1. Region

Aachen: Kein Kirchenmann für die einfache Lösung

Aachen : Kein Kirchenmann für die einfache Lösung

Geschont hat er sich nie: weder seine Gesundheit, sein Amt noch seine Person. Generalvikar Manfred von Holtum durchkämpft derzeit die schwerste Phase seines Lebens.

Das Bistum Aachen steckt in einer historischen Krise - nicht nur finanziell. Am Sonntag, 20. Juni, ist von Holtums 60. Geburtstag. Die Feierlichkeiten dazu hat er abgesagt. „Danach ist mir derzeit wirklich nicht zumute”, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Dafür hatte natürlich auch der Bischof vollstes Verständnis.”

In seinem Dienstzimmer in der zweiten Etage des Generalvikariats brütet der Kirchenmann derzeit täglich über bitteren Zahlenkolonnen. Mehr als 60 Millionen Euro sind das Sparziel der nächsten Jahre - und von Holtum weiß, dass hinter jedem einzelnen Posten nicht nur kirchliche Aufgaben, sondern vor allem menschliche Schicksale stehen. Hunderte Schicksale.

Sein eigenes hätte er vor knapp anderthalb Jahren fast aufgegeben: Nach einem Herzinfarkt wurden ihm Ende 2002 vier Bypässe gelegt. Fünf Monate zur Untätigkeit verdammt. „Ich habe persönliche Krankheitsphasen erlebt, in denen ich glaubte, es nicht mehr aushalten zu können”, erinnert er sich. „Aber die jetzige Situation im Bistum Aachen empfinde ich als noch bedrückender.”

Der gebürtige Krefelder ist keiner, der sich Lösungen einfach macht: „Eine erlösende Spritze im Krankenhaus kam für mich nie in Frage”, betont er. Gottgeschenktes Leben rangiert an erster Stelle - immer. In dieser Überzeugung engagierte er sich im Fachverband der katholischen Altenhilfe.

Und in dieser Grundhaltung sind unumstößlich Standpunkte zu den Themenkomplexen Sterbehilfe, Stammzellenforschung und Schwangerschaftsabbruch verwurzelt.

Romantisieren liegt im fern: „Den Glauben an einen schmerzlosen Weg der letzten Lebensphase teile ich nicht”, erklärt er. Kein Selbstmitleid, sondern der christliche Dialog helfe - „der frühen Auseindersetzung mit dem eigenen Tod darf man nicht aus dem Weg gehen.”

In Streifragen sucht von Holtum die Konfrontation nicht; aber er stellt sich Kontrahenten. Genauso wie den vielen protestierende Mitarbeitern, die sein radikales Sparkonzept inklusive Stellenabbau seit Monaten scharf verurteilen.

Von Holtum hört zu, wägt ab - lässt aber nie Zweifel darüber, wer die Verantwortung und damit die Entscheidungsgewalt trägt. Damit ist er in der Diskussion über Kürzungspläne angeeckt, phasenweise stand sogar ein Misstrauensvotum aus Reihen des Kirchensteuerrates gegen den Generalvikar im Raum.

Aber auch hier hat er sich durchgebissen - weil er seinen Weg aus der Bistumskrise als den einzig realistischen sieht.

Leicht machte er es sich auch hier nicht. Von Holtum wurde am 4. Juli 1970 in Aachen zum Preister geweiht; er kennt die Basis der Kirche. Nach Kaplansjahren in Setterich fungierte er von 1978 bis 1984 als Dechant des Dekanates Kempen-Tönisforst und von 1980 bis 1990 als Pfarrer an St. Josef in Kempen-Kamperlings.

Aus dieser Zeit stammt eine quadratmetergroße Zeichnung, die hinter seinem Schreibtisch den Künstlerentwurf von Altar, Ambo und Tauftisch in St. Josef skizziert. „Alles sollte aus einem Stein entstehen, die Bruchstellen sollten sichtbar bleiben - so wie ein Menschenleben Bruchstellen aufweist.”

Weitere Stationen seines kirchlichen Wirken waren die Stellen als Regionaldekan der Bistumsregion Kempen-Viersen und die Pfarre St. Remigius in Viersen.

Als Direktor des Caritasverbandes für das Bistum Aachen empfahl er sich durch ausgezeichnete Arbeit für die Stelle des Generalvikars, in die ihn Bischof Heinrich Mussinghoff 1997 berief.

Trotz aller Probleme - oft in kirchlichen Aufgabenbereichen, die er in früheren Jahren selbst ausgefüllt hat - bleibt sich von Holtum treu: „Ich würde mich immer wieder für diesen Beruf entscheiden - sogar unter den aktuellen Rahmenbedingungen.”

Am Samstag zieht es den Naturfreund mit seinen vier Geschwistern zu einem langen Spaziergang in den Aachener Wald. Kurze Verschnaufpausen im Büro nutzt er alltäglich zum Lösen von Kreuzworträtseln.

Aber auch Hochzeiten, Taufen und auch Sterbefälle, die er nach wie vor seelsorgerisch begleitet, geben ihm Kraft für seine zentrale Rolle: als Sanierer der Bistumsfinanzen. Und die wird ihm auch zum nächsten Geburtstag noch fordern.