Landgericht Aachen: Wurde verurteilter Vergewaltiger rückfällig?

Verurteilter Vergewaltiger erneut vor Gericht : „Er war wie ein Monster“

Im Raum steht ein gewaltiger Vorwurf: Kai G. soll während seines Hafturlaubs seine damalige Freundin vergewaltigt haben. Inhaftiert war der 30-Jährige aus Übach-Palenberg damals wegen einer einschlägigen Tat. Er soll Jahre zuvor eine andere Frau, mit der er damals eine Beziehung hatte, ebenfalls vergewaltigt haben.

Als sich der Angeklagte und seine ehemalige Freundin nach fast anderthalb Jahren wiedersehen, steht eine Trennwand zwischen ihnen. Das Treffen findet im Saal des Aachener Landgerichts statt, Kai. G ist angeklagt, die Frau, die damals von ihm schwanger war, während seines Hafturlaubs am 17. März in ihrer Herzogenrather Wohnung vergewaltigt zu haben. Im Raum steht die Frage, ob der 30-Jährige ein Wiederholungstäter ist, denn Kai. G. saß zur Tatzeit eine Haftstrafe von zwei Jahren und elf Monaten ab, weil er eine andere Freundin, mit der er zwei Kinder hat, vergewaltigt hat. Kai G. bestreitet heute noch diese Tat.

Auch im aktuellen Fall hört die 6. Strafkammer an diesem Montag völlig konträre Schilderungen der Nacht, als sich die Tat ereignet haben soll.

Das Opfer betritt schon schluchzend den Saal, die Belastung ist ihr anzusehen. Die 30-Jährige setzt sich mit dem Rücken zur Trennwand, so als suche sie zusätzlichen Schutz. Ihren hochgeschlossenen Mantel lässt sie bis zum Ende der Vernehmung an. 1,50 Meter liegt zwischen ihr und dem Ex-Freund, aber eigentlich ist es „seit diesem Vorfall“ ein großer Graben, so schildert sie es.

Sie berichtet davon, dass sie in der Nacht vom heimkehrenden Freund auf der Couch im Wohnzimmer bedrängt wurde, obwohl auch ihr kleiner Sohn direkt neben ihr lag. Sie war in der elften Woche mit dem gemeinsamen Kind schwanger, es gab Komplikationen, sie wehrte ihn ab. „Er wollte, ich nicht“, sagt sie. Kai G. habe sie schließlich ins Schlafzimmer getragen und geschoben. Sie habe sich gewehrt, gewimmert, ihn angeschrien. Die Vergewaltigung verhindern konnte sie nicht, sagt sie. „Er war nicht mehr zurechnungsfähig, wie in Trance“, sagt sie. „Er war wie ein Monster.“ Erst als sie nach einer Ohrfeige anfing zu weinen, sei Kai G. zu sich gekommen und habe sich erschreckt entschuldigt.

Die beiden kannten sich aus gemeinsamen Schulzeiten in Übach-Palenberg, seit wenigen Monaten waren sie ein Paar, obwohl er in der JVA Euskirchen inhaftiert ist. Dort arbeitete er zur Tatzeit im offenen Vollzug als Dachdecker.

Wurde der Vergewaltiger wieder rückfällig?

An diesem 16. März hatte Kai G. Geburtstag, er zog mit Freunden los. Es ging in eine Shisha-Bar in Geilenkirchen, später zu einer Diskothek in Aachen. Alkohol, so schildert er, floss reichlich, im „Starfish“ zog er „drei bis fünf Linien Kokain“, gibt er zu Protokoll. In der Nacht kehrte er wie verabredet zu seiner Freundin zurück.

Aus seiner Sicht ist es am frühen Morgen zu einvernehmlichem Sex gekommen. Gewehrt habe sie sich zu keinem Zeitpunkt. Kai G. räumt ein, dass er die Frau mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen habe. Sich Schmerzen zuzufügen sei eine abgesprochene sexuelle Spielart gewesen, sagt er. Später habe er sich mehrfach dafür entschuldigt. Aber nur dafür. „Eigentlich habe ich nichts falsch gemacht“, findet er. Deswegen sei er später völlig überrascht von der Anzeige und der folgenden Untersuchungshaft gewesen.

Auch die folgenden Wochenenden nach seinem Geburtstag verbrachte der Häftling Kai G. weiter bei seiner Freundin. Eigentlich wollte sie diesen Mann, den sie als liebevollen Partner und Begleiter ihrer beiden Kinder kennengelernt hat, nicht aufgeben, sagt sie im Gerichtssaal. Kai G. habe sie bedrängt, den „Vorfall“ zu vergessen. Die Frau erkannte im Lauf der nächsten Wochen: „Es ging nicht mehr.“ Sie beendete die Beziehung. Anzeige erstattete sie erst Monate nach der Tat, nachdem sie sich der Familie anvertraut hatte. Ihr Bruder forderte sie dazu auf.

Die junge Frau tritt kurzfristig in dem Verfahren als Nebenklägerin auf. Sie ist eine ungewöhnliche Zeugin, antwortet sehr differenziert, ohne erkennbaren Wunsch, ihn belasten zu wollen. Ihr ehemaliger Freund, so sieht sie es, „sollte sein Leben erst einmal in den Griff kriegen. Eigentlich ist er ein toller Mensch, aber er ist psychisch kaputt und braucht Hilfe.“ Auf seine Unterhaltszahlungen hat sie verzichtet. Seinen Sohn hat Kai G. noch nie gesehen.

Der 30-Jährige habe ein Alkoholproblem, vermutet die ehemalige Lebensgefährtin. So sieht es auch die Psychiaterin in dem Verfahren, die eine Unterbringung in einer Entzugsanstalt ins Gespräch bringt. Schon bei seiner ersten Verurteilung hatte sich der hohe Alkoholpegel strafmildernd für ihn ausgewirkt.

Das Verfahren wird am Donnerstag fortgesetzt, ein Urteil soll am 12. November verkündet werden.

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