Mönchengladbach/Aachen: In der Kirche dem Himmel entgegen klettern

Mönchengladbach/Aachen: In der Kirche dem Himmel entgegen klettern

In der Sakristei wird gehämmert und aus einem Radio dudelt seichte Rockmusik. Der Altar steht schon länger nicht mehr auf seinem Platz und die verbliebenen Kirchenbänke stapeln sich in einer Ecke. Gleich dahinter entsteht ein Gastronomiebereich mit Vitaminbar.

Bald wird die frühere Kirche St. Peter in Waldhausen/Mönchengladbach ihre Pforten wieder öffnen. Doch dann wird kaum noch etwas so sein, wie es einmal war. Wo einst gebetet wurde, wird in Zukunft geklettert.

Einige Waldhausener machten ihrem Ärger Luft, als sie am 30. Juni 2007 in der Kirche zum letzten Mal Gottesdienst feierten und Weihbischof Karl Reger verbal angriffen. Sie waren nicht einverstanden mit der Entscheidung des Bistums, die Kirche zu schließen. Viele verbinden mit der Kirche Stationen ihres Lebens: die Hochzeit, die Taufe der Kinder oder die Beerdigung der Eltern.

Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte schrumpfte die Gemeinde, immer weniger Besucher kamen zu den Gottesdiensten, gleichzeitig wurde der Priestermangel größer. Schließlich beschloss das Bistum Aachen, Pfarren zusammenzulegen und Kirchen zu schließen. St. Peter wurde geschlossen und mit der Pfarre St. Anna Windberg fusioniert.

Gerd Lamers ist St. Peter ans Herz gewachsen. Er gehört zum Kirchenvorstand der Gemeinde. Langsam lässt er den Blick durch den Raum schweifen. An allen Ecken sind die Spuren des Umbaus zu sehen.

Wichtig ist Lamers, dass das Gebäude „erlebbar” bleibt, dass die Kirche offen bleibt. Deshalb kann er der Idee einer „Kletterkirche” durchaus positive Aspekte abgewinnen. Er kennt aber auch die andere Seite der Medaille: „Es ist ein eigenartiges Gefühl für einen gläubigen Christen, wenn aus einem heiligen Ort ein Gewerbebetrieb gemacht wird.” Ihm selbst geht es da nicht anders.

Überlegungen, wie die Kirche genutzt und der Abriss vermieden werden könnte, gab es viele. Sogar ein Autohaus war im Gespräch. Diskutiert wurde auch über eine Konzerthalle, eine Ausstellungshalle, über den Verkauf an andere Religionsgemeinschaften und über die Idee einer Inventarkirche, in der die Schätze der verschiedenen Kirchen im Bistum aufbewahrt werden. Schließlich tauchten Simone Laube (36) und Klaus Fasbender (34) auf und stellten ihr Konzept der Kletterkirche vor.

Die neuen Pächter und Lamers verstehen sich gut. Immer wieder sitzen sie zusammen, trinken Kaffee und reden über das Konzept. Lamers gefällt es, denn die beiden Kletterbegeisterten vertreten eine Philosophie, die den vertrauens- und respektvollen Umgang miteinander in den Mittelpunkt stellt. „Beim Klettern muss man sich auf den anderen verlassen. Das passt auch gut in eine Kirche”, sagt Klaus Fasbender. Deshalb soll die Kirche als solche auch von innen erkennbar bleiben. In der Vorhalle werden großformatige Fotografien an die Geschichte von St. Peter erinnern. Der Blick auf das mehrere Meter hohe Mosaik im Altarraum wird der Höhepunkt der „Petrus-Kletterroute” sein. Außerdem wird ein Andachtsraum mit sakralen Gegenständen eingerichtet. Lamers hofft, so auch kirchenferne Menschen für Religion zu interessieren.

Für die Pächter ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Simone Laube schwärmt von der besonderen Atmosphäre der Kirche und erklärt mit ausholenden Bewegungen ihre Pläne: Dreizehn Meter hohe Kletterwände aus Plexiglas werden sich durch das Kirchenschiff ziehen. 1400 Quadratmeter Fläche soll den Kletterern zu Verfügung stehen. In einem der Seitenschiffe ist ein Therapiebereich und eine Kletterburg für Kinder geplant. Auf der anderen Seite werden sich die Sportler an der Vitaminbar erfrischen können.

Von der Schließung der Kirche hatten die beiden begeisterten Kletterer im Radio erfahren und gleich die Idee. Mit Ruhe, Geduld und Hartnäckigkeit konnten sie den Kirchenvorstand schließlich von ihrem Konzept überzeugen. Einig war man sich, dass die Aktion gut vorbereitet sein musste. Drei Monate lang wurde das Projekt geheim gehalten, bis entscheidende Fragen geklärt waren: die Position des Bistums, der Denkmalschutzbehörde und der Bauverwaltung.

Die Genehmigungen sind mittlerweile erteilt, die Bauarbeiten im Gang, aber noch längst nicht alle Kritiker sind verstummt. „Es gibt Leute, die dagegen sind, aber die kennen uns und unser Konzept nicht”, sagt Fasbender. Dennoch ist er guten Mutes, schließlich haben sich schon mehrere Kindergarten- und Schulgruppen gemeldet, um das Konzept in der Praxis zu testen. Auch Gerd Lamers kann sich vorstellen, einmal auf der „Petrus-Route” zu klettern. „Vorstellen kann ich mir viel, wichtig ist, dass es jetzt in die Gänge kommt.”

Im kommenden Frühjahr wollen Simone Laube und Klaus Fasbender den Betrieb aufnehmen. Dann wird auch Gerd Lamers wieder da sein, um mit ihnen auf den alten Kirchenbänken gemütlich den ein oder anderen Kaffee zu trinken.