Köln/Wuppertal: Immer öfter: Ein Begräbnis ohne Pfarrer

Köln/Wuppertal: Immer öfter: Ein Begräbnis ohne Pfarrer

Seit zehn Jahren ist Ulla Jünemann aus Aachen ehrenamtliche Bestattungshelferin im Bistum Aachen. Die 73-jährige, die ihr ganzes Berufsleben Lehrerin an einer „knackigen Problemschule“ in Aachen war, hat sich diese Tätigkeit nicht einmal selber ausgesucht, sie wurde gefragt.

Als es dann in die Ausbildung ging — zusammen mit anderen, die dieses Ehrenamt ebenfalls lernen wollten, fand Ulla Jünemann das so „herzerfrischend“, dass sie dabeigeblieben ist. Zwischen zwei und vier Beerdigungen begleitet sie im Monat und hat dabei trotz der Trauer, die dort herrscht, überwiegend schöne Begegnungen. Ulla Jünemann sagt: „Ich fühle mich dadurch reich beschenkt und habe die wunderschöne Erfahrung gemacht, dass ich mit Menschen in besonderen Lebenslagen besonders gut sprechen kann. Das wusste ich vorher nicht.“

„Ein Geschenk“: Seit zehn Jahren ist die Aachenerin Ulla Jünemann ehrenamtliche Bestattungshelferin im Bistum Aachen. Foto: Kurt Bauer

167 Frauen, 128 Männer

Seit 25 Jahren bietet das Bistum Aachen den Beerdigungsdienst an. Von den 295 Menschen, die zurzeit damit beauftragt sind, sind 167 Frauen und 128 Männer, wie Bistumssprecher Stefan Wieland mitteilt. Darunter seien zwar auch Pastoral- und Gemeindereferenten, aber etwa zwei Drittel seien in der Tat ehrenamtlich tätig.

Für Margarete D. dagegen ist der ehrenamtliche Bestattungsdienst keine Option. Sie engagiert sich seit Jahrzehnten in ihrer katholischen Pfarrgemeinde mitten im Ruhrgebiet. Sie hilft im Gemeindebüro, ist im Pfarrgemeinderat, gestaltet den Pfarrbrief, organisiert Wallfahrten und die Pfarrfeste. Doch als ihr Pfarrer sie eines Tages fragt, ob sie sich denn auch vorstellen könne, Bestattungen durchzuführen, lehnt sie sofort ab: „Ich finde, Bestattungen sind wie Hochzeiten und Taufen der Kernbestand der Kirche. Das muss ein Priester machen.“

Doch diese Bastion ist längst gefallen. Mancherorts ist ein Geistlicher auch beim letzten Gang nicht mehr dabei. Gerade der älteren Generation der Gläubigen fällt es schwer, dies zu akzeptieren. Das führt mitunter zu Reaktionen wie: „Haben wir dafür Jahrzehnte lang Kirchensteuer bezahlt? Ein Armutszeugnis!“„Es bleibt ein Dienst der Kirche“, beruhigt da Eva-Maria Will, Referentin für Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln. „Unsere Bestattungsbeauftragten stehen im Dienst der Kirche, sie tragen ein liturgisches Gewand und sollen sich so schon rein optisch von freien Trauerrednern unterscheiden, insbesondere aber durch die Botschaft von der Auferstehung.“

Wenn sich die Angehörigen eines Verstorbenen einen Priester oder Diakon für die Beerdigung wünschten, werde diesem Wunsch auch weiterhin entsprochen, betont Will. „Angehörige sagen dies oft schon beim ersten Gespräch im Pfarrbüro. Und dann geht das natürlich auch.“ Den meisten Menschen gehe es jedoch vor allem um eine würdige Bestattung, die sie qualitativ anspreche. „Dann ist es zweitrangig, ob ein Pfarrer oder ein Ehrenamtlicher sie durchführt.“

Im Erzbistum Köln sind nun zum allerersten Mal insgesamt neun ehrenamtliche Frauen und Männer zu sogenannten Bestattungsbeauftragten ernannt worden. „Sie müssen über die Gabe verfügen, auf Menschen zuzugehen und ihnen einfühlsam begegnen zu können“, sagte der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, bei der Überreichung der Urkunden.

Die Ehrenamtlichen, die in ihren Pfarrgemeinden oft bereits mit dem Thema Trauer befasst sind oder beruflich damit zu tun haben, hatten zuvor einen mehrmonatigen Kompaktkurs absolviert. In dem Kurs ging es um Fragen wie: Welche Erfahrungen habe ich selbst mit Trauer gemacht? Wie sieht es im Bestattungs- und Kirchenrecht aus? Wie führt man ein Trauergespräch, wie ist eine Trauerandacht aufgebaut?

Das Erzbistum Köln ist keineswegs Vorreiter in Deutschland. Neben Aachen sind auch in Freiburg, Würzburg, Paderborn und Essen Ehrenamtliche mit Bestattungen beauftragt. „Münster fängt im Herbst an, und Trier und Limburg diskutieren es“, sagt Will. Das Bestattungswesen in Deutschland habe sich gewandelt, viele Menschen suchten nach Alternativen. „Deswegen gibt es auch in den Bistümern eine neue Offenheit bei diesem Thema.“

„In Zukunft werden da alle drüber nachdenken müssen“, sagt auch Landespfarrerin Bärbel Krah von der Evangelischen Kirche im Rheinland. „Es gibt einen großen Pfarrermangel, von dem alle betroffen sind. Die Not und die Verzweiflung sind groß.“ In der rheinischen Kirche ist geplant, die Anzahl der Pfarrstellen bis zum Jahr 2030 — von derzeit 1980 — auf 1000 zu reduzieren. Schon allein deshalb komme den ehrenamtlichen Predigern, die in der Evangelischen Kirche meistens „Prädikanten“ heißen, eine hohe Bedeutung zu. Bereits seit 1944 gibt es im Rheinland Prädikanten, mittlerweile sind es 650. Und anders als in der katholischen Kirche dürfen sie auch Trauungen und Taufen vornehmen. Zwei Jahre lang werden sie intensiv für den Predigtdienst ausgebildet.

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