Region: Kommentiert: Nicht wenige Radiohörer vermissen Reporter-Legenden

Region: Kommentiert: Nicht wenige Radiohörer vermissen Reporter-Legenden

„Halten Sie mich für verrückt, halten Sie mich für übergeschnappt. Aber ich glaube, auch Fußball-Laien daheim sollten ein Herz für die deutsche Mannschaft haben.“

Herbert Zimmermann liebte es patriotisch und laut — wie in diesem Satz im WM-Finale der deutschen Fußballer 1954 gegen Ungarn. Er kommentierte und bilanzierte in einer unvergleichlichen Art, mal mit gewagtem Satzbau, mal in endlos langen Sätzen, mal sehr persönlich. So bei einem Länderspiel der DFB-Auswahl in Moskau gegen die Sowjetunion, als er über den Äther den Satz in die Heimat schickte: „Jupp Posipal, Du bist mein Freund und Du bist wie ich aus Hamburg, aber das war ganz klar Dein Fehler.“

Herbert Zimmermann sprach fast immer ohne Punkt und Komma und immer mit viel Empathie. Für heutige Radioreportagen-Konsumenten vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber mit seinen bewegenden Schilderungen wurde dank diverser Hörbücher schon so mancher Stau im Auto erträglich. Und wer kennt ihn nicht? Selbst heute 15- oder 16-Jährigen muss niemand erklären, dass es Zimmermann war, der den Triumph der 1954er-Fußball-Weltmeister in die Heimat schrie. Sie wissen schon: „Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!“

Und heute? Oft beschleicht einen das Gefühl, dass die Nach-Nachfolger Herbert Zimmermann nacheifern wollen. Zumindest was die Lautstärke angeht. Nicht wahr, Frau Töpperwien? Das Spezielle der Zimmernmannschen Fußball-Übertragungen kann indes kaum noch jemand transportieren, diese Mischung aus Fachwissen und Begeisterung, mit einer sich nicht selten überschlagenden Stimme.

Die erste Generation nach Zimmermann zog den Zuhörer noch oftmals in seinen Bann. Der Livebericht des Kölners Kurt Brumme etwa vom denkwürdigen Halbfinale bei der Fußball-WM 1970 in Mexiko gegen Italien sorgt noch 47 Jahre später für Gänsehaut. Sein 1997 viel zu früh gestorbener NDR-Kollege Armin Hauffe war ein ausgezeichneter Analytiker, und der Nürnberger Günther Koch polarisierte ganz einfach. Man mochte ihn, oder man mochte ihn nicht. Aber er war nie beliebig — wie so viele der heutigen Generation, die Lautstärke und Schreivermögen mit Kompetenz gleichsetzen. Sachlich, wenn nötig und witzig, wenn möglich, das war ein Manni Breuckmann bei der legendären Bundesliga-Konferenz im Duett mit Jochen Hageleit, es waren Reporter mit Ecken und Kanten.

Und heute? Man wünscht sich nicht selten den Zimmermann zurück, mit all seinen Macken und trotz seiner rhetorischen Ausrutscher, den Brumme, den Breuckmann. Klasse und Stil lässt sich halt nicht mit einem „Tor-Tor-Tor-Stakkato“ ersetzen. Die hohe Kunst des Erzählens ist längst einem boulevardesken Stil gewichen, und man vermisst Sätze wie: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt. Tooor, Tooor, Tooor.“

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