Brüssel: „Killerbande von Brabant“: War der „Riese“ am Ende ein Polizist?

Brüssel: „Killerbande von Brabant“: War der „Riese“ am Ende ein Polizist?

Mindestens 28 Tote, 20 Verletzte: In den 80er Jahren sorgt eine Verbrecherbande im Raum Brüssel für Angst und Schrecken. Bevorzugtes Ziel ihrer bewaffneten Überfälle: Lebensmittel-Supermärkte der Ketten Delhaize und Colruyt. Im November 1985 verschwinden die „Killer von Brabant“ spurlos von der Bildfläche.

Jahrzehnte lang tappen die Behörden im Dunkeln bei der Suche nach dem „Killer“, dem „Riesen“ und dem „Alten“, nach Zeugenaussagen die drei Köpfe der Bande. Jetzt, fast 35 Jahre später, scheint zumindest der „Riese“ mit ziemlicher Sicherheit identifiziert. Doch der Mann, dessen Namen die belgische „Gazet van Antwerpen“ mit Christiaan B. angibt, ist seit mehr als zwei Jahren tot.

Vor einem Jahr sei der Bruder von Christiaan B. aus Dendermonde bei der Polizei aufgetaucht und habe berichtet, was ihm sein Bruder (61) auf dem Sterbebett verraten hatte: Er sei der gesuchte „Riese“ der „Bende van Nijvel“, wie die Killer in Belgien genannt wurden. Details zu den Überfällen habe er nicht genannt, doch seine Größe und sein gesamter Lebenslauf passten perfekt in das Bild.

So soll der 1,90 Meter große Christiaan B. Ende der 70er Jahre Mitglied der Spezialeinheit „Groep Diane“ bei der 2001 aufgelösten belgischen Rijkswacht gewesen sein. Kurz vor dem ersten Überfall wurde er jedoch aus der Spezialeinheit entlassen und in den normalen Dienst zurückversetzt, berichtet das niederländische „Algemeen Dagblad“. Zudem habe B. an den Tagen der blutigsten Überfälle Ende 1985 immer Urlaub gehabt.

Hinweise seit 19 Jahren

Auch für die Zeugenaussagen, der „Riese“ habe bei dem Überfall in Aalst am 9. November 1985 gehumpelt, gibt es eine Erklärung: Christiaan B. habe sich kurz zuvor eine Fußverletzung zugezogen, berichtet das „Algemeen Dagblad“.

Stammten auch seine Komplizen aus den Reihen der Polizei? Der Verdacht liegt nahe. Denn schon vor 19 Jahren hatte die belgische Polizei Hinweise auf Christiaan B. erhalten. Ein Kumpel aus dem Karnevalsverein hatte ihn auf dem Phantombild erkannt und seinen Verdacht umgehend der Polizei gemeldet, berichtet die flämische Zeitung „De Morgen“. Danach sei allerdings nichts mehr passiert.

Die Vermutungen, die Bande sei von höherer Stelle gedeckt worden, sind bis heute nicht verstummt. Die Staatsanwaltschaft Lüttich, die die Ermittlungen leitet, hatte noch kürzlich versichert, es habe nicht die geringste Spur zu Christiaan B. gegeben. Am Sonntag musste sie einräumen, dass der Name 20 Jahren in der Akte gestanden und niemand sich drum gekümmert hatte.

Suche nach den Auftraggebern

In den nächsten Tagen will die flämische Polizei alle Ex-Kollegen befragen, die mit dem „Riesen“ in der Eliteeinheit „Groep Diane“ waren. Auf diese Weise hofft sie, eventuell noch lebende Bandenmitglieder ermitteln zu können.

„Mit Christiaan B. haben wir zum ersten Mal eine glaubwürdige Spur, um die „Killer von Brabant“ zu enttarnen“, sagt Generalstaatsanwalt Christian de Valkeneer. „Wir müssen auch wissen, in wessen Auftrag die Verbrechen begangen wurden“, berichtet die „Gazet van Antwerpen“.

Glaubt man Rechtsanwalt Jef Vermassen, den der niederländische „Telegraaf“ zitiert, sollte das keine allzu schwere Aufgabe sein. „Die Namen der andern Bandenmitglieder stehen auf derselben Seite der Ermittlungsakte.“ Man habe nur nie ernsthaft nach ihnen gesucht. Christiaan B.s Bruder hatte sich kürzlich an die Medien gewandt. Er sagt: „Wenn das rauskommt, wird Belgien zu klein ...“

Hoffnungen auf Straffreiheit brauchen sich die Täter nicht zu machen. Im Jahr 2015, kurz vor Ablauf der Verjährungsfrist, hatte Belgien ein neues Gesetz erlassen, das die Verjährung der Taten aussetzt.

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