Städteregion: „Konzeption zivile Verteidigung“: Katastrophenschutz in der Region

Städteregion: „Konzeption zivile Verteidigung“: Katastrophenschutz in der Region

Marlis Cremer muss sich in ihrem Job ständig mit Katastrophen beschäftigen. Meist zum Glück nur theoretisch. Als Leiterin des städteregionalen Amtes für Ordnungsangelegenheiten, Rettungswesen und Katastrophenschutz ist sie dafür verantwortlich, dass den Menschen im früheren Kreis Aachen bei Notfällen schnell geholfen wird.

In der täglichen Praxis geht es da vor allem um die Organisation des Rettungsdienstes und der Feuerwehren. Der Katastrophenschutz spielt in der öffentlichen Wahrnehmung eher weniger eine Rolle. Doch das ändert sich jetzt mit der Diskussion um die „Konzeption zivile Verteidigung“ des Bundesinnenministeriums.

Ist für den Katastrophenschutz zwischen Baesweiler und Monschau zuständig: Amtsleiterin Marlis Cremer. Foto: Jutta Geese

Dass diese Konzeption mit Blick auf Gefahren durch terroristische Attacken vom Bund entwickelt worden ist, ist aus Sicht der Fachfrau nicht entscheidend. Natürlich habe sich durch den Terrorismus die Gefahrenlage verändert, es gebe neue Risiken. Das wolle sie auch nicht schönreden. Wichtig aber sei, dass überhaupt wieder über die Aufgaben des Katastrophenschutzes diskutiert werde.

„Im Katastrophenfall sind die Abläufe nämlich immer gleich, egal ob es sich um eine Naturkatastrophe oder um einen terroristischen Anschlag handelt. Es gibt da viele Szenarien“, sagt sie und ruft die Bilder von den verheerenden Überschwemmungen an der Elbe, vom tagelangen Stromausfall im Münsterland durch vereiste Hochspannungsleitungen, vom Schneechaos in der Städteregion vor ein paar Jahren und vom Erdbeben jüngst in Italien in Erinnerung.

Allen Szenarien sei gemein, sagt Marlis Cremer, dass „Ersthelfer“ die betroffene Bevölkerung selbst ist. „Wir tun immer so, als wäre das nicht wesentlich, als käme es nur auf die professionelle Hilfe an. Aber wer ruft diese denn herbei? Wer versucht als erstes, Feuer zu löschen oder Verletzte zu retten? Wer schippt als erstes Wasser aus Kellern?“ Es sei wichtig, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass der Staat zwar professionelle Hilfe organisieren muss, im Zweifel aber nicht überall gleichzeitig helfen kann und jeder aufgerufen ist, selbst Vorsorge für Notfälle zu treffen. „Warum regt man sich jetzt darüber auf, dass der Staat das einfach mal so aufschreibt in dem neuen Konzept?“, fragt die Katastrophenschützerin.

Das sei im Übrigen nicht wirklich neu: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gebe schon seit vielen Jahren einen „Ratgeber für Notfallvorsorge“ heraus mit Verhaltenstipps bei Unwetter, Feuer, Hochwasser und Gefahren durch chemische, biologische oder radioaktive Stoffe. Dieser enthalte Checklisten und die viel diskutierte Vorratsliste.

„Weil bei uns alles gut funktioniert — der Strom kommt aus der Steckdose, das Wasser aus der Leitung, und zwar immer, und das ist ja auch gut so —, sind wir nicht mehr gewöhnt, darüber nachzudenken, was wäre, wenn das mal länger nicht so ist.“ Schon einen mehrstündigen Stromausfall empfinde man dann als Katastrophe. Doch was, wenn der Strom tagelang und flächendeckend ausfällt? Oder kein Trinkwasser mehr fließt?

„Man braucht keinen Terrorismus, um sich auszumalen, was passiert, wenn wichtige Infrastruktur wegbricht, und wie gut es wäre, wenn man für solche Fälle ein wenig privat vorsorgt, um die Zeit überbrücken zu können, bis professionelle Hilfe eintrifft.“ Die Vorfälle im Atomkraftwerk Tihange haben ein klein wenig dazu beigetragen, dass der ein oder andere sich mit dem Thema beschäftigt, sagt Marlis Cremer. „Es ist das erste Mal seit 30 Jahren, dass ich von Bürgern danach gefragt werde.“

Den professionellen Katastrophenschutz im früheren Kreisgebiet sieht Marlis Cremer gut gerüstet. Es gibt — noch — ausreichend ehrenamtliche Helfer, die technische Ausstattung ist zwischen Baesweiler und Monschau, Herzogenrath und Stolberg zum Teil besser als gesetzlich gefordert, und sukzessive wird auch wieder ein Sirenenwarnsystem aufgebaut.

Denn, sagt Marlis Cremer: „Was nützt uns der beste Katastrophenschutz, wenn wir die Bevölkerung nicht warnen können? Wir müssen im Ernstfall Aufmerksamkeit wecken, und das geht am besten mit der guten, alten Sirene. „Natürlich werden auch alle modernen Kommunikationsmittel eingesetzt“, stellt sie klar. „Aber die sind oft auf Strom angewiesen, und wenn der ausfällt …“. Ihr Motto: Das Moderne nutzen, aber das Traditionelle nicht aufgeben.

Am Beispiel Stromausfall macht Marlis Cremer deutlich, vor welchen Schwierigkeiten der professionelle Katastrophenschutz steht. Längst nicht jede Einrichtung, beispielsweise Alten- und Pflegeheime, seien mit Notstromaggregaten ausgerüstet. „Der Gesetzgeber fordert das auch nicht“, beklagt sie. „Aber es wäre wichtig.“ Ihr Amt weiß auch nicht, wo es beispielsweise Pflegewohngemeinschaften mit Intensivpatienten gibt, die beatmet werden. Das ist nicht meldepflichtig. „Es reicht aber auch schon, wenn einfach die Heizung ausfällt, und die kranken Menschen unterkühlen.“

Aber selbst wenn ihr Amt alle kritischen Einrichtungen kennen würde, gilt: Die professionellen Helfer können nicht überall gleichzeitig sein. Deshalb wirbt Marlis Cremer dafür, dass die Menschen im Altkreis Aachen sich mit dem Thema beschäftigen, ohne in Panik zu verfallen. „Es gibt vieles, was man tun kann. Und das Wichtigste ist: sich zu informieren.“ Beispielsweise beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe oder beim zuständigen Amt der Städteregion.