Aachen: Kraftsport und Bodybuilding sind nicht nur für harte Kerle

Aachen : Kraftsport und Bodybuilding sind nicht nur für harte Kerle

Ein 180 Kilogramm schwerer Traktorreifen, riesige Kugeln aus Beton, weder Laufbänder noch Stepper — wie in einem normalen Fitnessstudio sieht es beim Verein Aachener Kraftsport nicht aus. Der Grund: Die Mitglieder interessieren sich hier für Powerlifting, Strongman und olympisches Gewichtheben. Ein Selbstversuch.

Kraftsport und Bodybuilding sind längst keine reinen Männersportarten mehr. Immer mehr Frauen trauen sich ans Eisen. Beim Aachener Kraftsportverein versuche ich mich am Powerlifting, also am Kraftdreikampf. Dafür braucht man auch als Frau Kraft. Friedrich von Hennig ist Mitgründer und Vorsitzender des Aachener Kraftsportvereins und hat mir nicht nur etwas zum Powerlifting erzählt, sondern mich auch praktisch an diese Sportart herangeführt.

Bevor Friedrich von Hennig mit Kraftsport anfing, hat er lange Zeit Handball gespielt. Foto: A. Capellmann

Powerlifting ist eine Wettkampfsportart der Schwerathletik und des Kraftsports, also Sport mit Hanteln und Gewichten. Ziel dabei ist es, eine größtmögliche Last zu bewältigen. Zum Powerlifting zählen die drei Disziplinen Kniebeugen (Squat), Bankdrücken (Bench press) und Kreuzheben (Deadlift). Im Wettkampf hat jeder Athlet drei Versuche, in denen er innerhalb der Disziplinen möglichst viel Gewicht stemmen muss. Der Stärkste siegt.

Bevor es für mich an das Ausprobieren von Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben geht, heißt es: Aufwärmen. Wenn ich in meiner Freizeit ins Fitnessstudio gehe, vernachlässige ich das ehrlich gesagt öfters mal. Dieses Mal kann ich mich nicht davor drücken. „Wer sich nicht aufwärmt, riskiert Verletzungen an Muskeln und Gelenken“, sagt von Hennig, der an der RWTH Aachen Maschinenbau und Energietechnik studiert hat. Verletzungen und eine damit einhergehende Zwangspause würden den Trainingsfortschritt massiv zurückwerfen; also lieber zehn Minuten vor jedem Training in das Aufwärmen investieren.

Man braucht für die drei Disziplinen eine Langhantelstange und Hantelscheiben unterschiedlichen Gewichts, die rechts und links auf die Stange geschoben werden. Die Langhantel wiegt 20 Kilogramm und ist 2,20 Meter lang. Ich traue mir zusätzliches Gewicht auf jeder Seite zu und lege ein paar Hantelscheiben drauf.

Kniebeugen

Die Langhantel liegt für die Kniebeugen auf einem Gestell. Ich trete darunter, lege die Hantel in meinem Nacken ab, hebe die Stange aus dem Gestell und mache eine Kniebeuge, gehe also mit dem Gewicht in die Knie und richte mich dann wieder auf. Nach ein paar Wiederholungen wird das Ganze sogar richtig anstrengend, und ich habe alle Mühe, wieder aus der Hocke hochzukommen.

Bei Sportarten, die vor allem Kraft erfordern, ist auch Doping immer wieder ein brisantes Thema. „Wir starten mit unserem Verein im Bundesverband Deutscher Kraftdreikämpfer (BVDK). Unter dem Dach der Nationalen-Anti-Doping-Agentur werden in unserem Verband zahlreiche Dopingkontrollen durchgeführt. Es wird also alles dafür getan, Powerlifting dopingfrei zu halten“, erklärt von Hennig.

Bankdrücken

Nachdem ich schon ordentlich beim Kniebeugen geschwitzt habe, steht die nächste Disziplin an: Bankdrücken. Die Langhantel liegt jetzt in einem tieferen Gestell, darunter befindet sich eine Bank, auf die ich mich mit dem Rücken lege. Mit beiden Händen hebe ich die Hantel aus ihrem Gestell, senke sie ab in Richtung Brust und drücke sie dann wieder nach oben. Von Hennig muss mir dabei helfen — je mehr Wiederholungen ich mache, desto schwieriger wird es, die Stange wieder hochzubekommen.

Beim Powerliftig ist die richtige Ausführung und die Technik wichtig. „Wenn man einmal die falsche Technik drin hat, ist es schwer, die wieder wegzubekommen“, sagt von Hennig. Eine fundierte Ausbildung in diesem Bereich hat der Mitgründer des Kraftsportvereins nicht. „Ich habe mit 17 Jahren angefangen und am Anfang selbst sehr viel falsch gemacht“, erklärt der mittlerweile 26-Jährige. Je mehr man sich mit dem Thema beschäftige, desto mehr Wissen eigne man sich aber an, und durch Wettkämpfe lerne man auch andere Athleten kennen.

Um bei einem Wettkampf im Powerlifting starten zu können, muss man mindestens 25 Kilogramm bei jeder Übung bewältigen. Weil die Langhantel bereits 20 Kilogramm wiegt, sind pro Seite noch 2,5 Kilogramm schwere Hantelscheiben nötig. Aufgrund meiner Kraft wäre ich laut von Hennig zumindest schon einmal wettkampffähig. An der Technik müsse ich noch arbeiten. „Jede Technik ist individuell, weil auch jeder Körper anatomisch unterschiedlich ist. Manche haben kurze Arme, andere dafür längere“, erklärt von Hennig. Dass das auch bei der letzten Disziplin, dem Kreuzheben, eine große Rolle spielt, wird sich noch zeigen. Kreuzheben ist laut von Hennig eine der einfachsten Übungen, weil man eigentlich nur etwas vom Boden aufhebt. Komisch, dass sie mir am schwersten fällt.

Kreuzheben

Die Langhantel liegt jetzt vor mir auf dem Boden. Ich beuge meinen Oberkörper nach vorne, greife die Stange und hebe sie auf. Mein Rücken muss dabei gerade bleiben. Am Ende spüre ich jeden Muskel im Bereich meiner Lendenwirbelsäule. Weil meine Arme viel kürzer sind, als die Arme von Friedrich von Hennig, fällt es mir doppelt so schwer, nicht zu sehr in die Knie zu gehen und ein Hohlkreuz zu machen. Dass Beugen, Heben und Drücken schwerer Gewichte besonders schädlich für Knochen und Sehnen sein sollen, sieht von Hennig anders. „Statistisch gesehen ist dieser Sport verletztungstechnisch am ärmsten“, sagt der Kraftsportler. „Wir führen die Übungen sehr langsam aus und achten auf eine saubere Technik.“

Den Aachener Kraftsportverein gibt es bereits seit 2015, mittlerweile mit knapp 100 Mitgliedern, darunter etwa 20 Frauen. Kraftsport sei zwar immer noch ein von Männern dominierter Sport, aber mittlerweile fänden immer mehr Frauen den Zugang zum Gewichte-heben, sagt von Hennig.

Das Probetraining mit Friedrich von Hennig hat mich nicht nur zum Schwitzen gebracht, sondern auch genau das gezeigt. Nämlich dass auch Frauen in der Lage sind, größere Gewichte zu bewältigen und Kraftsport nicht mehr nur ein Sport für echte Kerle ist. Auch wenn ich während unserer Trainingseinheit die einzige Frau im Studio war.