Aachen/Stolberg: Ist die Tochter am Tod der Mutter schuld?

Aachen/Stolberg : Ist die Tochter am Tod der Mutter schuld?

Als am Donnerstag gegen Mittag die Schwippschwägerin der Angeklagten ihre Aussage macht, kommen erste Zweifel an der Plausibilität der am Morgen vor dem Aachener Schwurgericht verlesenen Anklage auf. Vor der Strafkammer, vor der sich in der Regel brutale Totschläger und Mörder verantworten müssen, sitzt eine verschüchterte 53-jährige Hausfrau.

Eine Mutter dreier Kinder aus Stolberg, der der Tod ihrer pflegebedürftigen Mutter im August 2010 angelastet wird.

Sie soll damals, vor fast fünf Jahren, ihr Sterben im Stolberger Bethlehem-Krankenhaus durch schuldhafte Unterlassungen in der häuslichen Pflege herbeigeführt haben. Die Angeklagte Hubertine W. schaut nach unten, ist von der geballten Öffentlichkeit sichtlich verschreckt. So verschreckt, dass ihr Verteidiger Björn Hühne (Jülich) völlig überrascht wird, als die Angeklagte spontan ankündigt, kein Wort mehr sagen zu wollen. Beleidigt sagt sie: „Die glauben hier alle, ich bin die Mörderin meiner Mutter.“ Und beschließt für sich: „Ich sage nichts mehr.“

Das überrascht auch die Kammer unter Vorsitz von Richter Arno Bormann. Der Sachverhalt ist laut Anklageschrift schwerwiegend. Danach soll die Tochter ihre Mutter — die damals 73-Jährige lebte seit einigen Jahren im gemeinsamen Haushalt der fünfköpfigen Familie — so vernachlässigt haben, dass diese an entzündeten Fäulnisstellen auf dem Rücken bis zum Gesäß litt und völlig verwahrlost erschien, die Verlausung der Kopfhaare und Kotreste unter den Fingernägeln wurden dokumentiert.

In diesem Zustand sei sie am Abend des 28. Juni 2010 von einem Rettungswagen abgeholt und ins Krankenhaus gebracht worden, die Familie selber hatte den Notarzt gerufen. Im Krankenhaus ging es ihr trotz ärztlicher Betreuung auf der Intensivstation immer schlechter, die Geschwüre heilten nicht mehr, am 17. August starb die Patientin. Der Vorwurf gegen die Tochter: Misshandlung von Schutzbefohlenen mit Todesfolge, die 73-Jährige sei „schlecht ernährt“ gewesen, Hubertine W. sei „gefühllos und gleichgültig“ vorgegangen, las Staatsanwältin Claudia Klösgen vor.

Alles Unsinn sagte der Ex-Ehemann der Angeklagten, der als erster in den Zeugenstand gerufen wurde. Der Maurer lebte 2010 noch bei seiner Familie, die Scheidung kam erst später. Er beschrieb mit einfachen Worten die letzte Woche, bevor man den Notarzt gerufen habe. Die Oma habe in dieser Woche über Schwindel geklagt, er habe Aussetzer „vom Kreislauf“ und „vom Kopf“ her bemerkt, sie habe nicht mehr so gut aufstehen können.

Ob sie denn gepflegt wurde, wollten die Richter wissen, sie hatte offiziell Pflegestufe I. Ja, ganz normal, antwortete der Zeuge. Ansonsten habe sie am Familienleben teilgenommen, sei aus ihrem Zimmer gekommen und habe Stunden am Esstisch gesessen, wie gewohnt Kaffee getrunken und geraucht. Von den Aufnahmen der offenen Geschwüre am Rücken der alten Dame war auch der Zeuge überrascht — und hatte keine Erklärung.

Die hatte Schwippschwägerin Marlies G. (63) aus Stolberg natürlich ebenso wenig. Doch sie sei kurz vor der Einlieferung zu Besuch gewesen, von Vernachlässigung habe keine Rede sein können. Die habe zwar „schlecht ausgesehen“. Doch Oma sei nach wie vor aufgestanden, habe wie immer am Esstisch gesessen und geraucht. „Du musst sie mal zum Arzt bringen“, habe sie der Angeklagten angeraten. Verstanden sich Mutter und Tochter, wollte Richter Bormann wissen. Ja, es war ein „gutes Verhältnis“, sagte Marlies G.

Der Prozess wird am 24. Februar fortgesetzt.

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