Interview zum Reformbedarf in der katholischen Kirche: Kontrolle, geteilte Gewalten und die weibliche Perspektive

Interview zum Reformbedarf in der katholischen Kirche : Kontrolle, geteilte Gewalten und die weibliche Perspektive

Der Missbrauchsskandal hat die katholische Kirche nach Ansicht des Kirchenrechtlers Thomas Schüller, Direktor des Instituts für Kanonisches Recht an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, in eine moralische Katastrophe geführt; sie habe „im Moment jegliche Glaubwürdigkeit in diesem Punkt verloren“. Mit ihm sprach unser Redakteur Peter Pappert.

Herr Professor Schüller, wer muss die moralische Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherstellen?

Schüller: Zuvörderst die jetzt im Amt befindlichen Bischöfe. Sie haben ihre Scham und Betroffenheit geäußert; aber das ist nicht mehr ausreichend. Die betroffenen Opfer erwarten, dass jemand Verantwortung übernimmt. Versöhnung ist erst möglich, wenn jemand zu seiner Verantwortung steht und dafür sorgt, dass so etwas nicht mehr passiert. Auch die noch nicht so lange amtierenden Bischöfe müssten die Verantwortung ihrer Vorgänger übernehmen. Das wäre wirklich entlastend. Nur so gewinnt man Glaubwürdigkeit zurück.

Was heißt das konkret?

Schüller: Die Bischöfe müssen ungeschminkt reden. Es muss klare Pläne zur Prävention geben. Leitende klerikale Mitarbeiter in einzelnen Bistümern dürfen nicht länger denen, die aufklären wollen, Knüppel zwischen die Beine werfen. Man muss den Ursachen für Missbrauch ohne Rücksicht auf Verluste nachgehen.

Das heißt?

Schüller: Das heißt: tabuloses, ehrliches Sprechen über Homosexualität. Es gibt immer noch die Norm in der Ordnung für die Priesterausbildung, dass homosexuelle Priesteramtskandidaten nicht zur Weihe zugelassen werden dürfen. Was machen die also? Sie versuchen in den fünf Jahren im Seminar alles, um ihre Orientierung zu kaschieren. So ist ein natürlicher Zugang zur eigenen Sexualität gar nicht möglich.

Ihre Forderungen gehen weiter.

Schüller: Allerdings. Es muss endlich strukturelle Gewaltenteilung eingeführt werden. Es geht nicht, dass Kleriker sich nur selbst kontrollieren. Männer und Frauen des Volkes Gottes müssen die kirchliche Verwaltung kontrollieren; und dazu gehört auch der Personaleinsatz. Es ist ganz wichtig, dass Frauen in der Kirche mitentscheiden, denn sobald Frauen dabei sind, ändern sich sofort die Perspektiven und das ganze Miteinander.

Wird es solche Schritte geben?

Schüller: Ich bin sehr skeptisch, ob es überhaupt – geschweige denn schnell – gelingt. Ich bin skeptisch, ob Menschen verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Denn das ist der gravierendste Vertrauensverlust, den ich in mehr als 30 Jahren meiner Tätigkeit erlebt habe.

Akten sollten offengelegt und von unabhängigen Experten untersucht werden. Können die Verantwortlichen in den Bistümern das verweigern, weil es sich um Personalakten handelt?

Schüller: Da muss man eine Güterabwägung vornehmen. Der Kölner Kardinal Woelki hat diese Offenheit angekündigt – ohne Rücksicht auf Personenrechte. Er will die Akten kompetenten Forschern zur Verfügung stellen, um ein realistisches Bild zu erhalten. Das ist mutig; da muss man auch in den Clinch mit den eigenen Klerikern gehen. Die Notwendigkeit, in diesen Fällen gravierende Persönlichkeitsrechte außer Kraft zu setzen, ergibt sich aus der Schwere der Verbrechen. Das ist zwar sehr umstritten, aber man muss es radikal tun.

Sie sprechen von klerikalen und männerbündischen Strukturen, von einem absolutistischen System. Sind die Bischöfe selbst überhaupt in der Lage, das zu ändern?

Schüller: Nur die Bischöfe können es tun, aber sie brauchen unbedingt Unterstützung aus dem Volk. Mit männerbündisch meine ich, dass das kirchliche System eine bestimmte Klientel von Männern anzieht; und dann wird unter dem Mantel der geistlichen Begleitung geistliche Macht missbraucht. Das wird in der Studie ja beschrieben. Deshalb müssen unbedingt Frauen in alles eingebunden werden. Dafür muss man Dogma und Amt gar nicht grundsätzlich infrage stellen. Aber ich sehe nicht, dass es irgendjemanden gibt, der den Mut hätte, das so offensiv zu tun.

Es wird sich also nichts ändern?

Schüller: Ich befürchte das. Wenn es an denen scheitert, die vom Papst ernannt sind, liegt das eben am absolutistischen System. Die Sache stinkt vom Kopf; das muss man deutlich sagen. Der Papst will, aber er stößt auch bei den afrikanischen, ozeanischen, asiatischen Bischofskonferenzen auf Desinteresse. Wir brauchen Bischöfe, die den ganz normalen rechtsstaatlichen Grundstandard erfüllen, sich kontrollieren zu lassen. Das ist noch ein langer Weg.

Was können die engagierten Laien und ihre Räte in den Diözesen tun?

Schüller: Sie können Forderungen stellen – und zwar öffentlich. Sie können ihren Bischof auffordern, sich im Vatikan dafür einzusetzen, dass niemand, der sich zum Priesteramt berufen fühlt, wegen seiner sexuellen Orientierung ausgeschlossen wird. Das ist eine ganz handfeste Forderung.

Würden die Bischöfe solche Appelle ernstnehmen, oder würden sie es einfach aussitzen?

Schüller: Letzteres ist die hauptsächliche Haltung. Man wird es als wichtiges Anliegen bezeichnen und es doch als störend oder gar anmaßend empfinden. In der Kirchengeschichte hat es aber viele Jahrhunderte gegeben, in denen das Volk über die Besetzung von Ämtern entschieden hat. Und heute muss sich jeder, der sich um ein öffentliches Amt bewirbt, der Diskussion oder einem Assessment-Verfahren stellen. Warum in der Kirche nicht? Das ist genau das Männerbündische: In den geistlichen Bereich dringt kein Weltlicher ein.

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