Aachen: Kinder „dürfen auch mal im Netz mal auf die Nase fallen“

Aachen: Kinder „dürfen auch mal im Netz mal auf die Nase fallen“

Warum ist eine Kindheit ohne Internet heute unvorstellbar? Wie kompetent sind Digital Natives? Und wie können Eltern ihre Kinder im Umgang mit dem Internet begleiten? Darüber spricht Sven Kommer (53) im Interview vor dem Start der Kinderuni. Der Medienpädagoge ist Professor für Allgemeine Didaktik mit dem Schwerpunkt Technik und Medienbildung an der RWTH.

Welchen Einfluss hat das Internet auf Kinder, Herr Professor Kommer?

Kommer: Die Frage ist, ob es überhaupt noch eine Kindheit ohne Internet gibt. Inzwischen sind schon die Kleinsten mit Tablets unterwegs. Und spätestens am Ende der Grundschule geht es los mit WhatsApp. Die alte Diskussion darüber, dass reale und virtuelle Welt verschwimmen, ist überholt. Wenn die Kinder vor Schulbeginn per WhatsApp Nachrichten schicken, ist das nicht mehr abgekoppelt. Das ist fest eingebunden in den Alltag der Kinder, so wie wir früher telefoniert haben.

Kindheit hat sich verändert.

Kommer: Neben dem Internet bleiben natürlich das Spielen draußen, die Verabredungen und der Sportverein wichtig. Ich fände es spannend zu wissen, inwieweit sich Kinder noch draußen bewegen und wo sie agieren. Wir waren als Grundschüler diskret außer Elternreichweite unterwegs.

Heute sind viele Kinder über ihr Handy ständig erreichbar.

Kommer: Kinder sind immer erreichbar und immer überwachbar. Wir waren froh, außer Reichweite zu sein. Ob das nun gut war oder schlecht, es war einfach anders.

Beunruhigt Sie diese ständige Erreichbarkeit?

Kommer: Mich beunruhigt schon, dass die Kinder kaum noch Freiräume haben. Wann können sie sich abkapseln von den Eltern?

Manche Kritiker sehen in den sozialen Medien eine echte Gefahr — insbesondere für Kinder.

Kommer: Es gibt immer die Gefahr, dass Kinder im Internet versacken. Das Problem ist nicht neu. Das gab es schon im 19. Jahrhundert, da befürchtete man, dass Kinder in der Lektüre schlechter Romane abtauchen. Ich sehe keine großflächige Gefahr. Problematisch sehe ich eher die Frage, was mit den Daten passiert. Können die Kinder abschätzen, was es bedeutet, wenn sie ihre Daten öffentlich machen? Da ist wohl Bildung wieder einmal der Schlüssel.

Kommer: Wir nennen es Medienbildung oder Medienkompetenzvermittlung. Da hat sich viel getan. Die ganz große Naivität gegenüber Facebook ist weg. Inwieweit die Kinder es wirklich verstehen, muss man schauen.

Wie kompetent sind die Digital Natives im Umgang mit digitalen Medien?

Kommer: Auf der Oberfläche ist viel Kompetenz vorhanden. Das beobachte ich bei meinen Studierenden. Sie haben eine Nachricht verschickt, da habe ich noch nicht einmal den Startknopf gedrückt. Aber sie schauen nicht dahinter. Wenn man sie fragt, wie das Internet funktioniert, sagen sie, das sei doch immer da. Nicht alle Digital Natives sind wirklich fit in Sachen Internet.

Was sind die wichtigsten drei Regeln, die Eltern ihren Kindern beim Umgang mit Tablet, Computer und Smartphone mitgeben sollten?

Kommer: Erstens hingucken und beobachten, was die Kinder machen — ohne sie permanent zu kontrollieren. Sie dürfen auch mal im Netz auf die Nase fallen, so wie wir früher auf dem Fahrrad. Sie dürfen auch mal drei Stunden lang ein neues Spiel spielen. Aber wenn der Alltag leidet, soll man eingreifen.

Wie lautet die zweite Regel?

Kommer: Eltern sollten sich kundig machen über Mobbing und die Kinder im Blick haben, und zwar ohne in Panik zu verfallen. Man sollte wissen, wo die Grenzen zum Mobbing liegen und wo Persönlichkeitsrechte verletzt werden.

Und was ist Ihre dritte Regel?

Kommer: Den Kindern ein Stück weit vertrauen. Und es gibt noch eine vierte Regel: Das eigene Verhalten reflektieren.

Eltern, die das Smartphone beim Abendbrot vor sich liegen haben, taugen schlecht als Vorbild.

Kommer: Eltern sind aber Vorbild. Sie müssen Vorbild sein und sich auch dessen bewusst sein.

Es gib Pädagogen, die plädieren dafür, Kindern in den ersten acht Lebensjahren gar keine Tablets, Computer oder Smartphones zu geben. Wie sehen Sie das?

Kommer: Es wäre weltfremd zu sagen, Kinder dürfen kein Tablet, keinen Computer und kein Smartphone benutzen. Aber man sollte noch besser hinschauen, was kindgemäß ist.

Wie wirkt Werbung auf Kinder?

Kommer: Sie wirkt ähnlich wie auf Erwachsene. Ein Teil nervt. Und bei einem Teil bleiben Namen und Bilder hängen. Im Fernsehen wusste man früher allerdings genau, wenn der Werbeblock kam. Heute ist die Werbung schwieriger zu erkennen, etwa bei Facebook.

Mögen alle Kinder gut gemachte Werbung?

Kommer: Ich denke schon. Was gut gemacht ist, mögen sie. Aber Kinder sind kritisch.

Kann Werbung Kinder ernsthaft schädigen?

Kommer: Schädigen kann Werbung nicht. Aber sie kann natürlich zu Konsumwünschen führen. Und sie kann Weltansichten prägen. Etwa wenn Mädchen in der Werbung immer nur in rosafarbener Kleidung auftauchen.

Ab welchem Alter können Kinder Werbung als solche erkennen und kritisch hinterfragen?

Kommer: Das fängt schon im Grundschulalter an. Da verstehen sie, dass die Werbemacher ihnen etwas verkaufen wollen. Um zu verstehen, dass Werbemacher ein Image verkaufen, dauert es etwas länger. Natürlich spielt hier der familiäre Hintergrund eine Rolle. Und die Schule. Leider fehlt manchen Kindern ein Stück Bildung.

Was können Eltern, Erzieher und Lehrer tun, um Kinder zu schützen?

Kommer: Es gibt Projekte und Unterrichtsprogramme dazu. Generell gilt, dass man nicht nur über Werbung reden sollte, sondern auch lernen sollte, damit umzugehen. Grundschüler können zum Beispiel einfach mal selbst einen Werbesport drehen.