Aachen: Karlspreis 2018: Macron und Steinmeier sind die Favoriten

Aachen: Karlspreis 2018: Macron und Steinmeier sind die Favoriten

Als die 17 Mitglieder des Aachener Karlspreisdirektoriums vor ein paar Wochen damit begannen, sich mit dem neuen Preisträger zu beschäftigen, gab es eine lange Liste mit möglichen Kandidaten. Der prominenteste war Barack Obama.

Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten wird schon seit ein paar Jahren als Kandidat für den ältesten Preis gehandelt, mit dem Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet werden, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Der Friedensnobelpreisträger ist nach Informationen dieser Zeitung allerdings nicht mehr in der engeren Auswahl.

Die Mitglieder des Direktoriums haben sich ein paar Mal getroffen, jedes Mal wurde diskutiert und gesiebt, inzwischen sind nur noch eine Handvoll möglicher Preisträger im Rennen. Der Vorsitzende und Sprecher des Direktoriums, Jürgen Linden, bestätigt nur, dass man gerade „intensive Diskussionen“ führe. Zeitnah wollen die Mitglieder den nächsten Karlspreisträger finden. „Wir hoffen, dass es noch im Dezember sein wird“, sagt Linden. Mehr Auskünfte gibt es nicht, die Wahl findet wie immer hinter verschlossenen Türen statt.

In diesem Jahr wurde der britische Publizist und Historiker Timothy Garton Ash ausgezeichnet, der augenzwinkernd festgestellt hat, dass er die Europäische Union für das denkbar schlechteste Europa halte — „abgesehen von allen anderen Europas, die zeitweilig ausprobiert wurden“. Der überzeugte Europäer war auch ein gewolltes Gegengewicht zu den Kräften in seiner Heimat, die zuvor mehrheitlich beschlossen hatten, dass sich das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Gemeinschaft verabschiedet. Im Jahr zuvor war Papst Franziskus ausgezeichnet worden.

Im Komitee sind Überraschungen nicht ausgeschlossen, aber es gibt schon eine ernsthafte Überlegung, wieder einem Politiker den renommierten Preis zu übergeben. Ganz oben auf der Wunschliste soll Emmanuel Macron stehen. Frankreichs neuer Staatspräsident war schon im Wahlkampf als glühender Verfechter der europäischen Idee aufgefallen.

Dem 39-Jährigen geht die Integration der Staaten nicht schnell genug, die EU sei derzeit „zu langsam, zu schwach, zu ineffizient“, bemängelt er. Wie kaum ein anderer Staatenlenker derzeit drängt Macron auf Reformen. Zuletzt warnte er regelmäßig vor „zuwandererfeindlichem Nationalismus“.

Dieser verstoße gegen die Prinzipien eines gemeinsamen Europas, die aus der Tragödie zwei Weltkriege entstanden seien. „Dabei dachten wir, die Vergangenheit kehre nicht mehr zurück“, sagt er. Jetzt registriere er isolationische Einstellungen, „weil wir vergessen haben, Europa zu verteidigen“.

Macron stemmt sich dem grassierenden Populismus entgegen. Frankreichs Präsident will eine europäische Asylbehörde ins Leben rufen, um schneller über die Anträge von Flüchtlingen entscheiden zu können. Außerdem müssten die Einwanderungsgesetze harmonisiert und die EU-Außengrenzen besser geschützt werden. Dazu sei eine europäische Grenzpolizei notwendig. Um die Zuwanderung besser steuern zu können, solle es EU-weite Ausweise geben.

Neben Macron gilt auch Frank-Walter Steinmeier, der in diesem Jahr eine bemerkenswerte Laudatio auf den Preisträger Timothy Garton Ash gehalten hat, als denkbarer neuer Karlspreisträger. Der neue Bundespräsident hatte im Frühjahr seine erste Auslandsrede im Europäischen Parlament in Straßburg gehalten und zur energischen Verteidigung des Staatenbündnisses aufgerufen. „Dieses kostbare Erbe, das dürfen wir nicht preisgeben und nicht den Gegnern Europas überlassen.“

Besorgt beschrieb der langjährige Außenminister, dass sich eine neue „Faszination des Autoritären“ ausbreite, nicht nur weit im Westen und im Osten der EU-Grenzen, sondern auch mitten in Europa. Wer aber demokratische Institutionen als Zeitverschwendung abtue, Kompromissbereitschaft zur Schwäche erkläre und nicht mehr am Unterschied zwischen Fakt und Lüge festhalte, der müsse den entschiedenen Widerspruch der Demokraten hören: „Wenn wir ein Leuchtturm sein wollen für Rechtsstaat und Menschenrechte in der Welt, dann darf es uns eben nicht egal sein, wenn dieses Fundament im Inneren Europas wackelt.“

Am nächsten Wochenende ist nach Informationen unserer Zeitung eine Klausur geplant. Das Treffen in der Akademie der AachenMünchner ist gefährdet, es gibt Terminprobleme. Vielleicht verständigt sich das Direktorium sogar noch vorab auf eine Kandidatin oder einen Kandidaten, in den letzten Tagen hat die interne Debatte Fahrt aufgenommen.

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