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Schleiden: Keine Zauberei: Heiler in der Eifel sind die stillen Helfer in der Not

Schleiden : Keine Zauberei: Heiler in der Eifel sind die stillen Helfer in der Not

Edith Kühn (64) ist keine Träumerin. Die Eifelerin steht mit beiden Beinen im Leben. Und zu ihrem Leben gehören die Heiler. „Es ist in der Eifel kein Geheimnis, dass es diese Menschen gibt.” Ihr haben Heiler schon drei Mal in der Not geholfen. Sie erzählt von ihrem Unglück, damals in dem Reisebus in Österreich. Für die Reisegesellschaft wollte sie Kaffee kochen. Als sie das kochend heiße Wasser in den Filter gekippt hatte, bremste der Fahrer scharf ab. Die heiße Brühe schwappte über ihren Oberschenkel.

„Es schmerzte höllisch”, erzählt sie und verzieht dabei ihr Gesicht. Sie rief dem Busfahrer den Namen eines Eifeler Heilers zu. Den sollte der Fahrer anrufen und um Fern-Hilfe bitten. Sie zog ihre Hose aus und damit verbrannte Haut ab. Das Fleisch war roh. Sie vertraute ganz auf den Helfer in der Ferne. „In einer halben Stunde war der Schmerz weg.” Eine Salbe hat sie gekauft und drübergestrichen. Narben blieben nicht.

Der Volkskundler Walter Hanf hat Heiler in der Eifel aufgespürt und Menschen wie Edith Kühn, denen sie geholfen haben. Er hat mit ihnen gesprochen. Das Ergebnis hat er in dem jetzt erschienen Buch „Dörfliche Heiler” festgehalten, eine Veröffentlichung des Rheinischen Amtes für Landeskunde des Landschaftsverbands Rheinland.

Den Heilern wird „Heilwissen” nachgesagt. Die meisten gaben im Gespräch mit Hanf an, Brandwunden zu heilen, Blut zu stillen und „Schmerz zu nehmen” - bei Menschen und Tieren. Einige helfen auch bei Hautkrankheiten und anderen Erkrankungen. Dazu sprechen sie überlieferte Gebete oder „Zaubersprüche”. Hanf dokumentiert und bewertet nicht. Er lässt die Heiler selbst erklären, wie die Heilwirkung zustande kommt: „Es muss wohl von Gott kommen”, zitiert er einen Waldarbeiter. „Der Herrgott macht es durch das Gebet”, sagt ihm eine Heilerin.

Die Heiler agieren ohne großes Aufsehen im Verborgenen. Ihre Namen sind nirgendwo nachzulesen, auch nicht in dem Buch von Walter Hanf. Er musste versprechen, die Namen zu verfremden. Er nimmt die Menschen erst. „Ich habe diese Menschen als in sich gefestigt wahrgenommen”, sagt er. Sie haben bodenständige Berufe wie Landwirt, Gastwirt oder Handwerker. Sie sind 42 bis 89 Jahre alt und haben eine ausgeprägte Nähe zum christlichen Glauben. In der Regel verlangen sie kein Geld.

„Es sind ernsthafte Menschen, die das zum Wohl des Nächsten tun”, sagt Hanf. In sieben Jahren Recherche fand er rund 60 Heiler, 18 ließen sich von ihm intensiv befragen. Die „Heilkunst” könne man nicht lernen, sie wird von einem Heiler auf einen anderen übertragen. Und der muss diese Fähigkeit auch haben wollen.

„Die dörflichen Heiler sind ein Phänomen der Alltagskultur im Rheinland”, sagte der Volkskundler beim Rheinischen Amt für Landeskunde, Alois Döring. In den letzten zehn Jahren waren sie immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Volkskundler, vor allem Heiler oder „Gesundbeter” in Süddeutschland. Immer seien es Regionen mit starker Verbundenheit zur Tradition. „Es ist interessant, dass es vor allem katholischen Gegenden sind”, sagt Döring.

Pfarrer und Ärzte gehen laut Hanf individuell mit den Heilern um. Der Autor erzählt von einem Pastor, der sich mit der Axt ins Bein geschlagen hatte und „zu einem Heiler lief”. Es war der Arzt, der Judith Kühn die Adresse einer Heilerin gab, als ein Familienmitglied schwer krank war. „Bei uns gibt es Menschen, die sagen vor dem Zahnarztbesuch einem Heiler Bescheid. Dann tut es nicht so weh.”

„Da wo Menschen durch Psychologie geholfen werden kann, soll man ihnen auch helfen. Wenn das dörfliche Heiler können, dann haben wir überhaupt kein Problem damit”, sagte der Sprecher des Ärzteverbandes Hartmannbund, Michael Rauscher. Aber jedem müsse klar sein: „Wo medizinische Behandlung geboten ist, hilft auch kein dörflicher Heiler.”