Aachen: Kindesmissbrauch: „Therapie kann keine Wunder vollbringen“

Aachen : Kindesmissbrauch: „Therapie kann keine Wunder vollbringen“

Das Verfahren gegen zwei pädophile Männer vor dem Landgericht Aachen wird am Donnerstag fortgesetzt. An dem Prozess sind drei Gutachter beteiligt, die am Ende des Verfahrens feststellen müssen, ob bei den Angeklagten eine gravierende psychische Störung vorliegt, die ihre Schuldfähigkeit beeinträchtigt, und ob sie für die Allgemeinheit gefährlich sind.

Dr. Klaus Elsner ist ein erfahrener Gerichtsgutachter, der an diesem Verfahren nicht beteiligt ist. Bis vor kurzem war er therapeutischer Leiter einer forensischen Abteilung der LVR-Klinik in Viersen. Für das gemeinnützige „Institut für Opferschutz und Täterbehandlung“ (IOT) bietet er Beratungen für Pädophile an. Mit dem Forensiker sprach unser Redakteur Christoph Pauli.

Welche Möglichkeiten hat ein Gutachter, sich an fünf Verhandlungstagen ein Bild von Beschuldigten zu machen?

Klaus Elsner: In diesem Verfahren gibt es ein umfangreiches Akten- und Videomaterial mit entsprechenden Hinweisen. Zudem können die Erkenntnisse aus anderen Verfahren herbeigezogen werden. Ich weiß nicht, ob meine Kollegen die Gelegenheit zur Untersuchung hatten. In der Regel kann man durch eine mehrstündige Exploration schon ein ziemlich genaues Persönlichkeits- oder Störungsprofil erhalten.

Ist der Fall in Aachen typisch für eine Anklage gegen Pädophile?

Elsner: Die Gruppe der pädophilen Männer ist recht heterogen, Verallgemeinerungen sind schwierig. Nach der Lektüre der Berichterstattung würde ich eher von einem atypischen Fall sprechen, weil hier zwei Dinge zusammenkommen. Einerseits liegt wohl Pädophilie, also eine deutliche Präferenz für präpubertäre Kinder vor. Andererseits klingt es nach einer ausgeprägten Dissozialität, also einem hohen Maß an krimineller Energie und Aggressivität, fehlender Empathie und antisozialem Verhalten. Die Gruppe der pädophilen Männer mit kriminellen, nahezu sadistischen Handlungen ist klein. Und eher selten gibt es Übergriffe gegenüber dem eigenen Kind.

Pädophilie ist nach aktuellem Forschungsstand nicht heilbar, es gibt auch keine kausale Erklärung dafür, wie die Störung entsteht. Steht am Ende eines Verfahrens nicht zwingend die Sicherheitsverwahrung?

Elsner: Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Viele Männer mit einer pädophilen Neigung — es gibt Schätzungen, dass dies 250.000 in Deutschland sind — haben so etwas wie ein Gewissen. Sie sind gesellschaftlich integriert, haben eine gute Ausbildung, einen Freundeskreis und gute familiäre Bindungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Kinder missbrauchen, ist äußerst gering. Es kommt allenfalls dazu, dass ein Betroffener sich kinderpornografische Darstellungen im Internet anschaut. Im Einzelfall ist auch eine Behandlung mit triebdämpfenden Medikamenten sinnvoll. Die ist aber wirkungslos, wenn eine ausgeprägte Dissozialität und Kriminalität vorliegt. Solche Menschen nehmen sich das, was sie zu ihrer Befriedigung brauchen, ohne jedes Gewissen.

Einer der Angeklagten im angesprochenen Verfahren hat sich nach fünfjähriger Haftstrafe der anschließenden Führungsaufsicht sofort entzogen, um wieder seine Neigungen auszuleben. Wie groß ist die Rückfallgefahr bei einer solchen Veranlagung?

Elsner: Wenn eine hohe kriminelle Energie besteht, ist sie sehr hoch.

Gibt es Therapiemöglichkeiten während der Haftstrafe?

Elsner: Die gibt es durchaus. Aber Therapie ist nicht die Lösung der Sexualkriminalität. Wenn sich pädophile Männer freiwillig in die Therapie begeben, sind die Rückfallquoten sehr gering. Es gibt aber auch Täter, die man mit einer Behandlung nicht erreichen kann, das muss man deutlich feststellen. Therapeuten können keine Wunder vollbringen, wenn jemand so ausgesprochen kriminell oder vielleicht sogar sadistisch veranlagt ist. Dann kann tatsächlich am Ende nur die Haftstrafe oder die Sicherheitsverwahrung stehen.

In diesem und auch in anderen Verfahren spielt das Darknet eine große Rolle, in dem sich Männer mit solchen Neigungen austauschen. Lässt sich feststellen, dass im Internetzeitalter der Missbrauch zugenommen hat?

Elsner: Das ist die Frage nach Henne oder Ei. Man könnte ja auch vermuten, dass die Bedürfnisse durch die Darstellungen im Internet gesättigt werden. Wird durch das Internet also das Handeln gefördert oder wird es minimiert? Es gibt keine pauschalen Ergebnisse. Wir haben in den vergangenen Jahren 80 Männer behandelt, die wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt wurden, kein einziger war im Darknet. Vorsichtig formuliert: Wer dort unterwegs ist, ist deutlich krimineller mit eindeutigen Absichten.

Das Mitgefühl der Täter mit jahrelang misshandelten Opfern bleibt aus, stattdessen können sie im Verfahren plötzlich die Videos des eigenen Missbrauchs nicht mehr ertragen. Gibt es so etwas wie ein Unrechtsbewusstsein?

Elsner: Das fehlende Mitgefühl der Täter ist ja eine wesentliche Voraussetzung für den sexuellen Missbrauch von Kindern. Hätten sie Empathie und könnten sie das Leiden ihrer Opfer spüren, wäre es ihnen kaum möglich, ihre Straftaten zu begehen. Bei hoher Dissozialität liegt auch kein Unrechtsbewusstsein vor. Das strafbare Handeln wird zudem mit verschiedenen Rationalisierungen bagatellisiert, zum Beispiel mit dem Satz, dass Sexualität mit Erwachsenen für Kinder nicht schädlich sei.

In Polen oder den USA werden Wohnorte von Pädophilen veröffentlicht. Halten Sie das für angemessen?

Elsner: Die Frage ist immer, ob solche Maßnahmen dazu führen, die Rückfallwahrscheinlichkeit gesenkt wird. Es gibt einige Forschungsergebnisse aus den USA, die eher auf eine Erhöhung dieser Gefahr verweisen. Viel wichtiger ist eine konsequente Begleitung der Straftäter im Alltag nach der Haftentlassung.

Aus Rücksichtnahme auf die Angehörigen ist die Kommentar-Funktion für diesen Artikel deaktiviert.

Mehr von Aachener Zeitung