Aachen: Konzentration auf den Kopf: Ausbildung zur Modistin

Aachen: Konzentration auf den Kopf: Ausbildung zur Modistin

Leonie Palm ist eine Rarität in Nordrhein-Westfalen. Sie ist eine von nur zehn Mädchen, die eine Ausbildung zur Modistin machen. Sie lernen, wie man Hüte anfertigt. „Ich wollte unbedingt etwas Kreatives machen“, sagt Leonie Palm.

Früher hat sie sich regelmäßig in der Woche mit Freundinnen zum Nähen getroffen. Eine Ausbildung zur Schneiderin hat sie nicht in Erwägung gezogen. Sie mag es, sich als angehende Modistin nur auf den Kopf zu konzentrieren. Noch hat die 22-Jährige keine eigene Hutsammlung zu Hause, ihre Ausbilderin Sandra Lausberg hingegen hat eine beachtliche Sammlung an Kopfbedeckungen. Zehn Hüte und 20 Mützen hat sie im Schrank. Ein Hut ist aber längst kein Liebhaberstück mehr. Hut wird wieder in, sagt Sandra Lausberg, die in Aachen ein Hutgeschäft hat. Ein Hut ändere die Körpersprache eines Menschen, sagt sie. „Wenn endlich der richtige Hut gefunden ist, verlassen Kunden den Laden viel aufrechter, als sie hineingekommen sind.“ Ein Beratungsgespräch bei ihr kann auch mal bis zu zwei Stunden dauern.

Dass der Beruf des Modisten ausstirbt, glaubt Sandra Lausberg nicht. „Der Beruf ist aber definitiv eine Nische“, sagt sie. Wer als Modist arbeiten will, habe nur eine Chance, wenn er sich selbstständig macht. Als Geselle im Laden zu arbeiten sei keine Option, denn man verdiene einfach zu wenig.

Bis Leonie Palm fertige Modistin ist, dauert es drei Jahre. Noch näht sie Etiketten in Hüte ein oder Kopfbänder, die den endgültigen Sitz des Hutes bestimmen. Den ersten eigenen Hut gezogen hat sie auch schon. Dabei setzt man eine sogenannte Stumpe zum Beispiel aus Filz auf eine Holzform und gibt ihr mit Hilfe von Dampf die spätere Form.

Danach wird über den Hutrand entschieden: abschneiden, umnähen oder abnähen. Leonie Palm arbeitet mit vielen Materialien wie Filz, Haarfilz, Leder oder Stroh. Das Haarfilz wird bis zu eine Stunde lang gebürstet, damit die einzelnen Härchen gleichmäßig in eine Richtung zeigen. Am Ende bekommt der Hut eine Garnitur. Also Verzierungen wie zum Beispiel Stoffblumen, die am Rand an den Hut angebracht werden. Bis ein handgemachter Hut fertig ist, dauert es bis zu fünf Stunden.

Neben dem Skizzieren, Entwerfen und Fertigen lernt Leonie Palm auch, wie man Hüte repariert oder ändert. Denn Hüte sollte man nachhaltig nutzen, sagt Sandra Lausberg. „Wer den alten Hut von Oma nicht mag, weil die Form zu unmodern ist, kann ihn jederzeit umarbeiten lassen. Auch kaputte Hüte können wir retten.“

Die schlimmsten Fälle, die bei ihr auf dem Tisch gelandet sind, waren ein Hut, der vom Bus überfahren wurde und einer, der in der Waschmaschine gelandet ist und einem Puppenhut glich. Den eingelaufenen Hut konnte sie nicht mehr retten, den vom Bus überfahrenen schon. Wenn Leonie Palm die Ausbildung zur Modistin abgeschlossen hat, würde sie am liebsten zum Theater. „Dort die Hüte für die Schauspieler auf der Bühne zu machen wäre mein Traum“, sagt sie. Bis es so weit ist, begnügt sie sich aber damit, die Kunden von Sandra Lausberg ein wenig aufrechter aus dem Laden gehen zu lassen.

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