Berlin/Düren/Heinsberg: Kinderarmut geht auch in der Region zurück

Berlin/Düren/Heinsberg: Kinderarmut geht auch in der Region zurück

In Deutschland kommen immer mehr Kinder ohne Hartz IV aus. Zwischen September 2006 und September 2011 sank die Zahl der unter 15-Jährigen, die auf die staatliche Grundsicherung angewiesen waren, von 1,9 Millionen um etwa 257.000 auf knapp 1,64 Millionen.

Dies war nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) ein Rückgang um 13,5 Prozent. Dieser rückläufige Trend zeigt sich auch in der Region.

Im Kreis Düren erhielten Ende 2006 7155 Kinder unter 15 Jahren „Hartz IV”, Ende 2011 waren es nur noch 6271. Der Tiefstand wurde Anfang 2008, also vor der Wirtschaftskrise erreicht, als 5715 Kinder unter 15 Jahren Zuwendungen erhielten. Auch der Kreis Heinsberg verzeichnete eine sinkende Zahl: Rund 5400 Kinder unter 15 Jahren waren im Jahr 2010 durchschnittlich auf die Zuwendungen angewiesen. 2006 lag der Jahresdurchschnitt noch bei rund 6300 Hartz-IV-Empfängern unter 15 Jahren. Bundesweit zeigte sich der Rückgang besonders deutlich im letzten Jahr des Zeitraums. Von September 2010 bis September 2011 nahm die Zahl der unter 15-Jährigen in Hartz-IV-Haushalten um fast 84.000 ab.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zeigte sich über die Entwicklung erfreut. „Die Kinderarmut in Deutschland sinkt, das ist ein gutes Zeichen”, sagte sie am Donnerstag in Berlin. Sie betrachte die Entwicklung, über die zuerst die „Süddeutsche Zeitung” berichtet hatte, als Ergebnis der Reformen am Arbeitsmarkt. Diese hätten dafür gesorgt, dass immer mehr Väter und Mütter aus Hartz IV in Arbeit gekommen seien. „Das ist die Ernte dessen, was wir in letzten Jahren an Kraftanstrengungen unternommen haben.”

Wirtschaft und Jobcenter zusammen hätten sich - flankiert von der Politik - verstärkt um die Arbeitsmarktchancen von Frauen mit Kindern gekümmert. Von der Leyen verwies dabei auf den Anspruch auf einen Krippenplatz für Kleinkinder, der vor allem alleinstehenden Müttern vom nächsten Jahr an die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter erleichtere. „Diese Anstrengungen zahlen sich aus.” Nicht zuletzt profitiere über sinkende Hartz-IV-Zahlungen auch der Bundeshaushalt.

Auch BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt sprach von einem Erfolg: „Weniger Kinder in Hartz IV bedeutet, dass es den Jobcentern gelungen ist, ihre Eltern in Beschäftigung zu integrieren.” Die Chance, eine Arbeit zu finden, sei heute deutlich besser als vor drei oder vier Jahren. „Auch Langzeitarbeitslose oder gering Qualifizierte profitieren verstärkt von der Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes”, sagte er der Zeitung.

Die Auswertung zeigt allerdings große regionale Unterschiede: Im Fünf-Jahres-Vergleich schneidet Bayern mit einem Minus von gut 22 Prozent am besten ab. In Stadtstaaten wie Bremen oder Hamburg oder im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen lag der Rückgang dagegen zum Teil deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt. Schlusslicht ist Berlin: In der Bundeshauptstadt verringerte sich die Zahl der hilfebedürftigen Kinder im gleichen Zeitraum nur um 1,2 Prozent. Laut BA lebt in Berlin mehr als jedes dritte Kind unter 15 Jahren von Hartz IV. Bundesweit treffe dies auf etwa jedes siebte Kind (15,1 Prozent) zu.

Kritiker warnten davor, das Problem schön zu reden und den zunehmenden Niedriglohnsektor unter den Tisch fallen zu lassen. Für DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach hat sich zwar die Zahl der Hartz IV-Bezieher verringert. Gleichzeitig aber sei die Zahl der erwerbstätigen Hartz-IV-Empfänger stark gestiegen. Es gebe inzwischen fast 45 Prozent „working poor” (arbeitende Arme) mehr als fünf Jahre zuvor.

Der Präsident des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Adolf Bauer, sagte: „Auch Kinder, deren Eltern zu niedrigsten Löhnen beschäftigt sind, leben in Armut.” Kinderarmut dürfe nicht auf Einkommensarmut reduziert werden, dazu gehörten auch ein Mangel an Aufstiegschancen. Dem schloss sich die Vorsitzende des Familienforums Zukunft, Christiane Reckmann, mit der Warnung vor Verschleierung des Problems an.

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