Aachen: Keimzelle einer Art „Braune Armee Fraktion”?

Aachen: Keimzelle einer Art „Braune Armee Fraktion”?

„Erklären Sie mir das,” sagt einer der beiden Menschen zu dem jungen Mann mit Glatze, auffälliger Halskette und pechschwarzem T-Shirt. Das Trio sitzt bei strahlendem Sonnenschein am Tisch eines Straßencafés in Aachen im Schatten von Dom und Rathaus.

Passanten eilen vorbei, Touristen schlendern durch die Altstadt. Und der damals 19-jährige Neonazi gibt sich redselig gegenüber den Beamten des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. Er berichtet über die „Kameradschaft Aachener Land” (KAL) - und seinen Wunsch, politische Gegner erschießen zu wollen.

Das Treffen im August 2010 dient den Beamten des Verfassungsschutzes dazu, einen Informanten anzuwerben. Tage später wird der junge Neonazi aus dem Aachener Vorort Richterich, der seit seinem 15. Lebensjahr mehrfach wegen verschiedener Delikte polizeilich aufgefallen ist und vor Gericht gestanden hat, abermals Kontakt mit Polizisten haben. Am Morgen des 1. September greifen Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) und der Polizei aufgrund eines Amtshilfeersuchens der Staatsanwaltschaft Berlin zu. Seitdem sitzt der heute 20-Jährige in Untersuchungshaft.

Durchsucht werden am Morgen mehrere Wohnungen, darunter auch die der Eltern des Neonazis, bei denen er zu diesem Zeitpunkt lebt. Die Beamten müssen sich anhören, sie würden nur gegen den Sohn vorgehen, weil er ein gespanntes Verhältnis zu Ausländern habe, „Kinderschänder” oder Autodiebe würde die Polizei hingegen laufen lassen. Ermittelt wird gegen den Heranwachsenden wegen des Verdachtes auf Vorbereitung von Sprengstofftaten, unter anderem am 1. Mai im Umfeld eines Neonazi-Aufmarsches in Berlin.

Treffpunkt Nähe Tivoli

Zu dem Aufmarsch waren Neonazis aus der Region, aus den Niederlanden und Belgien gemeinsam mit einem angemieteten Bus gereist. Getroffen hatte man sich vor der Abfahrt auf einem Parkplatz in der Nähe des Tivolis. Angesichts starker Vorkontrollen durch die Polizei hatten die Neonazis in Berlin Dinge weggeworfen. Polizisten sicherten diese. Gegenüber Medien wird es später heißen, es seien mit Glasscherben umwickelte Knallkörper gewesen, mit denen die Neonazis möglicherweise Polizisten und Gegendemonstranten attackieren wollten. Die frisierten Silvesterböller hätten Menschen erheblich verletzten können.

Was die Ermittler bisher nur vage mitteilten, aber aus einem den „Nachrichten” vorliegenden Papier hervorgeht: Es wurden nicht nur eine Reihe mit Glasscherben umwickelte Böller aufgefunden, sondern auch verschiedene andere selbst gebaute Sprengkörper bis hin zu Rauchbomben. Aufgefundene DNA-Spuren können dem jungen Neonazi aus Richterich zugeordnet werden. Eine weitere DNA-Spur wird die Beamten später zu einem zweiten Neonazi aus Aachen führen, der 25-Jährige wird am 22. September ebenfalls in Untersuchungshaft genommen.

In derselben Sache ermittelt die Polizei nach „Nachrichten”-Recherchen ebenso gegen eine Handvoll Neonazis, die sie wie die Inhaftierten der lange Zeit eng mit der örtlichen NPD verwobenen Neonazi-Bande „Kameradschaft Aachener Land” (KAL) zurechnet. Aus dem den „Nachrichten” vorliegenden Papier geht ferner hervor, dass man gegen ein weiteres KAL-Mitglied ermittelt, dass untergetaucht ist. Bisher konnte diese Person offenbar nicht gefasst werden. Laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft Aachen, Robert Deller, gab es in den betreffenden Ermittlungen bisher keine weiteren Festnahmen.

Entstand in der Region zwischen Aachen, Nordeifel, Düren und Heinsberg aus dem Umfeld der derzeit rund 30 KAL-Mitgliedern die Keimzelle einer Art „Braune Armee Fraktion”? Die Beamten, die am 1. September mehrere Wohnungen durchsuchen, finden zumindest Beweise dafür, dass mindestens zwei „Kameraden” bis Ende August weiter mit Sprengstoff experimentiert haben. Es werden abermals Böller sichergestellt, zudem Kleinkalibermunition, aus der zum Teil das Schwarzpulver entfernt worden war. Daraus und aus Abhörprotokollen schließen die Ermittler, dass neue, stärkere „Sprengkörper” gebaut und getestet, vielleicht sogar an „Kameraden” zwecks Nutzung weitergegeben wurden. Wo die Sprengkörper abgeblieben sind, scheint unklar.

Dass der Verfassungsschutz Kontakt zu dem Richtericher hatte, will die Pressestelle des Innenministeriums auf Anfrage nicht bestätigen. Nach Recherchen dieser Zeitung ordneten die Ermittler den 25-Jährigen bis zu seiner Festnahme am 22. September weiter der KAL zu. Den jüngeren „Kameraden” hatte die Neonazi-Bande selbst Anfang Juli ausgeschlossen, weil er, so „Kameradschaftsführer” René Laube, untragbar geworden sei. Angeblich soll Laube dem Heranwachsenden selbst eine scharfe Schusswaffe abgenommen haben, weil sein „Kamerad” geprahlt hatte, Antifaschisten erschießen zu wollen.