Aachen: Justizforum: Ein Thema mit viel Konfliktpotenzial

Aachen : Justizforum: Ein Thema mit viel Konfliktpotenzial

Große Gefühle beim 18. Aachener Justizforum: Es ging um Liebe und Anerkennung, um Begehrlichkeiten, enttäuschte Hoffnungen, Missgunst. Das Thema der Veranstaltung: „Erben und vererben ohne Sorgen“.

Fünf ausgewiesene Kenner der Materie konnte Moderator Manfred Kutsch (Zeitungsverlag Aachen) im wieder einmal bestens gefüllten Foyer des Aachener Justizzentrums begrüßen, die in Kurzreferaten unterschiedliche Aspekte des Erbens und Vererbens beleuchteten.

Bis zum Jahr 2020, so Manfred Kutsch in einer kurzen Einführung ins Thema, werden in Deutschland 2,6 Billionen Euro vererbt, jede fünfte Erbschaft wird nach einer Studie der Postbank größer als 100.000 Euro sein. Doch nur ein Viertel aller Deutschen hat seinen Nachlass durch Testament oder Erbvertrag geregelt. Und: 90 Prozent der meist in bester Absicht formulierten Verfügungen sind rechtlich fehlerhaft. Die Folge: Jahrelange Streitigkeiten, ganze Familien und Beziehungsgeflechte geraten aus den Fugen,

Quintessenz nach 90 Minuten: Nichts zu tun und sich im Erbfall auf die gesetzlichen Regelungen zu verlassen, ist die schlechteste Lösung. Ein Testament oder Erbvertrag beim Notar ist erheblich preiswerter als ein Erbschein vom Gericht. Und: Wer sich in jungen Jahren um die Regelung seines Nachlasses kümmert, spart im Alter eine Menge Geld. Denn die Gebühren bei Anwalt, Notar oder Gericht bestimmt das zu vererbenden Vermögen. Und das nimmt erfahrungsgemäß im Laufe der Jahre zu.

Meine, deine, unsere Kinder

Bereits der Klassiker „Familie mit zwei Kindern“ berge eine Menge Potenzial für erbrechtliche Auseinandersetzungen, falls mangels Testament die gesetzliche Erbfolge eintritt, erläuterte Stefan Schmitz. Richtig spannend werde es, wenn im (Erb-)Falle von Patchwork-Familien „meine, deine und unsere Kinder“ um das Erbe streiten. Stefan Schmitz: „Häufig entspricht die gesetzliche Erbfolge nicht dem Willen des Erblassers. Möchte man eine andere als die gesetzliche Erbfolge, muss man dies ausdrücklich anordnen, zum Beispiel durch Testament oder Erbvertrag.“

Mit steuerlichen Aspekten rund um die Erbschaft beschäftigte sich Claas Fuhrmann. Erste Überraschung: Erbschaftssteuer wird nicht nur im Erbfall, sondern auch bei Schenkungen fällig. Der Steuersatz steigt mit dem Grad der verwandtschaftlichen „Entfernung“ des Erben vom Erblasser und kann zwischen sieben und 50 Prozent betragen. Entsprechend gestaffelt sind die Freibeträge, sie betragen für Eheleute 500.000 Euro, für Kinder 400.000 Euro, für Nichten, Neffen und nichteheliche Partner aber nur noch 20.000 Euro.

„Was passiert mit meinem Haus?“ fragte Axel Warda und gab gleich die Antwort: schlimmstenfalls die Zwangsversteigerung. Denn ohne Testament oder Erbvertrag erben erst einmal alle Familienmitglieder gemäß ihrer Erbquote. Stirbt also in der klassischen Zwei-Kinder-Familie ein Elternteil, so erbt der überlebende Ehegatte nach der gesetzlichen Regelung ein halbes Haus, die beiden Kinder die andere Hälfte, also jeweils ein Viertel. Die Folge, so Axel Warda: „Ohne Zustimmung der Kinder ist der Überlebende nicht mehr berechtigt, das Haus weiter zu bewohnen. Er kann es auch nicht eigenmächtig verkaufen, denn das Haus gehört ihm ja nicht alleine. Er muss es sogar hinnehmen, dass ein Miterbe das Haus zwangsversteigern lässt.“

Wer jetzt denke: „Meine Kinder würden so etwas nie tun“, sollte den mitunter unheilvollen Einfluss der Schwiegerkinder nicht unterschätzen. Was auch passieren kann, so Warda: ein Kind gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Dann können dessen Gläubiger den Erbanteil pfänden. Auch bei Arbeitslosigkeit könne das Haus zur Hypothek werden, wenn unter Verweis auf das Miteigentum am Haus und mögliche Mieteinnahmen Hartz-IV-Leistungen gekürzt werden.

Die rechtzeitige Übertragung des Hauses zu Lebzeiten als Alternative sorge für klare Verhältnisse zwischen Kindern und Eltern und führe auch dazu, dass der Wert des Hauses später nicht mehr oder zumindest nicht ganz für Pflegeheimkosten herangezogen werde.

Joachim Wüst beschäftigte sich anhand zahlreicher detaillierter Beispiele unter anderem mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen das verschenkte oder vererbte Familienheim steuerfrei bleibt, und wie eigentlich der Wert der Immobilie ermittelt wird. Wo Gefahr droht: Unter bestimmten Voraussetzungen ist der Erwerber der Immobilie verpflichtet, diese mindestens zehn Jahre selbst zu nutzen, da ansonsten die Steuerbefreiung rückwirkend entfällt.

Der „Steuerfalle wilde Ehe“ widmete sich Jürgen Pelka anhand eines beeindruckenden Beispieles. Bei gleichem vererbtem Vermögen aber unterschiedlichen Rahmenbedingungen blieb in seiner Modellrechnung der überlebende Ehepartner steuerfrei, der „wilde“ Überlebende wurde dagegen mit 63 900 Euro zur Kasse gebeten.

Zahlreiche Fragen aus dem Publikum belegten anschließend die Brisanz des Themas.