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Knochenarbeit in den Trümmern, die ein Archiv waren

Knochenarbeit in den Trümmern, die ein Archiv waren

Köln. Männer in weißen Anzügen arbeiten sich mit Haken und Schaufeln durch die Trümmer. Hin und wieder entdecken sie zerrissene Dokumente oder auch noch halbwegs erhaltene Bücher.

Letztere werden dann in blaue Boxen gebracht - schließlich ist es dieses Kulturgut, nach dem die Männer in einer Recyclinghalle in Köln-Porz suchen. „Die Arbeit ist körperlich ganz schön anstrengend - das geht auf die Knie, den Rücken und die Arme”, sagt John Sprich, der sich mit seinen Kollegen täglich durch den Trümmerhaufen arbeitet. Durch jene Trümmer, die einstmals das Kölner Stadtarchiv und zwei Nachbarhäuser waren.

In der Halle in Köln-Porz werden - wie auch an der Unglücksstelle im Severinsviertel - die Dimensionen deutlich, die die Folgen des Einsturzes für das kulturelle Gedächtnis der Stadt haben. Pro Tag rollen hier durchschnittlich acht Lkw mit Trümmern von der Unglücksstelle auf der anderen Rheinseite an - pro Ladung liefern sie 18 Tonnen Schutt an, aus dem die 40 bis 50 Bauhelfer das wertvolle Archivmaterial bergen sollen.

„In dieser Halle geht es nur darum, den Schutt von den Archivalien, den Wertgegenständen sowie den Privatsachen der Anwohner zu trennen. Die Aufarbeitung des eigentlichen Archivmaterials geschieht dann in einer anderen Halle - unserem sogenannten Erstversorgungszentrum”, erläutert Archivar Max Plassmann. Dort werden die Fundstücke von Archivaren, Restauratoren oder Hilfskräften soweit möglich wieder aufgearbeitet.

Anschließend soll das Archivmaterial in den verschiedenen Archiven des Rheinlandes zwischengelagert werden - bis das Historische Archiv der Stadt Köln neu entstanden ist.

Archivmaterial, das nass geworden ist, wird in Münster von Fachleuten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe behandelt. Sie sollen den Archivalien die Feuchtigkeit entziehen.

So gewaltig das Trümmerfeld am Unglücksort in der Kölner Südstadt ist, so riesig sind auch die Dimensionen in der Halle, in der Bauhelfer Sprich und seine Kollegen arbeiten. „Manches Archivmaterial ist total zerfleddert, anderes noch halbwegs gut erhalten”, sagt der 25-Jährige. Wobei oft erst etliche Kubikmeter Schutt beiseite geräumt werden müssen, ehe die Bauhelfer das Archivmaterial oder eben auch Privatgegenstände entdecken.

Rund 30 Regal-Kilometer Archivmaterial und mehrere zehntausend Bücher wurden am 3. März beim Einsturz des Stadtarchivs verschüttet, zwei Anwohner kamen ums Leben. „Laut dem Archivalien-Verzeichnis sind bei den Bergungsarbeiten die Reste der vierten bis sechsten Etage bereits geborgen. Nun fehlen noch die Trümmer der drei unteren Etagen und des Kellers”, berichtet Plassmann.

Unter den Trümmern werden immer wieder vergleichsweise gut erhaltene Schriftstücke entdeckt. Darunter ist ein Teil des Nachlasses des CDU-Politikers Konrad Adenauer aus seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister oder auch mittelalterliche Handschriften.

Doch immer wieder stoßen die Bauarbeiter auch auf völlig zerrissene Schriftstücke. „Die wahre Sisyphosarbeit beginnt dann bei der Bearbeitung des Archivmaterials”, sagt Bauhelfer Sprich.

Wie lange die Arbeiten zur Wiederherstellung des Archivs dauern und wie viel Erfolg sie haben, ist derzeit noch unklar. Einige Schätzungen sprechen davon, dass es rund 20 Jahre dauern könnte. „Das besondere Problem ist, dass das Archivmaterial jetzt auseinandergerissen ist. Die Verfahren, wie das Material behandelt werden soll, sind bekannt. Aber die Masse schafft Probleme”, betont der Pressesprecher des Kulturdezernats der Stadt Köln, Peter Schelenz.

Den letzten größeren Verlust eines gesamten Archivs habe es in Deutschland im Zweiten Weltkrieg gegeben - weil Gebäude abbrannten, sagt Plassmann. Fälle, in denen ein gesamtes Stadtarchiv einstürzte, sind bislang nicht bekannt. Die Experten in Köln müssen deshalb neue Wege beschreiten - und die führen zunächst durch das Trümmerfeld in der Porzer Recyclinghalle.