Aachen: Immer wieder sonntags kommt die Traurigkeit

Aachen : Immer wieder sonntags kommt die Traurigkeit

Es ist Sonntagnachmittag und eine unerklärliche, innere Traurigkeit bahnt sich ihren Weg. Es fühlt sich an, als falle man in ein dunkles Loch am Ende der Woche. Jammern. Langsam wird die Traurigkeit zum Abend hin immer stärker. Obwohl die Tage langsam länger werden, wird es noch zu früh dunkel und die Stimmung entsprechend trüber.

Die Geschäfte sind geschlossen, es scheint, als stünde die Zeit still. Einsamkeit. Der letzte Tag der Woche, die letzte Möglichkeit zu entspannen, bevor die Woche mit all ihrer Produktivität, dem Termindruck und den Abgabefristen bevorsteht. Doch der Kopf kann nicht entspannen. Stress.

Zu viele Gedanken kreisen im Kopf hin und her, alles wird infrage gestellt. Mit dem Grübeln kommen die Sorgen. Selbstmitleid. Die Motivation fehlt. Wäschewaschen fühlt sich wie eine große Leistung an, eine Abwechslung vom ziellosen Umherwandeln in der Wohnung. Gelähmtheit. Es ist ein Gefühl, das oft nur am Sonntagabend auftaucht. Wie damals auf Klassenfahrt, wenn man schlimmes Heimweh hatte und man sich irgendwie allein fühlt, obwohl man es gar nicht ist.

Grübeleien über das, was kommt

Der Sonntagsblues ist keine Einbildung. Viele Menschen kennen dieses Gefühl, aber können gar nicht genau beschreiben, was es ist und woher es kommt. Forscher des Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft haben dabei herausgefunden, dass sich das Phänomen in allen Altergruppen zeigt und unabhängig vom Geschlecht, Arbeits- und Beziehungsstatus ist — wobei der Grad der Ausprägung variiert. Gerade mit einem Alter ab Mitte 20 verschlechtert sich die Laune am Sonntag. Dabei sind Stimmungsschwankungen in der Woche durchaus normal. Psychologen an der Rice University in Texas haben gezeigt, dass die Stimmung von Montag bis Mittwoch eher schlechter wird, bis Samstag wieder steigt und ihren Höhepunkt hat, aber eben schon ab Sonntag wieder heruntergeht. Was hat dieser Sonntag, das die Stimmung so negativ beeinflussen kann?

„Es hat auch damit zu tun, dass wir in einer sozial strukturierten Woche leben, in der die meisten Menschen fünf Tage die Woche arbeiten und zwei Tage frei haben“, sagt Ute Hülsheger, Associate Professor der Psychologie am Institut für Arbeits- und Sozialpsychologie der Universität Maastricht. Sie hat unter anderem untersucht, ob die Schlafqualität von Menschen, die von Montag bis Freitag arbeiten, an jedem Tag der Woche gleich ist. „Es war tatsächlich so, dass die Leute sonntagsabends am schlechtesten schlafen, und im Verlauf der Woche wird es nach und nach besser“, erklärt sie. Somit zeige sich auch, dass die meisten etwas Vorausschauendes haben und sich schon sonntags Gedanken über das machen, was in der nächsten Woche ansteht. Gerade, wenn man Beschäftigungen nachgeht, bei denen nicht immer vorhersehbar ist, was in der Woche passieren wird, gibt der ruhige Sonntag Raum für unendliche Grübeleien.

Lernen, im Hier und Jetzt zu leben

Es ist die — oft unbewusste — Angst vor dem Stress der kommenden Woche. „Das ist möglicherweise schon verstärkt durch den Arbeitsdruck, der vielerorts herrscht. Je mehr ich in der Woche zu tun habe, desto mehr Sorgen kann ich mir am Sonntagnachmittag darüber machen“, sagt Hülsheger. Wenn man über Dinge nachdenkt, aber man in dem Moment nichts daran ändern kann, löst man keine Probleme. Es hindert daran, die Zeit beziehungsweise den Sonntag zu genießen.

„Wenn ich darüber nachgrüble und mir Sorgen mache, was ich am nächsten Tag oder in der Woche machen muss oder was ich vorher falsch gemacht habe, dann bin ich quasi immer noch den Arbeitsbelastungen ausgesetzt“, erklärt die Psychologin. Meistens beschäftigt sich der Kopf dann mit dem, was ansteht, und das ist in der Regel etwas Unsicheres oder Negatives. Die Stimmung ist dementsprechend besorgt. Das Abschalten von der Arbeit sei aber ein wichtiger Faktor, um sich erholen zu können, sagt Hülsheger. Hier kommt die „Achtsamkeit“ ins Spiel. Manche Menschen sind von Natur aus achtsamer als andere. Das bedeutet, sie leben eher im Hier und Jetzt, bewerten nicht so viel und denken weniger über die Zukunft und Vergangenheit nach. Daher können sie die Sonntage besser genießen, weil sie sich keine Sorgen über das machen, was vielleicht kommen mag.

Von diesen Menschen können sich die Sonntagsgrübler etwas abgucken. Mit Meditationsübungen kann man versuchen, mehr im Moment zu leben. Es hilft, am Freitag unliebsame Aufgaben zu erledigen und nicht mit ins Wochenende zu nehmen. Auch, wenn man am liebsten im Bett liegen will: Das verstärkt eher die innere Traurigkeit. Schöne Aktivitäten am Sonntagabend wie gemeinsames Kochen mit dem Partner oder Freunden, Kino oder Spieleabende können helfen. Hauptsache, es ist etwas, auf das man sich freuen kann und das den Kopf freimacht. Wenn der Sonntag nicht als Ende der Woche gesehen wird und als Deadline, bis wann Dinge erledigt sein sollten, nimmt man außerdem den Druck aus der Woche. Es ist also durchaus möglich, einen schönen Sonntag ohne Blues zu haben, denn dafür ist dieser ja eigentlich auch da. Erholung.