Aachen: Karlspreis für „Mister Euro”

Aachen: Karlspreis für „Mister Euro”

Dunkler Maßanzug, dezente hellblaue Krawatte - es war ein gewohnt eleganter Auftritt, den der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, am Donnerstag im historischen Krönungssaal des Aachener Rathauses absolvierte.

Viel politische Prominenz, darunter Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und der frühere Bundespräsident Horst Köhler, waren gekommen, um Trichet mit dem renommierten Karlspreis zu ehren. Er erhielt die Auszeichnung für seinen Einsatz für einen stabilen Euro und den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Europäischen Binnenmarktes.

Die Vision eines gemeinsamen Finanzministeriums

Diesen illustren Kreis nutzte Trichet, um seine Vorstellung von einer dauerhaften finanziellen Stabilisierung der Eurozone zu formulieren. Falls hoch verschuldete Euro-Länder trotz finanzieller Unterstützung nicht aus der Krise kämen, müsse auch ein direktes Eingreifen der europäischen Institutionen auf die Wirtschaftspolitik dieser Länder vorstellbar sein, forderte der oberste europäische Währungswächter. Dies könne sogar bis zu einem Vetorecht bei Haushaltsentscheidungen reichen. Mittelfristig sieht Trichet Europa auf dem Weg zu einem gemeinsamen Finanzministerium, das die finanziellen Weichen für die Gemeinschaft stellt.

Auch wenn er inhaltlich wenig Neues zu bieten hatte, so pointiert wie in seiner Karlspreisrede hat Trichet selten seine Forderung formuliert. Wohl niemand weiß so gut wie der EZB-Präsident, wie weit Europa tatsächlich noch von einem gemeinsamen Finanzministerium entfernt ist. Aber im Herbst geht seine achtjährige Amtszeit zu Ende und dieser Umstand gibt dem 68-Jährigen die Freiheit, sich relativ unverblümt zu äußern. Und er weiß schon jetzt, dass er seinem designierten Nachfolger, dem italienischen Notenbank-Präsidenten Mario Draghi, einige Baustellen hinterlassen muss.

Trichets Forderungen lösen Diskussionen aus

So waren es gerade die Forderungen Trichets nach dem europäischen Finanzministerium und nach direkten, weitreichenden Einflussmöglichkeiten der europäischen Institutionen, die im Anschluss an die feierliche Zeremonie für lebhafte Debatten unter den geladenen Gästen sorgte. Von „geht gar nicht” bis „unvermeidlich” lauteten die Kommentare.

Untergegangen war, dass der Schöngeist und Literaturfreund Trichet auch mit den leisen Tönen seiner Rede Akzente setzte: Ausführlich zitierte er Staatsmänner und Philosophen, die den Geist eines geeinigten Europas beschworen haben - ein Denken, das sich Trichet zu eigen gemacht hat.

Karlspreisverleihung gesellschaftliches Top-Ereignis

Die Verleihung des Karlspreises war auch in diesem Jahr ein gesellschaftliches Topereignis in Aachen, für die Damen der Kaiserstadt ein gern genutzter Anlass, ihre großformatigen Hüte auszuführen. Schließlich ist es hier gute Sitte, mit dem Karlspreis auch immer ordentlich sich selbst zu feiern. Manche, die am Donnerstag als Zaungäste Richtung Krönungssaal blickten, erinnerten sich daran, als vor elf Jahren der damalige US-Präsident Bill Clinton die Auszeichnung erhielt und in Aachen Ausnahmezustand herrschte.

In dieser Liga spielt Trichet gewiss nicht, das mussten auch die Passanten einräumten, die bei bestem Vatertagswetter am Rand der abgesperrten Aachener Innenstadt zum Familienausflug aufgebrochen waren: „Jean-Claude Trichet, wer soll das sein? Vielleicht ein französischer Fußballspieler?”