Aachen: Jürgen Nendza: Sprachlicher Grenzgänger blickt auf sein Schaffen zurück

Aachen: Jürgen Nendza: Sprachlicher Grenzgänger blickt auf sein Schaffen zurück

Er mag es, Genzen auszuloten; die Grenzen der Sprache. Die Sprache. Sie ist für Jürgen Nendza ein Ereignis. Lyriker würden sie jedenfalls zu diesem machen können, sagt er. Jürgen Nendza, geboren 1957 in Essen, seit fast 40 Jahren im Grenzland zuhause, in Vaals und Aachen, ist ein solcher Lyriker, Poet und Dichter. Nun blickt er auf 20 Jahre seines Schaffens zurück.

Seine Werke wurden in acht Sprachen übersetzt, sein Name hat in vielen Ländern einen guten Klang. „Der Poet ist auch immer Grenzgänger. Die Poesie lotet die Grenzbereiche der Sprache aus“, sagt er.

Eine Landschaft, die den Dichter inspiriert: Dem Hohen Venn hat Jürgen Nendza einen eigenen Zyklus gewidmet. Foto: Stock/Alimdi

Wann Jürgen Nendza dieser sprachliche Grenzgänger wurde, es lässt sich nicht genau datieren. Fakt ist aber, dass er seit zwei Jahrzehnten Gedichtbände publiziert. Ein Querschnitt dieses Schaffens ist nun in seinem neuen Werk nachzulesen: „Mikadogeäst — Gedichte aus 20 Jahren“, heißt es.

Es sind ausgewählte Arbeiten aus zwei Jahrzehnten. Zu finden sind gleichermaßen Werke aus dem vergriffenen Band „Finistère“ und dem jüngsten Werk „Apfel und Amsel“. Es war für ihn ein spannender Prozess, ins eigene Wirken zurückzublicken. Er war gleichermaßen froh und beruhigt. Froh, dass seine Gedichte ihre Kraft nicht verloren haben.

Beruhigt, dass er sie immer noch gerne liest. Er sagt: „Es war schon sehr aufregend, 20 Jahre zurückzublicken. Zu sehen, welche Gedichte noch Bestand haben vor dem jetzigen Auge. Das neue Buch zeigt, dass das Älterwerden auch schöne Seiten haben kann.“

Aus Aachen ins PEN-Zentrum

Es ist ein ereignisreiches Jahr für den Dichter. Im Frühjahr erschien „Zomer nog in de laatste appels“. ein Auswahlband auf Niederländisch im Maastrichter/Amsterdamer Verlag „Azulpress“. Ende Mai hat er in Skopje seinen mazedonischen Auswahlband vorgestellt, der dort im vergangenen Jahr erschienen ist. Ebenfalls im Mai wurde er ins PEN-Zen-trum Deutschland gewählt. PEN ist die große Schriftstellervereinigung („Poets, Essayists, Novelists“).

Nendza ist kein unbeschriebenes Blatt in der Literaturwelt. Paradoxerweise werden die Aachener Lyriker aber ausgerechnet in der Heimat wenig wahrgenommen. Weniger als in Berlin oder Leipzig, den Städten der Literaten und Dichter. Er wurde mit dem Lyrikerpreis Meran ausgezeichnet, veröffentlicht mittlerweile in dem ambitionierten Leipziger Verlag Poetenladen. Dort ist auch „Mikadogeäst“ erschienen.

Die Kritiker rühmen seinen vertrauten Stil. Der Deutschlandfunk attestierte seiner Lyrik eine „ruhig-reflektierte Tonlage“. Und hatte damit vollkommen Recht. Nendza steht für Gedichte, von denen eine besondere Kraft ausgeht: Sie entschleunigen. Er lässt seinen Leser Innehalten. Er ist der (V)Erfasser des Augenblicks. Oder wie es der Westdeutsche Rundfunk einmal formuliert: „Jürgen Nendza ist ein Architekt poetischer Schwebezustände“. Angefangen hat die Geschichte des Spracharchitekten und Grenzgängers in der Schulzeit. Dabei ist er fast ohne Bücher aufgewachsen. Es gab ldiglich eine Bibel und einen Karl-May-Band in seinem Elternhaus in Essen. Und einen Duden. Seine Affinität zu Worten hat er erst entwickeln müssen. Das Studium hat ihn 1976 nach Aachen geführt. Er ist geblieben.

Treffpunkt Dreiländereck. Für den (sprachlichen) Grenzgänger ein idealer Ort. Ein Ort der Übergänge und Sprachen. Und ein Ort, der Grenzen eigentlich aufhebt. Wie die Poesie, „denn auch die Poesie schafft immer wieder Übergänge ins Grenzenlose“, sagt Nendza. Das Dreiländereck ist der Schauplatz seines Gedichts „Hinterland“, das Bezug nimmt auf den Todeszaun, der am Dreiländereck, dem damaligen Vierländerblick 1915 errichtet wurde. Über 2000 Tote hat es gegeben.

Die schrecklichen Ereignisse haben Nendza bewegt. Er setzte sich mit der Soldatensprache auseinander, der Geheimsprache an einer solchen Grenze. „Plötzlich ist man mittendrin, das lässt sich nicht rational nachvollziehen“, sagt er. Nendza nahm Eindrücke auf, stolperte über Worte. Er recherchierte Hintergründe. Poesie ist für ihn immer auch eine archäologische Arbeit. Es geht um Geschichte und um Sprachgeschichte.

und dein Genick geschabt vom Mantelkragen: Kälte

zieht im Handlauf dich hinab vom Turm. Der Abgrund

eben, die Oberfläche Wort und winterhart

die Buchstaben durchkreuzt von deinen Nerven: Spurrillen

der Kufen. Im Nachgang Stiefelschritt und Schneefegen

dein Metronom, feinstes Pinseln über Kuppen

wie atmendes Gelände. Du horchst ihm nach, zermalmst es

fort auf Knochenklänge, knirschend: Aus dem Schallschatten

erweckt Geläut und Läutewerk, Alarm, bis eine Biegung

weiter stille Schlitten Pferde aus dem Schlaf entlassen

jenseits des motorisierten Lichts. Stacheldraht siehst du,

pikkeldraad im nächsten Schritt, die Landschaft (...)

Wenn Jürgen Nendza dichtet, dann entstehen über Wochen und Monate verschiedene Versionen. „Ich muss auch immer sehr geduldig sein.“ Oft ist es die Natur, die ihn dazu bewegt, Gedanken zu formulieren und zu Papier zu bringen. Sein Gedichtzyklus „Bulten und Schlenken“ („Bulten“ sind Kuppen aus Gräsern und Torfmoosen, „Schlenken“ die feuchten Bodensenken) etwa ist im Hohen Venn verortet.

Seit Jahren hat ihn das Venn fasziniert. Aber wahrgenommen hat er es „lange nur so nebenbei“. Er spazierte mit Freunden, mit seiner Lebensgefährtin, mit dem Sohn, auch alleine — dann war er mit einem Ranger unterwegs. Der Zugang wurde ein anderer. Er hat im Winter in Baraque Michel übernachtet und das Venn auch körperlich erfahren.

Die Stille hat ihn beeindruckt

„Das Hohe Venn ist ein Faszinosum“, sagt er, „es hat etwas Berührendes, Existenzielles und Geheimnisvolles“. Und es hat eine Geschichte, die ihn bewegt hat — auch als Kriegsgefangenenlager und Truppenübungsplatz. Zugleich steht es für das blühende Leben. „Das Moor ist ein lebendiger Körper, es wächst immer weiter.“ In „Iris der Zersetzung“ schreibt er: Iris der Zersetzung: Das Torfauge lebt. Wälder, Herrschaften wachsen heran. Der Torfstich im Mai, armer Schweiß aus würzigem Rauch.

Immer ist er da, dieser schnell vertraute Stil. Und immer wieder brechen sie, die Bilder, die Jürgen Nendza erzeugt. Er macht seinen Leser dabei zum Komplizen — denn der entwickelt aus Nendzas Worten eigene Bilder und Gedanken. „Die Sprache weiß am Ende immer mehr als der Dichter“, sagt Nendza.

Dennoch: Es ist nicht unproblematisch. Wenn die Deutschen in Urlaub fahren, dann packen sie skandinavische Thriller und englische Krimis als Ferienlektüre ein — selten einen Gedichtband. Nendza weiß, dass der Zugang zur Poesie kein leichter ist. Der Dichter Michael Hamburger hat einmal gesagt: „Ein gutes Gedicht erobert zuerst die Sinne, erst dann setzt es sich dem Verstand aus.“

In der Schule wird dennoch erst fast mathematisch analysiert: Es werden Alliterationen gezählt, das Reimschema wird untersucht, „Die schlesischen Weber“ werden in ihre Bausteine zerlegt, bevor die Wörter Emotionen wecken können. „Da müssen wir umdenken“, sagt Nendza.

Er kennt die Widerstände

Er gibt auch Literaturkurse — am Gymnasium Würselen und am Couven-Gymnasium in Aachen. Wenn er dort Gedichte vorstellt, dann nimmt er sich Zeit. Es geht zunächst um erste Eindrücke, den sinnlich-emotionalen Zugang — bevor die Analyse beginnt. Er kennt die anfänglichen Widerstände, er kann sie auch verstehen; es ist ein ungewöhnliches Lesen, es verweigert sich dem schnellen Zugriff, der in der alltäglichen Kommunikation immer selbstverständlicher wird. Da ist es wieder, das Entschleunigende. Nendzas Lyrik hat einen anderen Rhythmus. Nicht den eines Lebens auf der Überholspur, der schneller und schneller wird.

Lyrik ist dabei wie gegenständliche Kunst. Sie fordert Auseinandersetzung. Und die Arbeit wird unterschätzt. Ein Gedicht sieht im ersten Moment nicht so arbeitsintensiv aus wie ein 300-Seiten-Roman. Doch weit gefehlt. Recherche ist ein zentrales Thema. Und wenn er dann mit Wissen und Worten formuliert, dann empfindet er die Welt ganz anders, als es bis dato der Fall gewesen sein mag.

„Mikadogeäst“ mag eine Zwischenbilanz sein. Sorgen, ihm könnten Ideen oder Inspiration ausgehen, treiben Nendza nicht um. „Ich habe das Vertrauen in das weiße Blatt gewonnen“, sagt er. Neue Gedichte werden folgen.