Aachen/Düren: „Knöllchen-Streit“: Die Eskalation eines Polizei-Einsatzes

Aachen/Düren : „Knöllchen-Streit“: Die Eskalation eines Polizei-Einsatzes

Die Ereignisse am 12. November klingen brutal. Im Streit um ein Knöllchen soll ein 29-Jähriger aus Düren am 12. November mit einem Radmutterschlüssel so heftig auf einen Polizisten eingeschlagen haben, dass er bis heute seinen Dienst nicht wieder aufnehmen konnte.

Ihm wurde die Augenhöhle gebrochen. Seit Freitag muss sich der 29-Jährige gemeinsam mit seinem 28-jährigen Bruder und dem Vater (47) vor dem Landgericht Aachen für den Vorfall verantworten. Zur Sache äußerte sich am Freitag noch niemand. Doch was die Brüder zu ihrer eigenen Person gegenüber der Vorsitzenden Richterin Regina Böhme sagten, steht in krassem Gegensatz zu einer brutalen Attacke: Die drei zeichneten das Bild einer christlichen Familie, die tief im Wertekanon ihres Glaubens verwurzelt ist.

Am Freitag beginnt vor dem Aachener Landgericht der Prozess gegen einen Vater und zwei seiner Söhne. Sie sollen im November in Düren Polizisten angegriffen und einen von ihnen schwer verletzt haben. Foto: Ralf Roeger

Gabriel S. soll laut Anklage den damals 37-jährigen Polizeibeamten mit Faustschlägen traktiert und dann mit dem Werkzeug attackiert haben. Der kräftige 29-Jährige ist zweifacher Familienvater, lebt mit seiner Familie im Haus der Eltern. Während sich der Vater zum Prozessauftakt vor den Fotografen und Kamerateams hinter Akten versteckte, der Bruder die Hände vors Gesicht hielt, schaute der 29-Jährige Hauptangeklagte in die Kameras. Wie sein Bruder sei er Messdiener in Düren gewesen, erzählte er. Immer noch arbeite er ehrenamtlich für die Kirchengemeinde. „Wir besuchen jeden Sonntag die Messe“, sagte er. Und: „Wir sind von unseren Eltern so erzogen worden, nichts Schlechtes, sondern nur Gutes zu tun.“

Nach Deutschland kam die Familie vor rund 30 Jahren. Die assyrischen Christen sind aus der Türkei geflüchtet, alle neun Kinder wurden in Deutschland geboren. Der älteste Sohn, der 29-Jährige, hat eine Ausbildung bei einer Bank abgeschlossen, dann ein BWL-Studium begonnen und einen Monat vor dem Vorfall eine neue Stelle als Bauleiter angetreten. Seinen Job hat er nach zwei Monaten U-Haft verloren. Jetzt will er eine Ausbildung zum Betriebswirt fortführen.

Das Bild einer normalen, intakten und friedfertigen Familie zeichnet auch sein jüngerer Bruder. „Nach dem Fachabitur wollte ich selber Polizist werden. Ich habe aber den Einstellungstest nicht bestanden, weil ich an dem Tag zu nervös war.“ Auch er ist verheiratet und wird Ende des Jahres Vater. Er studiert im 7. Semester an der TH Köln Banking and Finance, steht kurz vor seiner Bachelorarbeit.

Passt das alles zu dem, was Staatsanwalt Joel Güntert in seiner Anklage schildert? Der Streit um ein harmloses Knöllchen, der so eskaliert? Der Vater, der den Mitarbeiter des Ordnungsamtes gar mit dem Tod bedroht haben soll, wenn er sich noch einmal in „seiner“ Straße blicken lassen sollte? Passt dazu auch, dass selbst der 16-jährige Sohn und Bruder im gleichen Fall nach dem Jugendstrafrecht wegen Körperverletzung vor dem Amtsgericht Düren angeklagt worden ist?

Der Vater verweigert zum Prozessauftakt selbst die Angaben zur eigenen Person. Dabei gibt es eine Vorgeschichte. Laut Anklage soll der Familienvater versucht haben, einen Mitarbeiter des städtischen Tiefbauamtes zu bestechen. Er wollte eine Genehmigung für die Absenkung eines Bordsteins erhalten. Die bekam er auch, aber nur mit der Auflage, einen zugelassenen Handwerksbetrieb zu beauftragen. Der Vater wollte wohl eine kostengünstigere Variante durchsetzen. Der Mitarbeiter der Stadt ist als Zeuge geladen, hat aber Angst vor einer Aussage. Er „befürchtet private Übergriffe“, sagte Richterin Regina Böhme. Die soll es auch schon in anderen Fällen gegeben haben, berichtete Rechtsanwalt Christoph Arnold, der die Nebenkläger vertritt: „Andere Mitglieder der Familie haben Polizeibeamte bis nach Hause verfolgt.“

„Wenn es etwas zu gestehen gibt, wirkt nur ein frühzeitiges Geständnis strafmildernd“, betonte die Richterin. Ob die Mahnung Gehör findet, wird sich am Dienstag zeigen. Dann wird der Prozess fortgesetzt. Der jüngere der beiden Brüder hat angekündigt, eine Erklärung verlesen zu wollen.

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