„Beste Köpfe“: Initiative unterstützt Wissenschaftlerinnen auch an der RWTH

„Beste Köpfe“ : Initiative unterstützt Wissenschaftlerinnen auch an der RWTH

„Beste Köpfe“ werden gesucht und auch in Aachen gefunden. „Beste Köpfe“ — so heißt eine Initiative der Leibniz-Gemeinschaft, die unter anderem „international hervorragend ausgewiesene Wissenschaftlerinnen“ fördert.

„Beste Köpfe“ — dazu zählt Laura De Laporte, junge Mutter von zwei Töchtern (fünf und sieben Jahre alt), eine Frau, die ihre Tätigkeit in der Forschung mit jener in der Familie in Einklang bringen will.

Dass sie nun Leibniz-Professorin ist, hilft ihr dabei. So kann De Laporte an der RWTH Aachen und dort am DWI, dem Leibniz-Institut für Interaktive Materialien, bleiben. Weil sie hier habilitiert hat, müsste sie für eine Professur normalerweise an eine andere Universität wechseln.

Mit Unterstützung der Leibniz-Gemeinschaft ist jetzt an der RWTH speziell für sie eine neue Professorinnen-Stelle eingerichtet worden. „Das freut mich sehr, denn in meinem Fachgebiet der Biomaterialien geschieht gerade hier in Aachen sehr viel — in Zusammenarbeit mit dem Klinikum und anderen RWTH-Fakultäten.“

Angesprochen auf die „besten Köpfe“ lächelt De Laporte. Ihr Antrag in dem Wettbewerb ist nach Aussage von Karin Effertz, die bei der Leibniz-Gemeinschaft das Professorinnen-Programm betreut, „von internationalen Experten als hervorragend bewertet worden“. Über so viel Lob geht De Laporte schnell hinweg. „Da habe ich Glück gehabt; es ist natürlich eine schöne Anerkennung.“

Nach ihrem Studium hat sie sechs Jahre in den USA geforscht und dort auch promoviert, anschließend drei Jahre in der Schweiz gearbeitet. Im Oktober 2012 kam sie nach Aachen — vier Tage nach der Geburt ihrer zweiten Tochter.

Inspirierende Kinder

Kann man international orientierte Spitzenforschung mit den Aufgaben als Mutter vereinbaren? „Ja, das geht. Und es ist wichtig, dass Frauen erkennen, dass es kombinierbar ist. Aber manchen fällt das schwer“, sagt De Laporte. In der öffentlichen Betreuung von Kindergarten- und Schulkindern in Deutschland sieht sie ein Problem. „Um 16 Uhr ist Schluss. Wir haben dann ein Kindermädchen, weil die Leibniz-Gemeinschaft auch das unterstützt. Aber das hat natürlich nicht jeder.“

Ob es mit Familie und Karriere klappt, „hängt von vielen Faktoren ab“, sagt De Laporte. Mein Mann hat zwar auch einen Fulltime-Job, muss aber nicht so viele Dienstreisen machen wie ich.“ Sie legt Wert darauf, ihre Kinder abends so oft wie möglich ins Bett zu bringen. Danach fängt sie wieder an und arbeitet bis in die Nacht. „Sonst schaffe ich das nicht. Das Wochenende gehört der Familie. Wenn die Kinder und ich zusammen sind, arbeite ich nicht. Das ist die Regel.“ Das DWI ermöglicht ihr flexibles Arbeiten, Home Office. „Ohne das ging es nicht“,sagt De Laporte.

„Ich hole so viel Energie aus meiner Familie. Die Kinder sind mir sehr wichtig. Wenn man so viel Liebe bekommt, schafft man auch viel.“ Sie wirkt zart, fast zerbrechlich, aber sehr zielstrebig. Familie und Wissenschaft — es ist immer wieder dieses Paar, über das De Laporte spricht. Was vielen hochtalentierten Frauen verwehrt ist, bringt sie zusammen. „Wenn wir Frauen in solchen Positionen haben wollen, müssen wir beweisen, dass es möglich ist, beides zu vereinbaren, dass sich Frauen nicht entscheiden müssen zwischen Familie und Karriere.“

Das Leibniz-Professorinnen-Programm will ausdrücklich der „strukturellen Benachteiligung“ von Wissenschaftlerinnen an Universitäten entgegenwirken. „Es gibt Untersuchungen, dass Frauen und Männer an den Unis unterschiedlich bewertet werden, dass es ungleiche Erwartungshaltungen und Beteiligungsmöglichkeiten gibt“, sagt Karin Effertz, die bei der Leibniz-Gemeinschaft das Professorinnen-Programm betreut. De Laporte sagt, sie fühle sich an der RWTH nicht benachteiligt, hält die Leibniz-Initiative aber für richtig und notwendig. „Das Programm hat mir eine Tür geöffnet.“

Die Leibniz-Professur ist auf fünf Jahre befristet, in denen die Leibniz-Gemeinschaft 60 Prozent der Stelle finanziert. Im vierten Jahr wird entschieden, ob es eine reguläre Stelle wird. Die gesponserte Professur ist an ein konkretes Forschungsvorhaben gebunden, das die Leibniz-Gemeinschaft mit dem DWI konzipiert hat.

Und was erforscht De Laporte nun konkret? Profan formuliert geht es ihr und ihrem interdisziplinären Team (zwei Techniker, acht Doktoranden, drei Postdoktoranden und mehrere Studierende) darum, Gewebe, das durch Unfall oder Krankheit beschädigt wurde, wieder anzuregen. „Wir versuchen, geschädigte Nerven im Rückenmark neu zu stimulieren. Wenn man nichts macht, sind die Patienten gelähmt. Dagegen gibt es keine Therapie. Wir wollen die Nerven anregen, um einzelne Bewegungsfunktionen wiederherzustellen.“

Zukunftsweisende Projekte

Nerven wachsen linear in eine Richtung, wie De Laporte erläutert. „Wenn wir sie stimulieren, wachsen sie aber wild in alle Richtungen. Wir haben nun die Aufgabe, Materialien zu entwickeln, die wir langsam ins Rückenmark injizieren, um das Wachstum der Nerven in eine Richtung zu gewährleisten.“ De Laporte geht es mit anderen Worten darum, physiologisch funktionales Gewebe für medizinische Anwendungen zu erzeugen. Das könne auch für die Therapie nach einem Herzinfarkt nützlich sein.

„Unser Ziel ist letztlich natürlich, dass das, woran wir arbeiten, in die Kliniken kommt und Patienten konkret hilft.“ Die Lähmung aufzuheben, ist allerdings noch Utopie. „Wir möchten mehr Beweglichkeit ermöglichen. Eine kleine Verbesserung kann für gelähmte Menschen schon sehr viel mehr Lebensqualität bedeuten. Wenn Sie nur einen Finger wieder bewegen können, ist es Ihnen möglich, schon viel mehr zu machen.“ De Laporte rechnet mit rund 15 Jahren, um solche Materialien zu entwickeln. „Die ersten vier haben wir nun hinter uns. Jetzt geht es weiter.“

De Laporte und ihr Team stehen damit nicht nur vor einer höchst komplizierten Aufgabe, sondern offensichtlich auch vor einer sehr zukunftsträchtigen. Nach Informationen unserer Zeitung wird bereits ein Gemeinschaftslabor mit dem Uniklinikum auf dem Campus Melaten konzipiert, das schon 2022 bezugsfertig sein könnte. Dort sollen dann Materialwissenschaftler gemeinsam mit Medizinern weiter forschen, um aufgrund konkreter ärztlicher Erfordernisse maßgeschneiderte Produkte für einzelne Patienten zu entwickeln.

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