Aachen: Karlsmedaille für englischen Historiker Ian Kershaw

Aachen : Karlsmedaille für englischen Historiker Ian Kershaw

Er ist Großer seiner Zunft. Ian Kershaw zählt weltweit zu den renommiertesten Historikern der Gegenwart. Gleichzeitig ist der 74-Jährige ein glühender Europäer und vehementer Gegner des Brexit. Deshalb erhält er in diesem Jahr die Médaille Charlemagne.

Die Entscheidung gab am Dienstag Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp bekannt. Ausgezeichnet wird der Historiker am 3. Mai im Krönungssaal des Aachener Rathauses.

Kershaw ist ein profunder Kenner der europäischen, insbesondere aber der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Einem breiteren Publikum wurde er mit seiner zweibändigen Hitler-Biografie bekannt, die 1998 und 2000 erschien. Vor rund drei Jahren sorgte Kershaw dann erneut mit einem Buch für Furore. Im „Höllensturz“ analysiert er die Geschichte unseres Kontinents vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis in die Zeit des beginnenden Kalten Kriegs Ende der 40er Jahre.

Der Historiker beschreibt darin mit leichter Hand die explosionsartige Ausbreitung des ethnisch-rassistischen Nationalismus, die Gebietsstreitigkeiten zwischen den einzelnen Nationalstaaten, die sich zuspitzenden Klassenkonflikte und die lange andauernde Krise des Kapitalismus in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Für Kershaw waren diese vier Triebkräfte hauptverantwortlich für Europas einzigartige Krise, die schließlich im Zweiten Weltkrieg und in der Shoa gipfelte.

Die Resonanz auf das Buch war überwältigend. Es habe das Zeug zum Klassiker, urteilte die „Neue Züricher Zeitung“. Der Rezensent der „Zeit“ lobte neben der Fähigkeit des Autors, große themenübergreifende Bögen zu schlagen, vor allem Kershaws meisterhafte Erzählkunst.

„Faszinierendes Werk“

Von einem „faszinierenden Werk“ sprachen am Dienstag auch Philipp und der Vorsitzende des Vereins „Médaille Charlemagne“, Michael Kayser. Und trotzdem: Kershaws Beschäftigung mit der europäischen Vergangenheit allein sei nicht ausschlaggebend für die Preisvergabe an ihn. Ebenso wie Jürgen Linden, Vorsitzender des Karlspreisdirektoriums, unterstrichen beide, der Historiker sei auszeichnungswürdig, weil sein Buch auch eine große Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft habe. Angesichts des auf unserem Kontinent erneut grassierenden Chauvinismus sei es ein „von historischer Erfahrung gespeistes Plädoyer gegen nationalistische Versuchungen und für den europäischen Einigungsprozess“, betonte Philipp. Deshalb habe sich Kershaw in der Diskussion um den Brexit auch eindeutig proeuropäisch positioniert.

Die Europäische Union sei für alle ihre Mitglieder ein sicherer Hafen. Dass Großbritannien ihn nun verlasse, sei fatal. „Kershaw hat früh erkannt, dass hierdurch das gesamte Projekt Europa in Gefahr ist zu scheitern“, betonte Kayser. „Das ist auch der Grund, warum er sich vor dem Referendum so vehement gegen einen Austritt Großbritanniens ausgesprochen und sich damit im eigenen Land nicht nur Freunde gemacht hat.“

Wer wird der Laudator?

Auf eine weitere Parallele zwischen Vergangenheit und Gegenwart verwies Linden. „Kershaw hat sich in seinem Buch mit den negativen Auswirkung des Kapitalismus auf die Menschen beschäftigt“, erklärte Aachens ehemaliger Oberbürgermeister. „Vor einer ähnlichen Aufgabe stehen wir auch heute.“ Linden sieht in Kershaws Wirken zudem einen Aufruf, den europäischen Einigungsprozess zu vertiefen, die innere Struktur der EU neu zu gestalten, sich auf gemeinsame Werte und Inhalte zu verständigen und auf eine politische Union zuzusteuern.

Den lobenden Worte über Ker­shaw werden am 3. Mai sicherlich noch viele weitere folgen. Wer allerdings die Laudatio auf den Preisträger halten wird, wollten Philipp, Kayser und Linden nicht verraten. Nur soviel: „Es wird eine tolle Persönlichkeit sein, die einen Bezug zu Aachen hat.“