Region: Isabelle Weykmans: Mit Kind auf großem Posten

Region: Isabelle Weykmans: Mit Kind auf großem Posten

Isabelle Weykmans ist seit zehn Jahren Ministerin in Ostbelgien. Seit vier Monaten ist die 34-Jährige auch Mutter. Ein Jahr voller politischer und privater Herausforderungen.

Möhrenbrei essen, krabbeln, laufen, das sind Ellas Etappenziele für 2014. Die ihrer Mutter Isabelle sind nicht weniger ehrgeizig. Wahlkampf auf höchster Stufe. In Belgien stehen vier Wahlen an einem Tag an: Regionalwahl der Wallonie, Föderalwahl und Europawahl.

Heimatverbunden: Isabelle Weykmans liebt ihre Heimat mit der Natur wie hier in Worriken am Bütgenbacher See. Foto: Willi Filz

Und dann geht es noch darum, bei der Parlamentswahl der Deutschsprachigen Gemeinschaft möglichst fünf Sitze für ihre Partei zu erzielen: Isabelle Weykmans gehört der liberalen Partei für Freiheit und Fortschritt (PFF) an, ist Ministerin in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und seit vier Monaten Mutter.

Foto: Harald Krömer Datum: 13.02.2014 Isabelle Weykmans, Ministerin Belgien Job: Weyk 4 Foto: Harald Krömer

Ihr Leben habe das Muttersein verändert wie sonst noch nie etwas, gibt sie zu. Aber das gilt eher für die emotionalen, inneren Seiten. Denn nach außen bleibt alles, wie es ist, das heißt in erster Linie arbeitsreich.

Isabelle Weykmans hat sich entschieden, dieses wichtige Jahr ihrer Karriere nicht zu Hause mit dem Pürierstab zu verbringen. Babyauszeit? Fehlanzeige. Denn ausgerechnet 2014 sei ein „Scharnierjahr“. „Die Europawahlen werden zeigen, in welche Richtung es für Europa geht“, sagt sie. Und die Parlamentswahlen zeigten, wohin es mit Belgien und im Besonderen für die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) gehe, für die Isabelle Weykmans seit zehn Jahren Ministerin ist.

Heute ist sie 34 Jahre jung und quasi ein „alter Hase“ im politischen Geschäft, auch wenn sie nicht danach aussieht. Als sie mit damals 24 Jahren an den Ministerposten kam „wie die Jungfrau zum Kind“, war sie jüngste Ministerin Europas und die erste in der DG. In jenem Teil von Belgien, der von den deutschen Nachbarn gerne als liebenswert-chaotisch und katholisch-konservativ beschrieben wird.

Hier in Eupen, in der Kleinstadt mit Regierungssitz, ist Isabelle Weykmans geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, bevor sie in Namur mit 17 Jahren begann, Politische Wissenschaften zu studieren.

Danach ging es Schlag auf Schlag: 2004 wurde sie Beraterin des ebenfalls aus Ostbelgien stammenden liberalen Politikers Berni Collas. Nur ein paar Monate später wurde sie im Sommer 2004 selbst Ministerin für Kultur, Medien, Denkmalschutz, Jugend und Sport. Heute gehört auch noch das Feld Tourismus zu ihrem Aufgabengebiet.

Die Anfangszeit als Ministerin sei rückblickend ihre größte Herausforderung gewesen. Noch mehr als jetzt, wo sie ihre 14-Stunden-Tage mit den Bedürfnissen eines Säuglings zusammenbringen muss. Herausforderung, sagt sie bewusst, nicht Schwierigkeiten. Denn in Wortwahl und im Auftreten, in der Gestik und Mimik ist Isabelle Weykmans durch und durch Politikerin.

Fragt man sie nach Emotionen, spricht sie von Organisation. Fragt man nach Problemen, spricht sie von Herausforderungen. Und immer schwingt ein kleines bisschen Misstrauen mit. Möglich, dass dieses Misstrauen nicht immer ganz unbegründet war.

Denn zu Beginn ihrer Amtszeit hatte sich Isabelle Weykmans ein großes Ziel gesteckt: Sie wollte die ihr anvertrauten Bereiche grundsätzlich reformieren. Für die männlichen Netzwerker, die es bis dahin gewohnt waren, etwas flexibler über die Fördermittel für die Kultur zu entscheiden, musste das wirken, als würde nun ein frisch geschlüpftes Küken über die Futterverteilung im Nest bestimmen.

Dass sie außerdem noch eine Frau ist, machte die Sache wahrscheinlich nicht einfacher. Aber sie hat sich durchgesetzt, mit Beharrlichkeit, viel Arbeitseifer und Sachlichkeit. Um beim Beispiel der Kultur zu bleiben: „Es gibt erstmals transparente Regelwerke für die Kulturförderung. Wir fordern klare Konzepte, aber dafür geben wir auch 30 Prozent mehr Geld aus für die Förderung.

Es gab Zeiten, in denen der, der am lautesten gebrüllt hat, am meisten bekommen hat“, sagt sie, und man merkt, dass sie auf diese Reformen besonders stolz ist. Unumstritten waren die Reformen nicht, zumal sie auch für den Bereich Medien zuständig ist und den staatlichen Radiosender Belgischer Rundfunk (BRF) auf Sparkurs gesetzt hat.

„Das hat vielen Herren nicht geschmeckt, und ich wurde auch stark angefeindet, aber in diesem Punkt war mein junges Alter von Vorteil. Ich konnte unvoreingenommen an die Sache herangehen. Und nach wie vor stehe ich zu dem Ergebnis“, sagt sie selbstbewusst.

77.000 Einwohner hat Ostbelgien, das Parlament besteht aus 25 Abgeordneten, inklusive der vier Minister, die praktisch jeder in Eupen kennt. Eine stärkere Bürgernähe kann es wohl in keiner Regierung geben. „Das ist wunderbar“, schwärmt Weykmans, „ich weiß ganz genau, wo es brennt, wo Dinge auf den Weg gebracht werden müssen.“

Aber natürlich hat die Bürgernähe eine Kehrseite: Die Interessen Einzelner können relativ schnell Gewicht bekommen, und es ist fast unmöglich, sich nicht bald in einem unübersichtlichen Geflecht zu befinden. Um sich dort nicht zu verstricken, ist die Sachlichkeit, die Isabelle Weykmans demonstriert, von Vorteil.

Gerade dann, wenn man so heimatverbunden ist wie die 34-Jährige. In ihrer Freizeit wandert sie im Hohen Venn, „einem magischen Ort“, macht Sport oder erholt sich in den Wäldern, die ihr Ruhe und Ausgleich geben. Seit der Geburt ihres Kindes ist sie dazu nicht mehr gekommen: „Jede Minute Freizeit ist jetzt für meine Tochter reserviert“, sagte sie. Viel Zeit ist es ohnehin nicht, die übrigbleibt: „Ich versuche jeden Tag wenigstens ein oder zwei Stunden mit ihr zu verbringen. Das ist eine intensive Zeit für mich.“

Ellas Stundenplan steht der der Mutter in nichts nach: Während sich bei Isabelle Arbeitstreffen, Wahlkampftermine, Schreibtischarbeit aneinanderreihen, ist Ella in einem ausgeklügelten System aus Vater, Großeltern und Tagesmutter aufgehoben. „Das ist manchmal ganz schön schwierig“, gibt Isabelle Weykmans zu. Und diesmal sagt sie nicht herausfordernd.

Doch bei aller Diskussion um sie als Mutter und Ministerin zeigt sich eines besonders schnell: Wie unterschiedlich immer noch die Familie bei Frauen und Männern gewertet wird. „Ich werde überall gefragt, wie ich das nun mache mit Kind und Karriere. In derselben Legislaturperiode sind meine männlichen Minister-Kollegen auch Väter geworden, einer sogar von Zwillingen. Sie hat niemand gefragt, wie sie denn nun die Familie und die Arbeit vereinbaren.“

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