Aachen: JVA-Prozess: Beweismaterial könnte manipuliert worden sein

Aachen: JVA-Prozess: Beweismaterial könnte manipuliert worden sein

Der Ausbrecher Michael Heckhoff (51) ist verärgert über das, was sich Gerichte so alles bieten lassen. Der vor der 8. Großen Strafkammer des Aachener Landgerichts wegen Geiselnahme und räuberischer Erpressung gemeinsam mit Peter Paul Michalski angeklagte JVA-Flüchtling stellte am Mittwoch Strafanzeige gegen unbekannt, weil er den Verdacht hat, dass die JVA das Beweismittel manipulierte.

Das mag sich exotisch anhören, ist aber nach Ansicht von Heckhoffs Anwalt Rainer Dietz durchaus berechtigt. Die Anzeige richtet sich gegen das Verhalten der JVA Aachen, die anscheinend unliebsame Videosequenzen von der Flucht am Abend des 26. November 2009 gelöscht oder bearbeitet habe. Es gehe hier um die Glaubwürdigkeit der Aussage seines Mandanten, erklärte Dietz gestern.

Der als gefährlicher Geiselgangster gefürchtete Heckhoff stellt durchaus des Öfteren seinen ausgeprägten Hang zu Ironie und sarkastischem Humor unter Beweis. So titulierte er seine Flucht meistens als „unverhoffte Abreise”, und die Knastbrüder ließen es sich auch nicht nehmen, unmittelbar nach dem Ausbruch kurz nach 20 Uhr mit grinsenden Gesichtern in eine Außenkamera der JVA zu winken. Dann flüchteten sie per Taxi nach Köln.

Von diesem Winken fehlt nun jede Spur, auf den CDs sind insgesamt etwa 130 Fehlzeiten von bis zu einer Dreiviertelminute zu beklagen. Ein Kronzeuge für diese Löcher ist nun sogar der Ankläger, Oberstaatsanwalt Alexander Geimer. Denn Geimer bestätigte im Verfahren ebenso wie ein JVA-Beamter, den ironischen Abschiedsgruß bei der Sichtung des Materials gesehen zu haben. Die diensthabenden Beamten, die daraufhin einen Alarm hätten auslösen können und müssen, hatten jedoch nichts gesehen.

Immer wieder verwunderte in den bisherigen 22 Verhandlungstagen, dass niemand einen Alarm auslöste und mehr als eine Viertelstunde verging, bis der Notruf bei der Polizei einging. Auch das heftige Gestikulieren eines Freigängers vor der Außenpforte ist nirgendwo aufzufinden. Belogen und betrogen?

Der strafrechtliche Hintergrund sei ein Vergehen, das im Gesetz als sogenannter Verstrickungsbruch geführt wird, erklärte Dietz gestern. Dabei geht es um den Erhalt von Sachen, die „dienstlich in Beschlag genommen” worden sind. Sein Mandant habe sich sowieso in der Anstalt „belogen und betrogen” gefühlt, ein Grundmotiv für seine Flucht.

Das juristische Scheibenschießen hat einen ernsten Hintergrund und könnte sogar zur Aussetzung des Verfahrens führen. Falls nämlich Anwalt Dietz das beantragt und das Gericht unter Vorsitz von Richter Hans Günter Görgen dem stattgibt, um endlich das originäre und komplette Bildmaterial von der abenteuerlichen Flucht, die ganz Deutschland in Aufruhr versetzte, auf den Tisch zu bekommen.

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