Betrugs-Aufdecker: „Kommissar Kaffeefahrt“ räumt auf

Betrugs-Aufdecker : „Kommissar Kaffeefahrt“ räumt auf

Ex-Polizist Kipnowski jagt Senioren-Abzocker. In der Region sind – auch wegen ihm – kaum noch Betrüger aktiv. Auf der Visitenkarte, die ihm ein Freund gebastelt hat, steht: „Ganoven-Jäger“. Das ist ein bisschen flapsig, aber trifft es ganz gut.

Der ehemalige Kriminaloberkommissar Hermann Kipnowski aus Aachen-Brand hat auch nach seiner Pensionierung nicht aufgehört, Ganoven zu jagen.

Etwa 200 Veranstaltungen hat er inzwischen auffliegen lassen, sagt er. Kipnowski war nach seiner Tischlerlehre 40 Jahre lang bei der Polizei, zunächst beim Grenzschutz, dann bei der Autobahnstreife, am Ende als Oberkommissar beim Erkennungsdienst in Köln. Da ging es um Spurensicherung, an manchen Tagen auch um die Identifizierung von Leichen. Mit Betrügern hatte er es selten zu tun.

Das änderte sich, als er 1995 in den Ruhestand ging. Seine damalige Lebensgefährtin wurde selbst Opfer, kam mit einer ebenso überteuerten wie wertlosen „Magnetbett­auflage gegen Elektrosmog“ von einer Kaffeefahrt zurück. Der Kommissar in ihm erwachte, er begann sich für die Szene zu interessieren. Und wenn Hermann Kipnowski einen Fall annimmt, dann wird er auch nicht mehr abgegeben. Vor ein paar Tagen wurde er 83 Jahre alt, er ist immer noch aktiv. Er ist der „größte Szenekenner“, hat die Süddeutsche Zeitung, die nicht zu Superlativen neigt, über ihn geschrieben. Kipnowski ist der „Kommissar Kaffeefahrt“. In seinem Haus hat er ein Arbeitszimmer eingerichtet, in dem Material sammelt. Die Stapel werden nicht kleiner.

Vor ein paar Tagen hat er wieder eine Zuschrift aus dem Ruhrgebiet erhalten, eine Familie wurde zum „Tagesausflug zur Besichtigung des Schiffshebewerkes Henrichenburg“ eingeladen. Kipnowski kennt den Veranstalter bereits, er verfügt auch im vorgerückten Alter über ein beneidenswertes Namens- und Detailgedächtnis. Die Firmennamen ändern sich rasend schnell, die Hintermänner bleiben oft identisch. Früher ist er häufiger selbst mitgefahren.

Er hat oft mitbekommen, wie die Berater die Zuhörer umschmeicheln, wie sie drohen, scherzen, lügen und einschüchtern. „Kommissar Kaffeefahrt“ kennt die Busse, die Ausflugslokale mit ihren Hinterzimmern. Und er kennt die Ware, die oft nur einen Ramschwert hat. Magnetfeldmatte und Heizdecken, gerne auch Nahrungsergänzungsmittel für ein paar tausend Euro, die in Wahrheit nur einen Bruchteil kosten. Die Berater passen ihre Preise dem Publikum an, sagt der Szenekenner.

Machen sie viel wertvollen Schmuck in den Reihen der Besucher aus, ändern sich die Tarife entsprechend. Mit Fahrten und vermeintlichen Schnäppchen zu werben, ist erlaubt. Erst, wenn Geld fließt, „erst dann kann ich zuschlagen“, sagt er. Weil kaum ein Organisator dieser Reisen seine Veranstaltung angemeldet hat.

Bei der „Saisonabschlussfahrt“ nach Henrichenburg kann Kipnowski nicht selbst mitfahren. Inzwischen ist er zu bekannt geworden. Er braucht nun Strohmänner, die sich einschleichen, aber geeignetes Personal zu finden, das gerichtsfeste Fakten sammelt ist, ist schwierig. Manchmal fährt Kipnowski auch heute noch den Bussen hinterher.

Inzwischen sind die „Dienstfahrten“ länger geworden, in der Region finden kaum noch Kaffeefahrten statt. Das ist auch das Verdienst von Kipnowski. „Er hat hier vor Jahren bereits gewirbelt und richtig aufgeräumt“, sagt Paul Kemen, der Sprecher des Aachener Polizeipräsidiums. Auch von anderen Behörden kommen Dankesschreiben. Der Polizeipräsident von Mittelhessen hat eine Urkunde ausgestellt, weil Kipnowski „wesentliche Hinweise zu den Strukturen und Verflechtungen“ dieser kriminellen Szene gegeben habe.

Vor ein paar Tagen hat sich Kipnowski bei der „Bundesfachtung für das Gewerberecht“ in Potsdam weitergebildet. Die Masche ändert sich gerade, sagt der Experte. Verkauft wird nicht mehr während der Kaffeefahrt, vielmehr notieren sich die Betrüger Interessierte, um sie später bei Hausbesuchen zu „überzeugen“. Kipnowski ist auch nicht bange, Dienstaufsichtsbeschwerden gegen seine Ex-Kollegen der Mitarbeiter des Ordnungsamts zu schreiben, wenn er den Eindruck hat, dass nur zögerlich ermittelt wird.

Eigentlich hat Hermann Kipnowski noch ein ganz anderes Hobby. Er hat mehr als 1000 Polizeiuniformen, alte Radargeräte, Tatortkoffer, historische Fernmeldeapparate, Fingerabdruckbögen und auch ehrwürdige Dienstvorschriften zusammengetragen. Vor vielen Jahren hat er einen Teil der Exponate im alten Justizvollzugsanstalt Moulenshöh ausgestellt. Seitdem ist eine der größten Polizei-Sammlungen Europas nur noch eingelagert. Aber weil das so ist, kümmert er sich mit Elan um die andere Aufgabe.

 Gerade bereitet er eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Bochum gegen eine Firma aus Papenberg vor, die mit kostenlosem Frühstück, maritimen Mittagessen und Besichtigung einer Werft gelockt hatte. Kipnowski listet Verstöße gegen das Gesetz gegen unzählige Verordnungen, Gesetze und Verbote akribisch auf, liefert entsprechende Urteile sachkundig gleich mit. Zudem dürfte der „Tatbestand des Wuchers“ gegeben sein, hält er fest. Ein Vibrationstrainer, der sich für schlanke 150 Euro bestellen lässt, wurde für 2700 Euro verkauft.

Schärfere Gesetze?

Warum sind Opfer fast immer im vorgezogenen Alter? „Das sind die Menschen, die darauf vertrauen, dass ein gegebenes Wort noch eingehalten wird,“ sagt der 83-Jährige. Ältere Menschen freuen sich, wenn es mal eine Einladung zum Ausflug mit anderen Senioren gibt. Jährlich etwa fünf Millionen Menschen nehmen an solchen Fahrten teil. Die Bundesregierung prüft gerade, ob die Gesetze verschärft werden sollen. Die Dunkelziffer der Geprellten dürfte hoch sein, die Scham ist groß, wenn der kostenlose Ausflug so teuer bezahlt wird.

An die Banden heranzukommen, ist auch für die Justiz mühsam. Die Veranstalter verschleiern ihre Herkunft. Für Käufer ist es oft nicht mehr möglich, die Firma ausfindig zu machen. Zudem werden die Unternehmen häufig nach kurzer Zeit wieder aufgelöst oder planmäßig in die Insolvenz geführt, so dass Ansprüche nur mit großen Schwierigkeiten geltend zu machen sind. Kipnowski kennt einen Fall, bei dem ein Ehepaar 40.000 Euro verloren hat. Das ist sein Anreiz. Er will diesen Sumpf möglichst trockenlegen. „Ich bin alt und habe Zeit, nichts Besseres zu tun“, sagt er. Er wird keine Ruhe geben.

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