Aachen: In „Mondanzügen” gegen die gefährliche Säure

Aachen: In „Mondanzügen” gegen die gefährliche Säure

Die Szenerie wirkt wie in der Kulisse eines Science-Fiction-Films. Reihenweise laufen die Männer mit den Mondanzügen durch die verfallenden Reste des Westbahnhofs. Wobei sich diejenigen mit orangenfarbenen „Kostümen” von jenen in blauer Tracht im Entgiftungszelt reinigen lassen.

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Und während wenige Meter entfernt der Abriss des Bahnhofs fortschreitet, herrscht an den Gleisen „roter Alarm”. Die Feuerwehr ist mit zwei Löschzügen und Spezialteams an diesem Mittwochmorgen angerückt. Mal wieder Westbahnhof. Mal wieder ein Chemieunfall.

Kurz nach 9 Uhr ist es, als die Meldung in der Leitstelle an der Stolberger Straße eingeht. An einem Güterzug mit etlichen Kesselwagen ist ein Leck festgestellt worden. Aus einem mit mehreren tausend Litern gefüllten Waggon tropft eine Flüssigkeit. Und die hat es hinsichtlich ihres Gefahrenpotenzials in sich. Es handelt sich um Essigsäureanhydrid. Die Chemikalie ist stark ätzend, kann schwere Haut- und Augenschäden verursachen. Sie ist außerdem, ähnlich wie Benzin, leicht entflammbar. Und sie kann schon beim Einatmen schwere Gesundheitsschäden hervorrufen. „Ein Tropfen pro Sekunde kommt aus dem Wagen”, sagt Karl-Heinz Herber, einer der Einsatzleiter vor Ort. Das klingt zwar nach wenig, aber: „Das ist viel”, sagt Herber aus Erfahrung - eben wegen der Brisanz der Chemikalie.

Essigsäureanhydrid wird massenhaft hergestellt, rund eine Million Tonnen im Jahr. Denn die Substanz ist ein wichtiger Grundstoff in der chemischen Industrie. Unter anderem wird daraus Acetylsalicylsäure hergestellt - besser bekannt als „Aspirin”. In diesem Fall kommt der Transport aus Antwerpen und soll in die Schweiz rollen. Offenbar hat der Zugführer jedoch im Bereich des Westbahnhofs gemerkt, dass etwas nicht stimmt, und Alarm geschlagen. Die Feuerwehr lässt erst einmal die Gleise, auf denen der Güterverkehr sonst rollt, sperren. Die Oberleitungen werden im Einvernehmen mit einem Notfallmanager der Bahn abgeschaltet. Nur der Personenverkehr auf einem abgelegeneren Gleis darf weiterfahren. Wohnhäuser in der Umgebung müssen nicht evakuiert werden, denn es weht kaum ein Lüftchen. Zunächst lässt es die Wehr mit höchster Vorsicht angehen und verharrt rund 100 Meter vom defekten Waggon entfernt. „Die Oberleitungen müssen zuerst geerdet werden, sonst ist die Gefahr zu groß”, erläutert Herber. Schließlich besteigen die Feuerwehrleute ihre Schutzanzüge, in denen die Arbeit bei Temperaturen über 20 Grad schweißtreibend ist. Nach mehreren Stunden starten Versuche, das Leck abzudichten. Das probiert die Feuerwehr zunächst mit eigenen Mitteln, was aber nicht klappt. Deswegen wird die Spezialeinsatzgruppe „Tuis” (Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem) zu Hilfe gerufen, die für solche Fälle von Chemieunternehmen unterhalten wird. Den Spezialisten gelingt es schließlich, den Kesselwagen zu „flicken”. Gegen 15 Uhr ist der Spuk vorbei.

In unschöner Regelmäßigkeit kommt es im Bereich des Westbahnhofs zu derartigen Einsätzen, bei denen es oft um äußerst heikle Chemikalien geht. Aachen ist Transitpunkt für eine große Zahl an Chemietransporten insbesondere aus Belgien. Andererseits könnte man sagen: Zum Glück hat es diese Einsätze stets am Westbahnhof gegeben. Schließlich rollen die Züge auf der weiteren Strecke auch mitten durch den Hauptbahnhof und durch zahlreiche Wohngebiete. Die Folgen eines Chemieunfalls dort wären ungleich gravierender.

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