zuverlässig, was nicht die Regel für Herztransplantierte ist. Was sich geändert hat? „Vor der Operation hatte ich einen Puls von 30, jetzt liegt er bei 80.“ Sein Herz schlägt noch für die gleiche Frau, sein Temperament hat sich nicht verändert, versichert er. „Ich bin nicht plötzlich cholerisch geworden.“

Seine Leidensgeschichte begann am 14. November 1957 in Königswinter. Jansen hat noch die Bilder vor Augen. Der LKW-Fahrer kam beim Ankuppeln zwischen Anhänger und Triebwagen. Er stemmte sich mit aller Kraft dagegen, er erlitt keine äußere Verletzung, aber bei der Anstrengung wurde sein Herz schwer beschädigt. Neun Monate später verließ er die Fachklinik in Bonn — als Frührentner. Die Probleme mit dem Herzen wurden sein Begleiter.

Ein Herzschrittmacher funktionierte nicht. Sein Zustand verschlechterte sich. Die Transplantation war aus Ärztesicht der einzige Ausweg, Jansen stimmte zu. „Ich hatte Vertrauen.“ Vier Monate lang war er in der Warteschleife, ehe sich eines Nachts das Aachener Universitätsklinikum meldete. Die Jansens riefen ein Taxi, am frühen Montagmorgen wurde das neue Herz eingepflanzt. Barthel Jansen weiß nicht, von wem es stammt. In Deutschland erfahren die Patienten nicht, wer das Organ gespendet hat. „Ich möchte das auch nicht wissen“, sagt Jansen.

Ende vergangenen Jahres warteten in Deutschland 702 Menschen auf ein Spenderherz, sagt die Deutsche Stiftung Organtransplantation). Medizinische Entwicklungen und technologische Innovationen führen dazu, dass Herzunterstützersysteme erfolgreich auch längerfristig eingesetzt werden können. Aber meistens überbrücken sie nur die Wartezeit. Für die Betroffenen sind es grauenhafte Monate der Unsicherheit. Denn die Zahl der Herztransplantation nimmt weiter ab (siehe Grafik). 2016 waren es 291, im Jahr davor nur 283 Herztransplantationen.

„Gegenüber dem Rekordjahr 1998, in dem der vorläufige Höchststand mit 526 Herztransplantationen erreicht worden war, ist das aktuelle Niveau dennoch mehr als bedenklich und seit Jahren im Abwärtstrend“, sagt Herzchirurg Wolfgang Harringer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie. „Der Trend ist sehr bedenklich.“ Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist die zurückgehende Bereitschaft zur Organspende. „Wir haben nach wie vor einen sehr großen Mangel an Spenderherzen“, sagt Harringer. Die Skandale der letzten Jahre, als Wartelisten manipuliert worden sind, entfalten Langzeitwirkung.

Die Entscheidung, wer in das Organtransplantationsprogramm aufgenommen wird, trifft ein organspezifisches Transplantationsteam. An der entscheidenden Konferenz muss mindestens ein Mediziner beteiligt sein, der nicht unmittelbar mit dem Fall zu tun hat. Die unter fortgeschrittenem Herzversagen leidenden Patienten werden durch das jeweilige Transplantationszentrum bei der zentralen Vermittlungsstelle Eurotransplant in den Niederlanden gemeldet. In dem Register sind acht europäische Staaten zusammengeschlossen. Die medizinischen Daten, letztlich die Dringlichkeit, werden auf der Warteliste vermerkt.

Rückblick: Die weltweit erste Herztransplantation nahm der südafrikanische Chirurg Christiaan Barnard am 3. Dezember 1967 in Kapstadt vor. Der 55-jährige Patient Louis Washkansky überlebte mit dem neuen Herz nur 18 Tage. Es folgten Jahre, in denen in verschiedenen Ländern die Herzen übertragen wurden, die meisten Patienten starben innerhalb der ersten vier Monate nach dem Eingriff. In Deutschland wurde die erste Operation 1969 von Fritz Sebening und Werner Klinner an der Zenker-Klinik in München durchgeführt. Erst in den 80er Jahren wurden die Herztransplantationsprogramme ausgeweitet, nachdem effektivere immunsuppressive Medikamente eingeführt wurden.

In Deutschland leben ein Jahr nach einer Herztransplantation noch etwa 75 Prozent der Patienten, nach drei Jahren noch 65 Prozent, hat die Deutsche Gesellschaft für Thorax- Herz- und Gefäßchirurgie ermittelt. Zehn Jahre nach dem Eingriff sind es noch 60 Prozent. International sind die Vergleichszahlen oft deutlich besser, „was daran liegt, dass in Deutschland deutlich kränkere Patienten ein Spenderherz erhalten als in anderen Ländern“.

Der Schweizer Karl Thommen lebt seit Anfang Februar 1985 mit einem fremden Herzen — europäischer Rekord. 32 Jahre lang lebte er mit Herz zwei: Dafür waren zehn Stents und ein Schrittmacher notwendig, Anfang des Jahres verschlechterte sich sein Zustand erheblich. Seit dem Frühjahr lebt er nun mit seinem dritten Herzen.

„Kollegen“ zum Überholen

Herztransplantierte Patienten sind bei unauffälligem Verlauf nach entsprechender Rehabilitation kaum in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Jansen sagt, dass er durchaus „Kollegen“ kennt, die noch länger als er mit dem neuen Muskel leben. „In der Liste stehen noch einige vor mir, die ich überholen will.“ Nebenbei schlägt sein Herz auch für Alemannia Aachen.

Seit 68 Jahren ist er Vereinsmitglied, bei Heimspielen organisiert er die Verpflegung im Medienbereich, um so ein bisschen die Rente aufzubessern. Barthel Jansen wirbt für die Organ-Spendenbereitschaft. „Es macht sich keiner Gedanken, bevor er nicht in eine solche Situation kommt. Mein Leben ist gerettet worden, weil es jemanden gegeben hat, der gespendet hat. Es sollten alle so halten.“ Es ist seine herzliche Bitte.