Köln: Journalist auf der Suche nach den alten Gleisen

Köln: Journalist auf der Suche nach den alten Gleisen

In einem Waldstück, irgendwo zwischen Jülich und Dahlheim, ist Bernd Franco Hoffmann beinahe verzweifelt. Er habe sein Ziel erreicht, meinte das Navigationssystem. Das könne nicht sein, sagte sein Verstand; kein Gleis, keine Weiche, keine Ampelanlage — einfach nichts, was an Schienenverkehr erinnert.

Hoffmann musste sich den Weg erfragen, vorrangig bei Anwohnern der älteren Generation. „Die Älteren wussten noch über alles Bescheid, manche Bahnverbindungen hatten teilweise Kultstatus, es waren ja Legenden“, erzählt der Kölner Journalist und Autor des kürzlich erschienen Buches „Stillgelegte Bahnstrecken im Rheinland“.

Im Rheinischen Sibirien

Eine dieser Legenden war die Vennbahn: rund 125 Stahl-Kilometer bis in die Benelux-Staaten, zwischen Hochmoor und Industrieadern. Im Rheinischen Sibirien, wie die dünn besiedelte Eifel mit ihren kargen Böden genannt wurde, sorgte der Eisenbahnbau für wirtschaftlichen Aufschwung. Heute rollen keine Dieselloks mehr durch das Hohe Venn, sondern Fahrräder: Im Juli 2013 eröffnet, ist die neue Vennbahntrasse, mit ihren 125 Kilometern einer der längsten Bahntrassenradwege Europas.

Die Kohleindustrie war vielerorts Grund für den Ausbau des Schienennetzes in der Region. Von Stolberg und Aachen-Rothe Erde fuhren täglich bis zu 80 Güterzüge in Richtung des belgischen St. Vith. Die Spuren der Kohle waren für Hoffmann ein interessanter Anhaltspunkt auf seinen Recherche-, ja auf seinen Entdeckungstouren. „Der Bahnhof Mariagrube an der ehemaligen EBV Zeche ,Maria Hauptschacht‘ in Alsdorf zeigt am besten, wie maßgebend die Kohleindustrie für die Bahnstrecken war: damals drei Gleise, heute komplett verschwunden“, sagt Hoffmann über die mitunter unsentimentale Verabschiedung des Bergbaus.

Mariagrube war ein klassischer Kreuzungsbahnhof. Er war Station auf den Strecken Aachen-Nord nach Jülich oder Stolberg-Herzogenrath. Anderswo, in Stolberg, entwickelte sich der dortige Bahnhof schnell zum Knotenpunkt für Gütertransporte und ist in der Historie Aachener Eisenbahngeschichte unverzichtbar. In Herzo-genrath-Kohlscheid wurde der Bahnhof extra als Kohlesammelpunkt nahe der Gruben gebaut.

Nicht minder bedeutend waren damals auch die Dürener und Jülicher Kreisbahnen. Düren stand im 19. Jahrhundert vor einem Dilemma: Für den Güterverkehr war der Dürener Bahnhof eine wichtige Station, im Nahverkehr nutzten die Bürger jedoch noch Pferdedroschken. Die Kreisbahn nahm schließlich 1908 ihre Fahrten auf — heute ist indes lediglich ein Busunternehmen vom einst blühenden Transportgeschäft übrig. Eine fast identische Geschichte hat die Jülicher Kreisbahn. Die sogenannte Rübenbahn fuhr einst von Jülich-Nord bis Baesweiler-Puffendorf, der Personenverkehr überlebte nur 60 Jahre.

Der Frage, wie ein Verkehrsweg gänzlich verschwinden kann, ging Bernd Franco Hoffmann knapp über ein Jahr lang nach, angestoßen durch die Arbeit für einen Zeitungsartikel über einen Tunnelbau zwischen Köln und Gummersbach. Der Journalist persönlich besitzt keine besondere Affinität zum Schienenverkehr, ein Modell-Sammler oder Eisenbahn-Historiker war er nie. Als „Romantik aus Technik und Natur“ bezeichnet er seine Reisen, bei denen der Autor nicht selten Bahnstrecken zu Fuß abgegangen ist. Auf gut 200 Schienen-Kilometern war er mit der Kamera unterwegs — ohne auch nur vom Donnern eines einzigen Kohlezuges begleitet zu werden.

Bernd Franco Hoffmann: Stillgelegte Bahnstrecken im Rheinland, Sutton Verlag, 22,99 Euro, ISBN: 978-3-95400-396-9.

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