Plastikgranulat wird zum Problem: Kunstrasen in der Schmuddelecke

Plastikgranulat wird zum Problem : Kunstrasen in der Schmuddelecke

Die Europäische Union denkt darüber nach, Kunstrasenplätze mit Plastikgranulat zu verbieten. Die Europäische Chemikalienagentur hat bereits empfohlen, die kleinen Plastikteilchen bis 2022 zu verbieten. Für die Kommunen und Vereine in unserer Region zieht damit ein großes Problem am Horizont auf.

Concordia Oidtweiler würde sich dann gerne etwas verändern. Ein anderer Untergrund soll her. Der Verein möchte umrüsten auf einen Kunstrasenplatz und bietet erhebliche Eigenleistungen an. Doch die Pläne bleiben erst einmal in der Schublade, denn der Kunstrasen gerät gerade zunehmend in Verruf. Die Europäische Union denkt darüber nach, Kunstrasenplätze mit Plastikgranulat zu verbieten. Die Europäische Chemikalienagentur hat bereits empfohlen, bis 2022 die kleinen Plastikteilchen zu verbieten. Das sind die Warnsignale, die gerade von Brüssel ausgehen.

Bei der Begeisterung für den pflegeleichten Untergrund wurde die Umweltbilanz bislang eher vernachlässigt. Der Belag besteht aus künstlichen Polyethlen-Grashalmen, die sich verteilen. Um im Spielablauf für Ball und Spieler die Eigenschaften des Naturrasens zu erhalten, wird obendrauf häufig noch eine Schicht aus Kunststoffgranulat gelegt. Die Dämpfung schützt die Spieler auch vor Verletzungen. Auf jedem Quadratmeter landen so im Schnitt fünf Kilo Gummigranulat, das macht etwa 35 Tonnen auf einem Fußballfeld.

Weil das Granulat durch Wind und Regen und die Aktivitäten der Sportler verteilt wird, muss nachgefüllt werden. Das alte Streu, das von manchen Herstellern aus gehäckselten Autoreifen gewonnen wird, findet sich in der Umwelt wieder. Das Fraunhofer-Institut für Umwelt- Sicherheits- und Energietechnik hat in einer Studie 2018 die Verwehungen von Kunstrasenplätzen in die Top 5 der größten Mikroplastik-Emissionen einsortiert. Die Studie geht von vielen Annahmen aus, die Datenlage ist noch nicht gut, sagt Torsten Weber, einer der Autoren. In ein paar Wochen soll eine weitere, konkretere Expertise veröffentlicht werden.

Bis zu 10.000 Tonnen Mikroplastik pro Jahr

Festgehalten wird in der vorliegenden Studie, dass durch Kunstrasenplätze geschätzt bis zu 10.000 Tonnen Mikroplastik pro Jahr in die Umwelt gelangen. Welche gesundheitlichen Risiken entstehen, wenn die Additive in den menschlichen Organismus gelangen, ist kaum erforscht. Mehr als den Verdacht, dass sie krebserregend sein könnten, gibt es nicht.

Unübersehbares Problem: Bei jedem Spiel wird das oberflächlich auf den Kunstrasen aufgebrachte Granulat aufgewirbelt. 35 Tonnen davon liegen auf einem Fußballfeld. Foto: dpa/Carmen Jaspersen

Für die Kommunen und Klubs zieht damit ein großes Problem am Horizont auf. Kunstrasenplätze sind in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen wie Grashalme. Der künstliche Untergrund braucht weniger Pflege, er muss nicht gesprengt oder gedüngt werden, auch das Mähen entfällt. Im Winter muss der Kunstrasenplatz nicht geschont werden. Das alles hat die Klubs überzeugt, solche Plätze anzulegen, häufig in Eigenregie. Rund 300 Kunstrasenplätze werden jährlich in Deutschland gebaut, Lebensdauer etwa zwölf bis 15 Jahren.

Die Städteregion Aachen wartet ab

Die Städteregion Aachen will zunächst eine rechtliche Grundlage abwarten, ehe sie als Genehmigungs- oder Überwachungsbehörde eingreift, sagt Sprecher Detlef Funken. Derzeit lägen in der Städteregion keine weiteren Anträge vor, einen Kunstrasenplatz einzurichten. Ob und welche finanziellen Probleme auf die Kommunen zukommen, ist noch unklar. Es wird überall abgewartet. „Wir klären derzeit, ob und welche Alternativen der Markt bietet“, sagt Björn Gürtler, Sprecher der Stadt Aachen.

Der Fußballweltverband Fifa wollte einst sogar ihre Turniere auf Kunstrasen austragen lassen. Jetzt steht Kunstrasen in der Schmuddelecke. Beim Fußballverband Mittelrhein (FVM) hält man die Studie des Fraunhofer-Instituts allerdings für qualitativ nicht ausreichend. Es müssten belegbare Fakten her, sagt der Präsident Alfred Vianden. „Wenn sich herausstellen sollte, dass man andere Lösungen braucht, darf das keinesfalls zu Lasten der Vereine gehen.“ Sowohl der Deutsche Fußballbund (DFB) als auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) haben sich eingeschaltet. Sie fordern für mögliche Umrüstungen eine Übergangsfrist von mindestens sechs Jahren. Im Bereich des FVM gibt es 363 Kunstrasenplätze – davon in Aachen 50, in der Region Düren 24, im Kreis Heinsberg neun.

In der Stadt Stolberg sind alle Kunstrasenplätze im Besitz der Vereine. Zwei weitere werden gerade geplant. Das Thema Mikroganulat beschäftigt die Stolberger Stadtverwaltung seit Wochen, sagt Sprecher Robert Walz. Die betroffenen Klubs wurden über ein mögliches Verbot und die daraus resultierenden Folgen bereits informiert. Die Kupferstadt werde den Vereine nicht nur beratend, sondern bei möglichen finanziellen Problemen „unterstützend“ zur Seite stehen, kündigt Walz an. Die finanziellen Auswirkungen seien ohne gesetzliche Vorgaben weder für die Klubs noch für die Vereine derzeit kalkulierbar.

Der dienstälteste Platz im Kreis Düren liegt bei Jugendsport Wenau. Die Kunstrasenfläche dort muss dringend erneuert werden. Ob die neue Unsicherheit das Projekt nun gefährdet oder aufhält? Vereinsvorsitzender Rainer Bartz kann sich mit der Ungewissheit nicht anfreunden. „DOSB oder DFB sollten sich nicht nur für Profiklubs und den Spitzensport interessieren, sondern auch mal die Amateurvereine informieren.“ Bartz, der seit 48 Jahren die Jugendarbeit betreibt, erwartet unverändert die Unterstützung der Kommunen bei der notwendigen Sanierung: „Jugendfördernde Vereine leisten enorme Sozialarbeit für diesen Staat. Wenn Jugendliche drei- bis viermal in der Woche durch Sport beschäftigt sind, kommen sie nicht auf abwegige, geschweige rechtsradikale Gedanken. Man müsste uns eigentlich mit Geld zuschmeissen, aber wir kommen uns immer wieder wie Bittsteller vor.“

Die Kosten für die Sanierung eines Kunstrasenplatzes liegen – je nach Aufwand – zwischen 180.000 und 350.000 Euro. Der alte Rasen landet zuweilen im Sondermüll, was die Sache nicht preiswerter macht. Umgerüstet werden müsste auf ein anderes – harmloses – Granulat aus Kautschuk, Sand oder Kork, der allerdings bei Starkregen droht weggeschwemmt zu werden.

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