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Kliniken in NRW sammeln Erfahrungen bezüglich Blutplasma und Corona

Hoffnungsträger Blutplasma : Großer Beratungsbedarf an Unikliniken

Im Blutplasma geheilter Corona-Patienten sind mutmaßlich wertvolle Antikörper. Für die Behandlung von schwerstkranken Covid-19-Patienten könnte das eine Hilfe sein. Mehrere Kliniken in Nordrhein-Westfalen sammeln gerade Erfahrungen.

Genesene Coronavirus-Patienten waren Anfang April plötzlich die großen Hoffnungsträger. Zahlreiche Kliniken in Deutschland riefen diese Menschen dazu auf, Blutplasma zu spenden. Mit Hilfe der Antikörper, die sich in ihrem Blut gebildet hatten, soll schwerkranken Covid-19-Patienten geholfen werden. Was ist in Nordrhein-Westfalen aus dem Aufruf geworfen und wie ist die Lage an den Unikliniken bei diesem Thema? Eine Umschau:

An der Uniklinik Münster übertraf die Resonanz bislang alle Erwartungen. Weit über 4000 Menschen haben sich in den vergangenen Wochen gemeldet. Auch der CDU-Politiker Friedrich Merz hatte getwittert, Kontakt mit den Medizinern aufnehmen zu wollen. Wie kompliziert aber die Identifizierung von möglichen Spendern ist, zeigt der mehrseitige Online-Fragebogen, den Spendenwillige ausfüllen müssen. Viele fallen dann durchs Raster.

In der Uniklinik in Aachen laufen derzeit noch die Vorbereitungen. Nach Auskunft eines Sprechers werden derzeit mögliche Spender angeschrieben. Behandelt worden sei noch kein Patient mit der Blutplasma-Therapie. Bei diesen individuellen Heilversuchen sei besondere Vorsicht angezeigt. Die Uniklinik Bonn hat zuletzt mehrere hundert Emails von genesenen Covid-19-Patienten erhalten.

„Nicht jeder kommt als Spender in Frage. Es gibt die gleichen Kriterien wie bei der herkömmlichen Blutspende“, erklärt der Mediziner Hartmut Schmidt von der Uniklinik Münster. Dennoch sei jede Krankengeschichte als auch die Typisierung, wer eventuell als bester Spender die beste Verdünnungsstufe - den sogenannten Antikörpertiter - aufweise, von enormer Bedeutung. „Die besten Spender zu identifizieren kann mehrere Wochen bis hin zu einigen Monaten dauern“, erklärt Schmidt.

Bei etwa einem Drittel der Meldungen ergebe sich am Ende ein Termin für die Plasmaspende, heißt es aus Bonn. „Wir gehen davon aus, dass die meisten der Plasmaspenden dann auch für die Anwendung bei Covid-19-Patienten geeignet sein werden“, sagt Johannes Oldenburg, Direktor des Instituts für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin der Uniklinik Bonn. Voraussetzung sei, dass das Plasma eine ausreichend hohe Menge an Antikörpern enthalte.

Der Beratungsbedarf bei den möglichen Spendern ist groß. „Man merkt auch, dass die medizinischen Anlaufstellen Engpässe für die Bevölkerung aufweisen und weniger schwer Erkrankte nicht immer Ansprechpartner für ihre Fragen finden. Man hört auch sehr unterschiedliche Betreuungen durch die regionalen Gesundheitsämter heraus“, erklärt Schmidt, der in Münster die Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie leitet.

Auch Oldenburg spricht von einem großen Informationsbedarf, weil zusätzliche Kriterien erfüllt sein müssten. Voraussetzung ist ein positiven Test zu Beginn der Erkrankung sowie ein aktueller negativer Abstrich. Zudem dürfen die potentiellen Spender nicht stationär behandelt worden sein. „Vor der Qualifizierung zur Plasmaspende finden zwei bis drei Arztgespräche statt“, sagt Oldenburg.

Münster durchläuft derzeit das Stadium, in dem Freiwillige getestet werden. Ist das Ergebnis vielversprechend, kann eine einzelne Plasmatherapie auch bereits jetzt umgesetzt werden. „Um jedoch angereicherte Antikörper gewinnen zu können, benötigen wir zusätzlich spezielle Analysen, die in Kooperation aktuell aufgebaut werden“, sagt Schmidt. Im nächsten Schritt wäre dann am ehesten ein industrieller Partner für die Produktion erforderlich.

In Bonn wurde mit der Herstellung von Plasma von Genesenen bereits begonnen. Die Präparate sollen seit der zweiten Aprilhälfte für die Behandlung von Covid-19-Patienten zur Verfügung stehen.

Dabei nutzen die Kliniken in NRW das bekannte Prinzip: Wer eine Krankheit durchgemacht hat, bildet Antikörper gegen die Erreger und ist künftig immun. Die Abwehrkräfte anderer sollen somit schwerkranken Covid-19-Patienten helfen. Erfahrungen aus China haben gezeigt, dass der Krankheitsverlauf gemildert und verkürzt wurde.

Forscher sprechen von ermutigenden Ergebnissen. Den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit aber können nur klinische Studien über einen längeren Zeitraum und mit mehr Patienten erbringen.

Bei Patienten, die aufgrund einer Grunderkrankung keine eigene Abwehr aufweisen, kann nach Ansicht von Schmidt die Plasmatherapie bereits eingesetzt werden. „Da jedoch eine Plasmatherapie auch Nebenwirkungen machen kann, benötigen wir für breiter aufgestellte Heilversuche oder Studien mehr Zeit, um ideale Spender zu identifizieren“, erklärt der Münsteraner Forscher. Auch das Krankheitsstadium spiele eine Rolle. In einem zu späten Stadium kann die Plasmatherapie eventuell keinen Nutzen mehr zeigen. Dies gelte übrigens auch für alle anderen Medikamente, die zur Zeit diskutiert werden. „Wir müssen bei der Therapie unterscheiden zwischen der Therapie gegen Covid-19 und der Therapie gegen Covid-19-induzierte-Schäden wie bei Entzündungen.“

Mit einer Spende von 600 bis 800 Millilitern Plasma können die Mediziner ein bis zwei Patienten behandeln. Die Therapie soll deshalb nur bei den Schwerstkranken angewendet werden.

Schmidt hofft, dass noch im Mai in verschiedenen deutschen Zentren die Plasmatherapie eingesetzt werden kann. Sein Kollege aus Bonn differenziert ebenfalls beim Ausblick. „Ein Teil der Anwendung findet als individueller Heilversuch, ein weiterer Teil im Rahmen von klinischen Studien statt“, sagt Oldenburg. Diese Studien können erst mit Verzögerung beginnen, weil längere Genehmigungsprozesse vorgeschaltet sind. Oldenburg: „Ich rechne mit ersten belastbaren Ergebnissen in etwa drei Monaten.“