Landesinstitut für Schule erarbeitet neue Lehrpläne für Rückkehr zu G9

Kritik zum geplanten Fach Wirtschaft : Landesinstitut für Schule erarbeitet neue Lehrpläne für die Rückkehr zu G9

Die Rückkehr zu G9 ist beschlossene Sache. Damit könnte in NRW endlich Schulfrieden einkehren. Aber Gewerkschaften und Elternverbände haben ein neues Thema gefunden, das sie verärgert. Das Fach Politik/Wirtschaft soll ebenfalls eingeführt werden. Aber die Lehrpläne sind noch gar nicht fertig.

Das hatte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) schon kurz nach Amtsantritt verkündet, nun aber noch mal bekräftigt.

Das führte zu Diskussionen. Unter anderem die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnt die Einführung des Faches Wirtschaft ab. In Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus sei vielmehr eine Stärkung der Demokratiebildung mit Hilfe eines fundierten Politikunterrichts erforderlich, erklärte die Landesvorsitzende Dorothea Schäfer. Auch Dieter Cohnen aus Aachen, Vorstand der
Landeselternschaft NRW, fürchtet, „dass die politische und geschichtliche Bildung zugunsten der wirtschaftlichen weiter gekürzt wird. Dies lehnen wir ausdrücklich ab“.

Gebraucht: 25 neue Lehrpläne

Kritik gibt es also, allein: Noch weiß keiner, worüber gerade eigentlich gestritten wird, denn die Lehrpläne für das neue G9 stehen noch gar nicht fest. Die neuen Pläne werden derzeit im Auftrag des Ministeriums erarbeitet. Verantwortlich ist die Qualitäts- und Unterstützungsagentur – Landesinstitut für Schule (Qua-Lis) mit Sitz in Soest. Das Landesinstitut macht nicht nur die Kernlehrpläne für alle Schulformen, sondern erarbeitet auch alle Abituraufgaben. Außerdem werden angehende Schulleiter ausgebildet.

Aufträge erhält das Landesinstitut für Schule durch jährlich mit dem Schulministerium erarbeitete Zielprogramme, erklärt Qua-Lis-Leiter Eugen-Ludwig Egyptien. Er sieht die Aufgabe des Instituts als Mittler zwischen Schulpraxis, Administration und Wissenschaft. „Wir haben die Praxis im Blick, die Landesregierung im Ohr und Wissenschaft und Forschung als Grundlage. Auf dieser Folie entstehen dann auch die Kernlehrpläne“, sagt Egyptien im Gespräch mit unserer Zeitung. Das ist die große Aufgabe derzeit.

Eugen-Ludwig Egyptien ist verantwortlich für das Landesinstitut Qua-Lis. Er glaubt, dass die Ansprüche mit G9 hoch bleiben. Foto: Geisler/Udo Geisler

Für das neue G9 am Gymnasium müssen 25 neue Kernlehrpläne für die Sekundarstufe 1 entwickelt werden. Das bedeutet in einer deutschen Verwaltung, dass 25 Kommissionen mit drei bis vier Mitgliedern gebildet werden, die fachdidaktische und schulpraktische Expertise vorweisen. Zudem müssen sie die Geschlechter und fünf Bezirksregierungen repräsentieren.

Für die Oberstufen bedarf es keiner neuen Pläne, weil die vorhandenen Richtlinien gerade einmal fünf Jahre alt sind. Die Bildungsstandards für die Abiturprüfung sind auf Ebene der Kultusministerkonferenz festgelegt worden und verbindlich vereinbart. Das Jahr mehr, das Schüler im G9 haben, führt nicht dazu, dass das Niveau geändert wird. Vielmehr ist es so, dass die Schüler in der Unter- und Mittelstufe mehr Zeit haben, das Niveau für die Oberstufe zu erreichen. Die Anforderungen für das Abitur bleiben also wie beim „Turboabitur“.

Egyptien erklärt, dass die Schulzeitverlängerung nicht dafür gedacht sei, um am Ende zu höheren Standards zu kommen, sondern größeren Raum für Vertiefung und Anwendung zu schaffen. Lehrer könnten etwa in den Naturwissenschaften mehr Experimente, mehr Anwendungen durchführen. Schüler, die das Abitur in neun Jahren machen, haben vor allem weniger Druck. „Wenn der gymnasiale Bildungsgang für sie adäquat ist, können die Schülerinnen und Schüler wieder ein Stück weit entspannter die Standards nach der zehnten Klasse erreichen.“ Alles werde aber auch mit G9 nicht perfekt, sagt Egyptien. „Das heißt aber nicht, dass G9 ein Selbstläufer wird. Die Ansprüche bleiben hoch, und die Schulen stehen vor der Aufgabe, gute Lehrpläne in guten Unterricht umzusetzen.“ Heinz Aschebrock, seit 1993 beim Landesinstitut für Schule, hebt die soziale Komponente hervor, die es bildungsferneren Kindern mit G9 nun erleichtere. Inzwischen gebe es am Gymnasium eine äußerst heterogene Schülerschaft.

„Mehr Zeit für Wiederholungen führt zu mehr Sicherheit“

Für das Fach Deutsch ergebe sich beispielsweise die Möglichkeit, statt eines Buches zwei Bücher der Gattung Drama zu lesen. „Mehr Zeit für Wiederholungen und Übungen führt zu mehr Sicherheit und festigt das Wissen in der Breite. Damit werden dann auch die Inhalte gestärkt“, sagte Aschebrock. „Die künftigen G9er werden Zeit haben, ein Thema ausführlicher von mehreren Seiten zu betrachten.“ Die Kinder haben also mehr Zeit zum Lernen, mehr zusätzliche Inhalte bringt G9 nicht.

Egyptien wirbt für einen differenzierten Blick. „Wer die Wahrnehmung hat, dass Kinder heute nicht mehr über die gleichen Kompetenzen wie früher verfügen, der sollte genauer hinsehen, ob sie wirklich weniger Kompetenzen haben oder ob sie nicht vielmehr andere der heutigen Zeit entsprechende Kompetenzen haben.“ Eine einfache Rückkehr in die Zeit vor dem „Turboabitur“ könne es nicht geben. „Das G9 von 2019 wird nicht mehr das G9 von 2005 sein. Die Anforderungen von damals sind heute sicher nicht mehr zeitgemäß.“

Das bekräftigt auch Aschebrock. Er macht seit 1993 Lehrpläne. „Die Lehrpläne aus den 90er Jahren unterschieden sich kaum von denen aus den 60er Jahren, gerade in Geschichte oder Deutsch“, sagt er. Die Zäsur bildet das Jahr 2000 wegen der schlechten Pisa-Ergebnisse. „Damals hat man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, würde ich rückblickend sagen.“

Der Pisa-Schock und die Folgen

Aschebrock erinnert sich an den Schrecken der Pisa-Studie und die Überreaktion nach Bekanntwerden des schlechten Abschneidens der Deutschen. Danach konzentrierte man sich sehr auf Kompetenzen, die Kinder sollten prozessorientierte Verhaltensweisen zeigen. Er spricht vom Kompetenzlernen der ersten Generation; inzwischen sei man bei der vierten Generation. Das Wettern über das Kompetenzlernen können die Experten von Qua-Lis ein Stück weit nachvollziehen. Das reine Kompetenzlernen gehöre aber ohnehin der Vergangenheit an.

Inzwischen werden wieder mehr Inhalte an Prozesskenntnisse gekoppelt. Für das Abitur gibt es für das Fach Deutsch beispielsweise Vorgaben, welche Standardwerke gelesen werden sollten. „Die Verbindlichkeit der Inhalte ist von 2005 bis 2018 deutlich größer geworden“, bilanziert Aschebrock. Und nach dem, was NRW-Schulministerin Gebauer angekündigt hat, wird diese Kopplung an Inhalte noch zunehmen. Egyptien erklärt jedenfalls, dass die neuen G9-Lehrpläne von einer noch stärkeren inhaltlichen Verbindlichkeit geprägt sein werden. Das haben sich viele Elternverbände gewünscht. Aschebrock sieht aber keinen Widerspruch zwischen Wissensvermittlung und kompetenzorientiertem Lernen. „Beides gehört zusammen. Schülerinnen und Schüler brauchen Wissen und müssen auch lernen, ihr Wissen später anzuwenden. Es geht um Prozesswissen. Wie funktioniert in der Gesellschaft Veränderung? Wie muss ich mich darauf einstellen?“

Insgesamt sieht Aschebrock die neuen Lehrpläne als große Chance. Nämlich dafür, Digitalisierung und Verbraucherbildung in den Lehrplänen zu verankern. Die Kultusministerkonferenz sieht das ohnehin vor. Die Schüler sollen Werbung und Medien einschätzen können, Soziale Netzwerke hinterfragen. Im Vergleich zum aktuellen Lehrplan würde das künftig abgedeckt. Kinder sollten eine multimediale Präsentation halten können. „In den Kernlehrplänen wird nicht stehen, dass mit dem Programm X oder Y gearbeitet werden muss, denn das kann in ein paar Jahren schon wieder veraltet sein, sondern die Grundlage für die Arbeit ist der Medienkompetenzrahmen NRW“, sagt Aschebrock.

Noch aber steht der Inhalt der neuen Lehrpläne nicht vollends fest. Und es kann sich auch noch viel ändern, denn Qua-Lis stimmt sich nicht nur mit dem Ministerium ab, sondern auch mit den Verbänden. Die Lehrplan-Kommissionen treffen sich monatlich. Über Weihnachten sollen die Lehrpläne den letzten Schliff erfahren. Im Frühjahr bekommt die (Fach-)Öffentlichkeit die Pläne präsentiert. Dann beginnt die sogenannte Verbändebeteiligung. Bis zu 80 Verbände, darunter die GEW oder der Philologenverband haben anschließend sechs Wochen Zeit, um Stellung zu nehmen. Aschebrock hebt die Bedeutung des Beteiligungsverfahrens der Verbände hervor: „Das ist keine Alibi-Veranstaltung, das führt oft noch zu Veränderungen. Für das Fach Sport ist 2010 aufgrund der Eingaben durch die Verbände mal ein ganzer Kompetenzbereich gestrichen worden.“

Die aktuelle Diskussion angesichts des Fachs Politik/Wirtschaft beeindruckt Aschebrock nicht. In der ersten Sitzung habe es wegen der Gewichtung geknallt, aber danach sei alles sehr harmonisch verlaufen. Man habe sich die aktuellen Lehrpläne angesehen und bemerkt, dass darin schon sehr viel Wirtschaft steckt: in Geschichte und Erdkunde beispielsweise und in Politik, das nun den Doppelnamen Politik/Wirtschaft bekommt, sowieso. Es sei wichtig, die Urteilskompetenz zu schärfen, findet Aschebrock. Die Einwände der Verbände, die für mehr Ökonomie und für mehr Politik im Fach Politik/Wirtschaft plädieren, würden sich am Ende aufheben, glauben die Macher der Lehrpläne.

Kein Homo Oeconomicus

Egyptien erwidert auf Kritik des Elternverbandes, der fürchtet, man produziere den Homo Oeconomicus. „Das ist nicht der Fall. Wirtschaftsthemen werden in ihrer ganzen Breite vermittelt. Die Kinder sollen lernen, sich eine kritische Meinung zu bilden und sich in der modernen Welt zurechtzufinden.“

Das sei auch Verbänden, die kritisch sind, etwa der GEW, vermittelbar. Natürlich sei die Schulministerin aber in andere Kontexte gebunden, so formuliert es Egyptien vorsichtig. Er meint damit wohl, dass die FDP-Politikerin Gebauer und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sehr konträre wirtschaftliche Ideen haben. Die Diskussion könnte also noch spannend werden.

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