Auftritt in Alsdorf: Katrin Bauerfeind hält ein Plädoyer für mehr Liebe

Auftritt in Alsdorf : Katrin Bauerfeind hält ein Plädoyer für mehr Liebe

Wer „Liebe“ googelt, landet zunächst einmal bei den „schönsten Liebes-Zitaten“, bei Texten mit Überschriften wie „Mit dieser Frage erkennst du die ganz große Liebe“ oder dem „ultimativen Ratgeber für Gefühle“. Klingt furchtbar, furchtbar kitschig.

„Alles kann, Liebe muss“ lautet der aktuelle Buchtitel von Katrin Bauerfeind. Das klingt zunächst einmal auch nicht anders als der Titel eines Helene-Fischer-Liedes. Wer an Liebe denkt, denkt an Schlager, Valentinstagskarten und Romane, die in der Ecke „Frauenliteratur“ stehen. Bauerfeinds Aufruf nach mehr Liebe in der Welt wirkt deshalb zunächst einmal abgedroschen. „Ich weiß, was Sie meinen“, sagt Bauerfeind im Gespräch. „Bei Liebe fürchten die meisten, dass es schnell in den Kitsch abdriftet. Völlig unberechtigterweise.“

Die Moderatorin, die mit ihrem Programm derzeit durch Deutschland tourt und dabei auch am 14. November in Alsdorf auftritt, hat sich deshalb gleich ein eigenes Sprichwort ausgedacht: Man kann sich leichter am Hintern kratzen als am Herzen. „Das soll die Angst davor nehmen, dass es zu kitschig werden könnte.“

Bauerfeind wurde mit ihrer Internetsendung „Ehrensenf“ bekannt, in der sie Fundstücke aus dem Netz amüsant kommentierte. Überhaupt zeichnet Bauerfeind ein bissiger, ironischer Humor aus. Den Ring im Sektglas zum Heiratsantrag bezeichnet sie denn auch als Körperverletzung. „Ich mache ja ein Comedy-Programm, insofern ist die Grundannahme schon mal ganz gut, dass es lustig werden könnte“, sagt sie. So geht es Bauerfeind weniger um Rosen und die romantische Liebe als vielmehr um kleine Gesten im Alltag und den Zusammenhalt in der Gesellschaft insgesamt.

Es herrschen schließlich Zeiten, in denen in sogenannten Sozialen Medien Hasskommentare eine traurige Normalität geworden sind. Zeiten, in denen die Gesellschaft erodiert, in denen immer mehr Leute Rechts und damit eine Ideologie der Abgrenzung und des Hasses wählen. „In Zeiten, in denen viele Menschen denken, Eskalation könne das Mittel der Stunde sein und Hass und Wut seien sehr erwachsene Reaktionen, sage ich: Nein, warum soll das nicht auch Liebe sein?“

Dialog statt Hetzerei

Hass und Wut haben es allerdings meist leichter als die Liebe. Das macht der 36-Jährigen Sorgen. „Ich beobachte, dass im politischen Diskurs nicht mehr gehört wird, was der andere sagt. Und dass auch nicht mehr davon ausgegangen wird, dass mein Gegenüber mit irgendetwas recht haben könnte“, sagt Bauerfeind. Jeder setzt nur noch auf seine Meinung. Auf die Idee, dass andere etwas Interessantes zu einer Diskussion beisteuern könnten, kommen viele Menschen nicht mehr. „Man muss offen dafür sein, hin und wieder nachzugeben, sonst kann keine Einigung mehr geben“, sagt Bauerfeind und klingt überhaupt nicht kitschig, sondern besorgt um die Gesellschaft, in der wir leben.

Sie gibt sich aber natürlich nicht der Illusion hin, dass sie mit ihrem Programm die Welt gänzlich verändern könne. Oder wie sie es in ihrem Buch formuliert: „Mit blinder Liebe kommt man nicht an gegen Nazis und Rassisten. Aber um die geht es nicht. Gegen die brauchen wir andere Kaliber. Es geht hier um die anderen. Leute wie Sie und ich.“ Sagen Sie Ihren Eltern etwas Nettes, treffen Sie sich mit einer Freundin auf ein Bier – trotz Stress. So oder so ähnlich stellt sich Bauerfeind eine liebevollere Welt vor.

Hass und Wut werden immer ernst genommen, Liebe dagegen nicht, moniert Katrin Bauerfeind. Sie setzt dem ihr Buch und Hörbuch „Alles kann, Liebe muss“ entgegen. Foto: Audible GmbH/Büro Mattschwarz/A/Audible GmbH/Büro Mattschwarz

Das Paradebeispiel für Hass im Alltag ist der Straßenverkehr. Hinter dem Steuer fühlen sich die meisten Menschen sicher, und nicht selten bringt der Ärger über den Vordermann, der abbiegt, ohne zu blinken, das Schlechteste in einem hervor. Ausrasten ist menschlich. „Ich bin im Straßenverkehr generell auch kein Buddha, aber ich arbeite daran.“ Meist gebe man Ärger und Stress einfach ungefiltert weiter. Man könne sich aber auch für eine andere Reaktion entscheiden.

Bauerfeind meint ziemlich viel, wenn sie von Liebe spricht. Aber schon die Griechen in der Antike kannten drei Worte für Liebe: Eros (Leidenschaft), Agape (Nächstenliebe) und Philia (freundschaftliche Liebe). Diese Definitionen von Liebe befinden sich stets im Wandel. Dass Liebe so facettenreich sein kann, fasziniert Bauerfeind. Schließlich sei es etwas anderes, ob man seinen Partner, seine Mutter oder seine Katze liebt. „Liebe kann schön, schmerzend, romantisch oder überraschend sein und noch so vieles mehr.“ Hauptsache, sie ist echt. Das ist Bauerfeinds Credo. „Ich finde, dass in der Tragik oft eine besondere Komik liegt. Die Kehrseite von Rosamunde Pilcher quasi.“ Das könne auch schön sein, aber es sei nicht ihres.Rosen zum Valentinstag und das Date am Jahrestag sind schließlich nur zwei Tage. Das Jahr hat aber 365 Tage, mahnt Bauerfeind. „Zwei Tage tragen langfristig keine Beziehung. Wichtiger ist, dass man weiß, warum man die anderen 363 Tage mit diesem Menschen zusammen ist.“

Beseelt in der abgerockten Kneipe

Bauerfeind plädiert für eigenen Kitsch, nicht den gängigen. „Ich mag keine Hollywoodromantik“, sagt Bauerfeind und erzählt von diesem Abend in einer total abgerockten Kneipe, die wirklich grenzwertig dekoriert war. „Ich saß neben vielen traurig dreinschauende Menschen am Tresen, an dem häufiger zu tief ins Glas geschaut wird. Nichts an der Situation war objektiv romantisch, dann ging ein Lied los, ich erinnere mich nicht an den Titel, bestimmt etwas ganz Schlimmes, Gordon Lightfoots „If you could read my mind“ und plötzlich machte alles Sinn: dass man mit diesem einen Menschen jetzt in dieser Kneipe sitzt, eine Kerbe ins Holz schnitzt und sagt: wir sind hier! Wahrscheinlich gehen da weniger Leute mit als beim Ring im Sektglas, aber ich halte das nach wie vor für Körperverletzung.“

Bloß keine Liebe nach einer Blaupause leben, weil man das eben so macht – wie etwa die drei Worte Ich, liebe und dich zu sagen. Befremdlich ist dann auch eine Statistik, die Bauerfeind zitiert, wonach 26 Prozent der Männer innerhalb von einer Woche ihre Liebe bekunden. „Das ist ja ­glücklicherweise nur ein Viertel der Männer. Es bleibt also eine große Chance, dass es da draußen noch jede Menge anderer Typen gibt, die ein etwas anders Verhältnis zu diesen drei Wörtern haben“, sagt sie beschwichtigend. Dann könne man sich nochmal auf die Suche machen. „Es gibt immer Hoffnung.“

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