Aachen/Kohlscheid: Kind totgeschüttelt: Über sechs Jahre Haft für den Ziehvater

Aachen/Kohlscheid : Kind totgeschüttelt: Über sechs Jahre Haft für den Ziehvater

Wegen der Tötung der erst 17 Monate alten Mira-Sofie ist der Aachener Patrick T. (23) zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Arno Bormann sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte am 27. August 2014 die Nerven verlor, als das Kind unaufhörlich weinte und er es „für zehn Sekunden oder mehr heftig“ schüttelte.

Die kleine Mira-Sofie ließ danach abrupt das Köpfchen hängen. Laut ärztlichem Gutachten erlitt das Baby durch die Schüttelattacke einen Atemstillstand, so dass weite Teile des Gehirns unwiederbringlich geschädigt wurden. Der Notarzt traf erst ein, nachdem die Mutter bei ihrer Rückkehr etwa eine halbe Stunde nach der Tat das Kind vorgefunden hatte.

Das Gericht habe auch geprüft, ob ein Totschlagsdelikt wegen unterlassener Hilfeleistung vorliege, ging der Richter in die Details des juristisch schwierigen Falles. Der Angeklagte hatte aus Angst, etwas Schlimmes getan zu haben, und aus Angst vor der 21-jährigen Mutter, die zu der Zeit eine Fahrstunde absolvierte, das Kind einfach auf die Couch gelegt und zugedeckt. Als die Mutter ihr röchelndes und aus dem Mund blutendes Kind sah, alarmierte sie sofort den Rettungswagen. Er brachte Mira-Sofie in die Aachener Uniklinik.

Hier begann für sie dann noch eine fünfmonatiger Todeskampf, die Kleine starb nach vergeblichen Operationen am 8. Januar in einem Kinderhospiz. Die Kammer stellt auch im Hinblick auf die von der Staatsanwaltschaft beantragten Strafe von acht Jahren fest, dass der Angeklagte sich in diesem einen Moment zu der Tat habe hinreißen lassen.

Es habe keine Hinweise auf zeitlich vorher liegende Übergriffe des 23-Jährigen, der nicht der leibliche Vater des Kindes war, gegeben. Als die Kleine nach dem Weggang der Mutter an dem Augustmorgen zu schreien begann und einfach nicht mehr aufhören wollte, habe der Lebensgefährte das nicht länger ausgehalten und sich in einer Art „Augenblicksversagen“ zum brutalen Schütteln hinreißen lassen. Man habe bei ihm ansonsten keine „rohe oder brutale Gesinnung“ feststellen können, versicherte Richter Bormann.

„Es war eine Überforderungssituation und keine gewollt bösartige Handlung“, bewertete das Gericht die schicksalhaften zehn Sekunden in der Wohnung der Lebensgefährtin in Herzogenrath-Kohlscheid. Moralisch lastete das Gericht dem jungen Mann an, nicht umgehend einen Rettungswagen angefordert zu haben.

Die Kammer stellte gleichermaßen ausdrücklich fest, eine Rettung des Kindes sei bereits nach dem kurzen Zeitraum von zwei Minuten nach dem Schütteln nicht mehr möglich gewesen. In seinem Gutachten hatte ein Neuralradiologe (Uniklinik Aachen) festgestellt, nur eine beinahe sofort eingeleitete Beatmung mit Sauerstoff oder „von Mund zu Mund“ hätte Hilfe für die kleine Mira bringen können.

Der Angeklagte nahm das Urteil schweigend hin, auch in seinem „letzten Wort“ schloss er sich den Worten seines Verteidigers Dieter Ferner (Alsdorf) an. Der Vertreter der Nebenklage, Anwalt Ulrich Gleißner, hatte indirekt eine Strafe von mehr als zehn Jahren Haft gefordert. Patrick T. will gegen das Urteil nicht in Berufung gehen.

Für die 21-jährige Mutter, die von ihrer eigenen Mutter begleitet und gestützt wurde, war der Prozess ein Martyrium. Sie musste bei manchen Schilderungen den Saal verlassen. „Es gibt für diese Sache überhaupt kein Urteil, was gerecht ist“, sagte sie nach dem Prozess.