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Ingrid Wagner über die Öffnung am Berufskolleg Simmerath/Stolberg

Schulleiterin Ingrid Wagner im Interview : „Öffnung für mehr Schüler ist nahezu unmöglich“

Ingrid Wagner leitet das Berufskolleg Simmerath/Stolberg. Das wird eigentlich von rund 2500 Schülern besucht. Wie sich die Schule auf die Öffnung vorbereitet hat, welche Probleme aufgetreten sind und welche Chancen sich in der Krise auftun, hat Wagner im Interview erzählt.

Seit diesem Donnerstag dürfen Schüler von Prüfungs- und Abschlussklassen in Nordrhein-Westfalen wieder die Schule besuchen. Eine besondere Herausforderung sei dies für die Berufskollegs, sagt Ingrid Wagner. Sie leitet das Berufskolleg Simmerath/Stolberg. Die beiden Standorte werden normalerweise von 2500 Schülern besucht. Rund 930 davon hätten nun wieder zur Schule gehen können – zumindest in der Theorie. In der Praxis gab es nämlich ein großes Problem: der fehlende Platz.

Frau Wagner, Hand auf´s Herz: Wie haben Sie die vergangenen Tage vor der Wiedereröffnung der Schule erlebt?

Wagner: Die Kollegen aus der Abteilungsleiterrunde und ich haben in den letzten Tagen alle wenig und schlecht geschlafen. Schließlich tragen wir ja die Verantwortung. Das hat alles nur funktioniert, weil es einen Dreiklang zwischen Schule, Schulträger und Bezirksregierung gab. Ansonsten hätten wir das nicht geschafft.

Wie viele Schüler dürfen nun wieder am Unterricht teilnehmen?

Wagner: Wir haben 700 eingeladen, aber laut Vorgaben hätten es noch mehr sein können.

Warum ist es bei den 700 Schülern geblieben?

Wagner: Eigentlich wären noch rund 230 Schüler dazugekommen, aber wir haben keinen Platz. Der Unterricht findet in kleineren Lerngruppen statt und wir nutzen auch die Turnhalle. Wir haben vorher überlegt, welche Klassen besonders dringend Unterstützung brauchen. 520 Schüler waren im Endeffekt an den beiden Standorten da.

Warum so wenige?

Wagner: Das kann unterschiedliche Gründe haben. Wir haben ein großes Einzugsgebiet. Es kann also sein, dass Schüler, die eigentlich mit dem Bus oder der Bahn kommen, nun Sorge hatten, wie sie in die Schule kommen. Dann sind auch Schüler dabei, die meinen, dass sie ihren Abschluss sowieso nicht schaffen. Vielleicht gibt es auch Eltern, die nicht möchten, dass ihre Kinder in die Schule gehen.

Könnten dann theoretisch nicht die Schüler nachrücken, die nun zu Hause bleiben mussten?

Wagner: Wir müssen mal schauen, wie wir zukünftig damit umgehen. So kurzfristig konnten wir natürlich nicht reagieren. Aber wir werden da schon Möglichkeiten finden.

Ist denn eine weitere Öffnung der Schule, so wie es ab dem 4. Mai eigentlich von der Landesregierung vorgesehen ist, in Ihrem Fall überhaupt möglich?

Wagner: Eine weitere Öffnung unserer Schule für mehr Schüler ist unter Einhaltung der Vorgaben nahezu unmöglich. Ich würde mir wünschen, dass, wenn die Öffnung schrittweise weiter geht, auch berücksichtigt wird, um welche großen Schülerzahlen es an unserer Schule geht. Das scheint nicht wirklich bewusst zu sein. Sollten wir in einem weiteren Schritt um die Schüler erweitern, die ihre Prüfungen im nächsten Jahr ablegen, würde das bei uns fast alle Schüler betreffen. Die meisten Bildungsjahrgänge sind nunmal zweijährig. Außerdem wäre dann auch gar nicht klar, wie viele Kollegen ich einsetzen kann, weil davon einige der Risikogruppe angehören.

Inwiefern werden diese Kollegen momentan in den Unterricht einbezogen?

Wagner: Sie werden teilweise zugeschaltet. Das ist auch nötig. Für viele Schüler ist es wichtig, dass sie Bezug zu den Lehrern haben, weil sie wichtige Ansprechpartner sind.

Wie hat der Unterricht in den vergangenen Wochen ausgesehen?

Wagner: Der Unterricht hat über digitale Medien und Plattformen stattgefunden. Wir haben aber auch Post mit Rückumschlägen rausgeschickt. Es gibt an unserer Schule mehr Schüler als wir gedacht haben, deren häusliches Umfeld einen Umgang mit digitalen Medien nicht zulässt.

Inwiefern?

Wagner: Wurden die Aufgaben zugemailt, gab es Schüler, die diese nicht einscannen und zurückschicken konnten. So bekamen die Lehrer Fotos zugeschickt und mussten schauen, wie sie darauf korrigieren. Ein weiteres Problem war das Datenvolumen. Es gibt viele Haushalte, die keinen Internetanschluss haben. Die Schüler bekommen ihr Datenvolumen über ihr Mobiltelefon und das ist schnell aufgebraucht. Das müssen wir in Zukunft mehr im Blick haben. Es ist wichtig, dass wir diese Problemsituation auch als Chance sehen.

Wie hat sich Ihre Schule auf die Öffnung vorbereitet?

Wagner: Das war eine große Herausforderung. Wir haben die Reinigung sehr engmaschig begleitet. Bestimmte Trakte wurden von den Lehrern kontrolliert und es musste auch das eine oder andere Mal nachgereinigt werden. Am Donnerstagmorgen war dann aber alles sauber. Wir haben auch separate Ein- und Ausgänge eingerichtet. Am Donnerstag standen an den Eingängen Kollegen, die die Schüler in Empfang genommen haben. Im Foyer stehen Desinfektionsmittel bereit. Wir haben auch die Aufsicht aufgestockt.

Wie sieht es mit den Schulzeiten aus? Hat sich diesbezüglich auch etwas geändert?

Wagner: Der Unterricht findet zeitlich versetzt statt. Es gibt auch keine festen Pausen mehr. Wir hoffen, dass wir die Situation so entsprechend entzerren können.

Und wie funktioniert das bislang?

Wagner: Die Abstandsregeln werden eingehalten. Einige Schüler kommen auch mit Mundschutz. Von den Lehrern gibt es auch positive Rückmeldungen. Sie berichten, dass es viele Schüler gibt, die in den vergangenen Wochen wirklich gelernt haben. Da hatten wir es als Berufskolleg vielleicht auch etwas einfacher. Das selbstständige Lernen ist im Unterricht verankert. Diesbezüglich waren die Schüler natürlich entsprechend vorbereitet.