Düsseldorf: Inklusive Gesellschaft: Arbeiten und Wohnen im Fokus

Düsseldorf: Inklusive Gesellschaft: Arbeiten und Wohnen im Fokus

Kooperation, so lautet das Motto der neuen Behindertenbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen, Elisabeth Veldhues. Veldhues, die SPD-Frau, weiß es aus dem eigenen Umfeld: Die meisten Menschen haben eher wenig mit Behinderten zu tun, deshalb muss man sie einbinden und an der Problemlösung beteiligen muss.

Sie sagt: „Wenn ich mit einem Rollstuhlfahrer ein Lokal besuchen möchte, und das vorher dort kommuniziere, dann können sich alle darauf einstellen und einen schönen Tag haben.“ Dass sie überhaupt noch unendlich viele Möglichkeiten der Teilhabe sieht, hat sie unserer Redakteurin Angela Delonge erzählt.

Wie viele Arten der Behinderung gibt es? Die meisten Menschen wissen viel zu wenig über die verschiedenen Handicaps und sind deshalb unsicher in der Begegnung mit Behinderten. Das will Elisabeth Veldhues ändern — mit gemeinsamem Reden, Arbeiten und Wohnen. Foto: stock/epd (2), Zuma Press, Westend

Frau Veldhues, was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Menschen mit Behinderung denken?

Wie viele Arten der Behinderung gibt es? Die meisten Menschen wissen viel zu wenig über die verschiedenen Handicaps und sind deshalb unsicher in der Begegnung mit Behinderten. Das will Elisabeth Veldhues ändern — mit gemeinsamem Reden, Arbeiten und Wohnen. Foto: stock/epd (2), Zuma Press, Westend

Veldhues: Herausforderung, Problemlösung und Kooperation. Unser Umgang damit. Teilhabe, keine Separation.

Wie viele Arten der Behinderung gibt es? Die meisten Menschen wissen viel zu wenig über die verschiedenen Handicaps und sind deshalb unsicher in der Begegnung mit Behinderten. Das will Elisabeth Veldhues ändern — mit gemeinsamem Reden, Arbeiten und Wohnen. Foto: stock/epd (2), Zuma Press, Westend

An welche Art der Behinderung denken Sie als erstes?

Da geht noch was: Elisabeth Veldhues setzt sich vor allem für neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Behinderte ein. Foto: LBB

Veldhues: Körperliche Behinderung nehme ich wie die meisten natürlich als erstes wahr, bei näherem Hinsehen oder einer Unterhaltung merke ich aber immer wieder, dass es Menschen mit den verschiedensten Behinderungen gibt.

Sind wir da zu unsensibel?

Veldhues: Ja, weil die meisten Menschen denken, dass man mit einer Behinderung geboren wird. Die meisten Behinderungen passieren aber im Laufe eines Lebens durch Krankheit oder Unfall. Sie und ich, jeder kann jederzeit von Behinderung betroffen sein. Das muss jedem klar sein.

Im Moment ist das große Thema in Zusammenhang mit Behinderung aber die Schule. Warum gibt es so viele Probleme bei der Inklusion?

Veldhues: Wir müssen uns da ein bisschen Zeit geben. Wir haben die Inklusion beschlossen, das ist aber kein Schalter, den man einfach umlegt. Wir reden in den Schulen seit zwei Jahren darüber, das ist im Schulbetrieb keine lange Zeit. Wir machen Schritte, und die müssen erfolgreich sein. Dafür müssen wir die Eltern aller Kinder mitnehmen, auch die Lehrkräfte, für die das eine große Umstellung ist. Es ist eine ganz andere Art des Lehrens. Das Mehr an individueller Förderung wird letztlich aber allen Kindern zugute kommen. Eltern haben nun eine Wahlfreiheit: Welches ist der beste Lernort für mein Kind?

Im Moment ist es aber eher so, dass sowohl Eltern als auch Lehrer an diesen Schritten verzweifeln. Gibt es eine Lösung für alle Beteiligten?

Veldhues: Lehrer müssen motiviert werden, das muss schon in der Ausbildung beginnen. Das Aufgabenfeld des Lehrers ändert sich ohnehin pausenlos. Es ist eine große Herausforderung, genauso wie es das für Eltern ist, die ein behindertes Kind in ihrer Familie haben. Die hat auch niemand darauf vorbereitet. Deswegen muss man die Lehrer nicht ins kalte Wasser werfen, die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Ein großer Vorteil wären kleinere Klassen, da hoffe ich, dass der demografische Wandel greift. Ganz wichtig ist aber auch, dass Vorbehalte im täglichen Umgang abgebaut werden.

Warum fällt uns das so schwer?

Veldhues: Weil wir nicht wissen, wie wir zum Beispiel Menschen mit starker Körperbehinderung begegnen sollen. Wir sind da sehr unsicher. Soll ich Hilfe anbieten, wenn ja, wie? Solche Fragen treiben uns um, man will ja niemanden verletzten.

Könnte ein Grund sein, dass Behinderte in unserer Gesellschaft in speziellen Einrichtungen leben?

Veldhues: Ja, man hat eigene Einrichtungen geschaffen, in denen Behinderte leben. Meiner Meinung nach gehören Behinderteneinrichtungen in die Mitte der Gesellschaft.

Gibt es solch einen Ort, wo Inklusion schon funktioniert?

Veldhues: In den Kindergärten funktioniert das ganz selbstverständlich. Dort wachsen nicht behinderte und behinderte Kinder zusammen auf, und die werden später nie Probleme haben, miteinander umzugehen. Kleine Kinder lernen heute, dass es normal ist, verschieden zu sein. Das wächst ganz automatisch zusammen, wenn man früh Begegnung und Kommunikation schafft.

In den weiterführenden Schulen ist noch nicht viel zusammengewachsen. Woran liegt das?

Veldhues: Zum einen müssen behinderte Kinder gut gefördert werden, auch von den Eltern. Beispielsweise müssen Eltern einem blinden Kind irgendwann den Stock in die Hand geben und es alleine laufen lassen. Das sind ganz wichtige Bausteine des Lebens, um mit einem Handicap umzugehen. Dann ist auch im schulischen Alltag viel mehr möglich. Aber auch die Schulen müssen sich dieser Herausforderung stellen. Ich nehme mit großer Freude wahr, dass eine Körperbehinderung heute nicht mehr gegen den Besuch eines Gymnasiums spricht. Da müssen die Schulen sich von ihrer alten Haltung verabschieden und sich offen und kooperativ zeigen.

Warum sind andere Länder beim Thema Inklusion weiter?

Veldhues: Ich denke, vieles wird dort offener gehandhabt. Es gibt dort nicht so die Kultur des Versteckens. In dünn besiedelten Ländern wie in Skandinavien sind Behinderte auch aus praktischen Gründen viel mehr in die Gemeinschaft integriert. Letztlich ist es aber eine Grundhaltung, wie ich zu Leuten stehe, die ein bisschen anders sind.

Hat Deutschland da Nachholbedarf?

Veldhues: Wir holen auf. Da bin ich sehr positiv gestimmt.

Wie sieht es mit dem beruflichen Werdegang von Behinderten aus? Haben sie überhaupt eine Chance auf berufliche Teilhabe in einer globalisierten Welt?

Veldhues: Wir möchten, dass der Automatismus Förderschule und danach Werkstätten für Behinderte gebremst wird. Das muss sich ändern. Für junge Menschen mit Förderbedarf gibt es nach der Schule die verschiedensten Programme. Wir dürfen da nicht blauäugig sein. Wir wissen auch, dass die Wirtschaft heute ganz andere Anforderungen stellt.

Sehen Sie das Ende der Behindertenwerkstätten gekommen?

Veldhues: Das nicht, aber es muss neben der Werkstatt auch noch andere Beschäftigungsmöglichkeiten geben.

Welche?

Veldhues: Für alle Arbeitgeber, die sich der Aufgabe stellen, einen Mitarbeiter mit Handicap zu beschäftigen, gibt es den sogenannten Minderleistungsausgleich. Das Geld kommt aus der Ausgleichsabgabe, die Betriebe zahlen müssen, die eine bestimmte Quote nicht erfüllen. Beide Landschaftsverbände haben öffentliche Träger, aber auch ganz normale Betriebe motiviert, solche Beschäftigungsverhältnisse einzugehen.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Veldhues: In der Gastronomie gibt es Betriebe, in denen bis zu 50 Prozent der Belegschaft ein Handicap hat. Häufig sind das geistig Behinderte. Das ist ein tolles Konzept. Dort bestellen Sie zum Beispiel ihr Menü nach Farben oder Sie schreiben Ihre Bestellung auf einen Zettel. Die Organisation des Arbeitsplatzes muss entsprechend eingerichtet werden, und dann sind alle zufrieden. Sie werden gut bedient, haben eine angenehme Atmosphäre, und dieser junge Mensch hat einen versicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Oder im Garten- und Landschaftsbau: Einen Rasen mähen kann auch jemand mit geistiger Beeinträchtigung.

Wie wirbt Nordrhein-Westfalen für diese Beschäftigungsverhältnisse?

Veldhues: Beide Landschaftsverbände haben mit ihren Integrationsämtern (eigentlich müssten wir sie umtaufen in Inklusionsämter) in Münster eine große Messe zu dem Thema veranstaltet. Da gab es die sogenannten Aha-Erlebnisse nach dem Motto: Guck mal, es geht doch. Jetzt will die Bundesregierung mit Finanzspritzen an den Markt gehen, um anstelle einer Werkstattbeschäftigung Alternativen aufzuzeigen. Das bringt für die Menschen viel mehr an Lebensqualität, sie schaffen sich ihr eigenes Rentenkonto, und es ist für die Gesellschaft, für unseren Sozialhilfeetat garantiert der preiswertere und bessere Weg. Da gibt es ungeahnte Möglichkeiten. Wir müssen noch lernen, diese Klaviatur richtig zu spielen.

Müssen neue Strukturen geschaffen werden?

Veldhues: Die Strukturen haben wir, die Angebote haben wir, die Nachfrage haben wir. Trotzdem geht es nicht so einfach, wie sich das anhört. Denn wir haben mehr Anträge, als zurzeit Geld im Topf für die Ausgleichsabgabe ist. Wir kämpfen gerade darum, die Finanzierung des Minderleistungsausgleichs dauerhaft sicherstellen zu können.

Wie viel Geld wird gebraucht?

Veldhues: Wir hoffen, dass Berlin 50 Millionen Euro für die nächsten drei Jahre zur Verfügung stellt. Nur so können wir den Betrieben dauerhaft den Ausgleich für die Minderleistung ihrer Mitarbeiter bezahlen. Wenn wir das nicht finanzieren können, müssen diese Menschen wieder in den Werkstätten arbeiten. Aber auch das muss der Staat bis zur Pensionierung zahlen.

Könnte diese Art von Förderung wettbewerbsverzerrend sein?

Veldhues: Gar nicht. Jedem, der das vermutet, sage ich: Stellen Sie doch auch Menschen mit Minderleistung ein, dann bekommen Sie auch die Ausgleichsabgabe!

Gibt es im Vergleich zu andern Bundesländern Besonderheiten?

Veldhues: Ich bin vier Wochen im Amt und lerne zurzeit noch viel Ungeahntes kennen. Vor allem erfahre ich, wie viele Einzelschicksale es gibt. Wenn zum Beispiel eine Rollstuhlfahrerin in Wuppertal aus einer Eisdiele herausgefahren und ihr das Eis am Bürgersteig serviert wird, ist das eine Form der Diskriminierung, die ich kaum für möglich gehalten hätte.

Im Alltag passiert also noch sehr viel Diskriminierung.

Veldhues: Ja, es ist noch sehr viel zu tun. Ich möchte dafür werben, dass solche Probleme vor allem über Dialog gelöst werden können.

Wie viele Jahre werden wir noch brauchen, bis die Inklusion in NRW verwirklicht ist?

Veldhues: Da suche ich jetzt mal nach der Glaskugel auf meinem Schreibtisch... Ich sag mal so: Ich bin jetzt 66, und ich will das noch erleben.

Gibt es einen bestimmten Bereich, den Sie in Ihrer Amtszeit verwirklicht sehen möchten?

Veldhues: Ich möchte gerne die Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Behinderte verbesserte sehen. Das Recht auf Arbeit kann niemandem verwehrt werden, nur weil er ein Handicap hat. Auch bezahlbares Wohnen muss für die, die es können und möchten, möglich sein: quartiersbezogen mit guter Infrastruktur, Nachbarschaft und Freundschaften. So stelle ich mir eine inklusive Gesellschaft vor.