Aachen: Kinderuni: Eine Stadt als Geschichtsbuch

Aachen: Kinderuni: Eine Stadt als Geschichtsbuch

Lesen Sie Ihre Stadt gelegentlich wie ein Geschichtsbuch? Ob Aachen, Alsdorf oder Wegberg spielt keine Rolle, Sie müssen nur die Augen offen halten. „Die Stadt berichtet uns von ganz vielen Dingen, die in der Vergangenheit passiert sind“, sagt Karsten Ley, Lehrbeauftragter für Stadtbaugeschichte an der RWTH Aachen.

„Sie ist wie ein großes Geschichtsbuch, das man lesen kann“, hat Ley, 39, am Freitag rund 800 Kindern im Hörsaal Audimax gesagt. Dort hält der Architekt die Kinderuni, die die RWTH Aachen mit unserer Zeitung organisiert, und die von der Stawag unterstützt wird.

„Ich kann das nicht lesen, ich habe meine Brille nicht mit“, sagt Papatya, 8, Drittklässlerin der GGS Alsdorf-Ofden. Sie kneift die Augen zusammen und schaut auf die Folie an der Wand. Neben ihr sitzt ihre Freundin Céline, 9, die in ihre Parallelklasse geht. „Die Stadt als Geschichtsbuch ist ein bisschen schwieriger zu lesen als ein normales Buch“, sagt Ley. Aber er will den Kinder zeigen, wie es funktioniert.

„Was ist Stadt?“, fragt er zuerst. „Ein Ort“, ruft ein Kind. „Richtig, ein Ort, an dem ganz viele Menschen leben“, sagt Ley. Und überall steckt Geschichte: in Häusern und Schulen, in Krankenhäusern, Parks und Kirchen. Für den Wissenschaftler genügt ein Blick, und er kann sagen, aus welcher Zeit ein Gebäude stammt. Und für die Kinder? Ley ist überzeugt: „Wir haben intuitiv ein Gefühl dafür, dass eine Kirche alt ist“, sagte er vor wenigen Tagen, als er die Kinderuni vorbereitet. „Dass die Kirche St. Foillan in Aachen älter ist als das Haus der Kohle, das fühlt man.“

Sein Test im Hörsaal am Beispiel von zwei Gebäuden der Stadt Lennep bestätigt das. „Das sieht man, dass die Kirche älter ist als das Bürogebäude“, sagt Céline. Und schon ist sie dabei, eine Stadt zu lesen. Auch wenn sie sich dessen gar nicht bewusst ist.

Wer eine Stadt liest, bewegt sich zunächst in der Froschperspektive. Er schaut auf Häuser, Fassaden und Brunnen, die ihm begegnen. Doch das genügt Stadtbauhistorikern nicht. Ley führt die Vogelperspektive ein. „Das ist doch so hoch“, sagt Papatya, als sie das Bild vom Aachener Granusturm sieht.

Ley setzt sich an den Laptop und die Kinder können auf der Leinwand verfolgen, wie er über eine digitale Karte einen Ort rauszoomen kann. Und Ley geht noch einen Schritt weiter, zum Satellitenbild. „Damit lässt sich ein Stadtplan erstellen“, sagt er, beendet die Präsentation, schaut auf seine Uhr und steht auf. Noch liegt er gut in der Zeit. Eine halbe Stunde ist vergangen. Ley wechselt ab, mal spricht er frei, mal ruft er Kinder auf die Bühne, mal lässt er sie von ihren Plätzen aus antworten. Das gefällt den Kindern.

Dann zeigt er ein Foto. „Das ist der Aachener Markt“, sagt Céline. „Ist das da, wo die Weihnachtsbuden stehen?“, fragt Papatya. Ley interessiert etwas anderes: „Wir wollen das Geheimnis lösen, warum dieser Platz dreieckig ist.“ Und dazu nimmt er die Kinder mit auf Spurensuche. Im Archiv können Forscher aus Karten und Plänen etwas herauslesen. Ley zeigt eine Stadtansicht aus dem 16. Jahrhundert. „Ganz schön alt“, sagt Papatya. Informationen, warum der Platz dreieckig ist, finden sie dort aber nicht. Darum führt die Spurensuche unter die Erde. „Da kann man graben“, ruft Papatya in den Saal. „Richtig“, sagt Ley. Darum kümmern sich dann die Archäologen. „Aber man kann auch erstmal in die Keller schauen.“ Ley nennt das „Kellerforschung“.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde werden die Kinder unruhig. Die Lösung des Rätsels mit den dreieckigen Plätzen, die Ley vorstellt, verfolgen Céline und Papatya wie vermutlich viele Kinder nicht mehr. Und so erklärt ein Vater seinem Sohn und dessen Freund auf dem Weg nach Hause, was die Archäologen entdeckt haben und wie Kaiser Karl die Finger im Spiel hatte . .

Um „Unendlichkeit“ geht es in der Kinderuni am Freitag, 24. Mai.

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