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Region: Küster Wolfgang Floß hat den Turm immer im Blick

Region : Küster Wolfgang Floß hat den Turm immer im Blick

Wolfgang Floß ist stark sehbehindert. Sein Sehproblem nimmt stetig zu. Doch hindert ihn das nicht daran, seit 15 Jahren einer Tätigkeit nachzugehen, die ihm bereits als Kind vor Augen geführt wurde. Wolfgang Floß arbeitet als Küster an zwei sehr markanten Kirchen, die im Dürener Ortsteil Niederau nur wenige Meter auseinander stehen.

Die alte Kirche, die unter Denkmalschutz steht, geht auf einen Kapellenbau des 13. Jahrhunderts zurück. Die Grafen des benachbarten Schlosses Burgau legten den Grundstein. Die alte Kirche leistete jahrhundertelang gute Dienste. Als jedoch Niederau einwohnermäßig massiv zulegte, wurde die Kirche zu klein.

Anfang 1800 lebten in Niederau rund 300 Einwohner, Anfang 1900 an die 900 Menschen. Wie Wolfgang Floß aus Überlieferungen zu berichten weiß, überlegten die Mitglieder der Pfarrgemeinde damals zunächst, die betagte Kirche zu erweitern, entschlossen sich dann aber zu einem Neubau. Nur wenige Meter entfernt entstand St. Cyriakus.

Höchste Turm im Kreis

Am 1. Oktober 1905 wurde die Kirche geweiht. Der dazugehörende Turm wurde 1906 gebaut. Floß, heute 61 Jahre alt, sagt: „Dieser Turm ist mit seinen fast 60 Metern der höchste Kirchturm im gesamten Kreis Düren. Reisende, die aus der Eifel nach Niederau kamen, konnten das hohe Bauwerk schon von weitem und vor allem von der Hauptstraße aus erkennen.“ Aus diesem Grund ist die Kirche auch nicht „geostet“. So dreht der Kirchturm seine Front den Anreisenden direkt zu.

Diesen Anblick kennt Floß seit seiner Kindheit so. Der verheiratete Vater von zwei Töchtern wurde in Niederau geboren und wuchs im Schatten der alten und der neuen Kirche auf. Seine Großeltern führten die Gaststätte Laufenberg, die den Gotteshäusern gegenüberliegt.

Floß, der sich gerne als „Urniederauer“ bezeichnet, erinnert sich: „Als ich 13 Jahre alt war, begann ich, in der Gaststätte zu kellnern. Klamottenmäßig konnte ich mir deswegen alles kaufen, bis hin zur gewagten und neumodischen Schlaghose.“ Verließ er die Gaststätte, blickte er auf die Kirchen. Betrat er die Gaststätte, verlor er sie auch nicht aus den Augen. Nicht selten waren die Messen, Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten auch Thema im Gasthof. Nach der Volks- und der Handelsschule absolvierte Wolfgang Floß eine Lehre als Einzelhandelskaufmann in einem Bettenhaus in Düren.

Nach zwei Jahren Dienst bei der Bundeswehr arbeitete er für einen Küchenanbieter in Düren. 15 Jahre lang reiste er als Küchenmonteur durch die Gegend, bis sein Rücken nicht mehr mitmachte. Weitere sieben Jahre lang arbeitete er als technischer Aufmesser, darunter litten seine Augen massiv. Doch konnte er sich, noch keine 50 Jahre alt, nicht vorstellen, als Vollzeitrentner nun die Hände in den Schoß zu legen.

Als für die Kirchen in Niederau ein neuer Küster gesucht wurde, hob Floß die Hand. Bezug hatte er ja schon lange zu den Gotteshäusern. Er war ja bereits Messdiener gewesen und später in der Jugend- und Pfarrgemeindearbeit aktiv. Die Kirchenvertreter entschieden sich für das Niederauer Urgewächs. Seither widmet sich Wolfgang Floß dem immer seltener werdenden Aufgabenfeld.

Natürlich gehört das Vorbereiten der Messen zu seinen Arbeiten. Der Altarraum muss dem Anlass entsprechend geschmückt werden, das macht ihm besonders viel Spaß. Blumen kauft er oft auf dem Dürener Markt. Wie er die Gebinde dann am Altar arrangiert, das überlegt er sich gerne, wenn er auf der Orgelbühne sitzt. Bücher und Priestergewänder müssen zurechtgelegt werden. „Als Küster weiß man, dass jeder Priester so seine Eigenheiten hat. So ziehen die Priester die Gewänder zum Beispiel meist in unterschiedlicher Reihenfolge an“, berichtet Floß. Auch die Pflege der Kirchenutensilien gehört zu den Aufgaben des Küsters, ebenso das Auf- und Absperren der Gotteshäuser. Und das Staubwedeln. Der Kirchenstaubwedel lässt sich zehn bis zwölf Meter hoch ausfahren.

Glockengeläut per Funk

Um die Glocken zu läuten, braucht der moderne Küster nicht mehr an einem Glockenseil zu ziehen. „Das war einmal“, schmunzelt Floß. Das Läuten der Glocken funktioniert inzwischen per Funk. Sogar von zu Hause aus kann Wolfgang Floß die Glocken in der alten Kirche auf Knopfdruck in Gang setzen.

Floß: „600 Meter, das ist für die Funktechnik heute gar nichts mehr.“ Eigentlich träumt er davon, einmal vom Riesenrad aus, das sich jedes Jahr wieder auf dem Annakirmesplatz dreht, die Kirchenglocken zu läuten. In diesem Wunsch zeigt sich eine heimliche Leidenschaft und seine Lebenseinstellung. Wolfgang Floß zeigt gerne Linie. Er geht auf Demos gegen Rechts, nimmt sogar seine Kinder dort mit hin.„Zwar bin ich Mitglied der CDU, doch mein Herz schlägt links“, gibt Floß sich offenherzig.

Einmal hatte er auch ein ziemlich eigenartiges Erlebnis mit einer der Glocken. Die Glocke der neuen Kirche blieb in einer Nacht Punkt zwölf Uhr hängen und läutete immer weiter: „Da rief mich der Pastor an, und ich musste mitten in der Nacht Treppchen und Leitern auf den hohen Kirchturm hinaufklettern. Da kamen mir plötzlich Filme in den Sinn wie ,Ein Zombie hing am Glockenseil‘. Ich musste über mich selber lachen, gleichzeitig lief mir aber auch ein kalter Schauer über den Rücken. Es war schon ganz schön gruselig.“

In der Kirche mag er es besonders, wenn das Haus voll ist. Gerne steuert er das ihm Mögliche bei, um die Stimmung und die Dramatik entsprechend anzupassen. Floß: „Heiligabend habe ich immer die meiste Zeit in der Sakristei verbracht. Von dort aus habe ich zum Beispiel das Licht gesteuert.“ Zunächst war es in St. Cyriakus ganz dunkel, dann wurde es zu Beginn der Messe immer heller, entsprechend der Liturgie. Neigte die Messe sich dem Ende zu, dimmte der Küster das Licht wieder herunter.

Nur die beleuchteten Weihnachtsbäume gaben ihr funkelndes Licht dann noch an die Gläubigen ab. In der neuen Kirche wird es diese Art von Heiligabend-Messen jedoch zukünftig nicht mehr geben. Das Gotteshaus wurde Anfang November zu einer Grabes- und Auferstehungskirche umgewidmet. Jetzt werden noch Trauer- und Beerdigungszeremonien sowie Messen mit Intentionen (Sechswochenamt und Jahrgedächtnis) in dem Kirchenraum veranstaltet.

Für den Küster werden viele Tätigkeiten jedoch gleich bleiben. Die Türen werden, damit die Trauernden Einlass finden, von 10 bis 17 Uhr geöffnet sein, und das jeden Tag. Floß weiß: „Für viele Nieder-auer war die Umwidmung ,ihrer‘ Kirche ein Schock.“ Doch ist er überzeugt, dass die Umwandlung große Vorteile für die Gläubigen und auch für den Zustand des Gebäudes mit sich bringt. Alleine fühlt sich der Küster in den Kirchen übrigens nie. Hausbewohner wie das Große Maus-ohr und die Langohrfledermaus beleben und umschwirren die Kirchen ebenso wie der Turmfalke.