Aachen/Gießen: Kleinkriminelle aus Aachen eine dreifache Mörderin?

Aachen/Gießen : Kleinkriminelle aus Aachen eine dreifache Mörderin?

Die Gießener Staatsanwaltschaft muss sich derzeit mit einem für die deutsche Rechtsgeschichte außergewöhnlichen Fall befassen: Es geht um mindestens drei Raubmorde. Ein Blick in die Gefängnisse zeigt, dass Raubmord eine Männerdomäne ist.

In diesem Fall aber steht eine 35-jährige Frau aus Aachen unter dem Verdacht, einen Gießener und zwei Düsseldorferinnen ausgeraubt und ermordet zu haben.

Ende Mai war die 35-Jährige in Aachen unter dem dringenden Tatverdacht zunächst eines Mordes festgenommen worden. Ihre DNA war nach Angaben der Staatsanwaltschaft unter den Fingernägeln eines Mannes in Gießen (79) gefunden worden, der am 3. April erschlagen in seiner ausgebrannten Wohnung lag. Die Aachenerin war bis dahin durch kleinere Diebstahlsdelikte in den letzten Jahren aufgefallen.

Auch dem 79-Jährigen hatte sie im März 2014 „einen vierstelligen Betrag“ gestohlen, wie Thomas Hauburger, Sprecher der Gießener Staatsanwaltschaft am Mittwoch auf Anfrage sagte. Das Todesopfer war in seiner Region als Zauberer „Riconelly“ bekannt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Frau den Mann ein Jahr nach der ersten Tat erneut ausrauben wollte und den Brand gelegt hat, um den Mord zu vertuschen.

Die Polizei wäre auch ohne DNA auf die Aachenerin gestoßen. Ihr Name fiel bei Zeugenvernehmungen, weil der Zauberer Kontakt zu ihr hatte: Die gebürtige Aachenerin war die ehemalige Nachbarin von „Riconelly“. Nach Angaben der Gießener Staatsanwaltschaft hat die 35-Jährige acht Jahre — bis 2015 — in Gießen gelebt. Danach sei sie kurz nach Düsseldorf gezogen, bevor sie nach Aachen zurückgekehrt sei.

In ihrer Wohnung in Aachen entdeckten die Ermittler dann neben vielen anderen zwei EC-Karten. Sie hatten einer Mutter (86) und ihrer Tochter (58) in Düsseldorf gehört. Das Erschreckende: Auch diese beiden waren etwa einen Monat nach der Tat in Gießen in ihrer Wohnung im Stadtteil Bilk tot gefunden worden. Bis zum Anruf der Gießener Ermittler war die Düsseldorfer Polizei von einem erweiterten Suizid ausgegangen. Erst seitdem wird in dem Fall der toten Mutter und ihrer Tochter wie in einem Mord ermittelt.

Das letzte Lebenszeichen der beiden Düsseldorferinnen ist der Beleg eines Einkaufs der 58-jährigen Tochter in den Bilk-Arkaden vom 7. Mai, 18.33 Uhr. Um 23.50 Uhr wurde mit ihrer EC-Karte von einer mit einem Halstuch vollständig vermummten Frau bei einer Bank im Düsseldorfer Stadtteil Bilk Geld abgehoben. Deswegen geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass sich die Tat an diesem Abend zugetragen hat.

Die DNA der Aachenerin ist in der Düsseldorfer Wohnung nicht gefunden worden. Dennoch ist die Beweislast auch in diesem Fall erdrückend: In der Wohnung der Aachenerin wurde eine Schmuckschatulle sichergestellt, „die definitiv aus der Wohnung der Düsseldorfer Opfer stammt“, sagte Hauburger. Außerdem habe sich die 35-Jährige am Tag der Tat in Düsseldorf aufgehalten. Zudem sei in allen drei Fällen der Modus Operandi ähnlich. „Alle Opfer waren älter und kamen durch stumpfe Gewalteinwirkung zu Tode“, sagte Hauburger. „Wir haben eine ganze Reihe von Hinweisen und Indizien, die so schwer wiegen, die den dringenden Tatverdacht belegen.“

Bei Angaben zur Tatverdächtigen selbst hält die Staatsanwaltschaft sich zurück. Sie stamme aus einem normalen sozialen Umfeld und sei erst in den letzten Jahren als Kleinkriminelle aufgefallen. „Es handelt sich jedenfalls nicht um eine Tatverdächtige mit jahrzehntelanger Delinquenz mit schweren Taten“, sagte Hauburger. Zum Zeitpunkt der Tat sei sie nicht berufstätig gewesen.

Für die Ermittler sind noch einige Fragen offen, denn in der Aachener Wohnung wurden weitere Gegenstände gefunden; ein Silberbesteck, alte Kameras, Schmuck. Doch niemand weiß, wo das alles herkommt, und die 35-Jährige schweigt eisern zu allem, das in Zusammenhang mit den Taten stehen könnte. Am Mittwoch veröffentlichten Staatsanwaltschaft und Polizei Gießen deswegen einen Fahndungsaufruf. Sie hoffen auf Hinweise zum Tathergang oder zu den sichergestellten Gegenständen. Damit will die Staatsanwaltschaft auch ihre bisherigen Ermittlungen verifizieren „und ausschließen, dass es sich um eine andere Beschuldigte handelt“.

Ein Größenvergleichsgutachten soll zudem Hinweise darauf geben, ob die Größe der vermummten Frau, die auf den Bildern der Überwachungskamera zu sehen ist, mit der Größe der Aachenerin übereinstimmt.

Ob am Ende möglicherweise noch mehr Taten auf das Konto der 35-Jährigen gehen, ist völlig offen. „Wir haben keine konkreten Hinweise auf weitere Taten, überprüfen das aber“, sagt Hauburger, „ausschließen können wir das bei den bisherigen Erkenntnissen aber nicht.“