Heerlen: Immer neue Schäden: Der Bergbau holt die Parkstad ein

Heerlen: Immer neue Schäden: Der Bergbau holt die Parkstad ein

Es sind die fast schon vergessenen Bilder der Vergangenheit, die vor allem die älteren Menschen im südlimburgischen Steinkohlerevier plötzlich wieder vor Augen haben: abgesenkte Häuser, verzogene Türen, die nicht mehr schließen, Setzrisse in Wänden und Giebeln. Schäden, die vor 50 Jahren zum Alltag in der Bergbauregion gehörten, inzwischen aber längst Vergangenheit schienen.

Doch nachdem unsere Zeitung in einem Bericht vom 12. November die jahrzehntelangen Versäumnisse des niederländischen Wirtschaftsministeriums und der früheren Bergwerksbetreiber aufgedeckt hatte, deren Folgen einige Tage später von einem Gutachten bestätigt wurden, ist das Thema wieder aktuell.

Knochenarbeit unter Tage: Lange Zeit war der Grubenausbau mit hölzernen Stempeln Standard-Verfahren. Nach Ende des Bergbaus blieben die Holzkonstruktionen zurück. Aufsteigendes Grundwasser ließ sie im Laufe der Jahrzehnte verrotten. Die Folge: Einbrüche, die mitunter bis an die Erdoberfläche zu spüren sind. Foto: Egon Steiner

Alleine in den vergangenen drei Jahren wurden in der ehemaligen Zechenregion „Oostelijke Mijn­streek“, die heute den wohlklingenden Namen „Parkstad“ trägt, 16 neue Bergschäden gemeldet. Als Ursache vermuten Experten hinter allen Vorfällen Bewegungen im Untergrund infolge des steigenden Grundwasserspiegels. Wie von unserer Zeitung berichtet, hatten zwei Gutachten dieses Szenario schon Anfang der 90er Jahre und dann noch einmal 2007 prognostiziert — sie waren von den niederländischen Behörden einfach ignoriert worden.

In den Jahren der Kohleförderung hatte man den Grundwasserspiegel mit Hilfe von Pumpen abgesenkt. Als zwischen 1965 und 1975 die Zechen in Südlimburg schlossen, wurden auch die Pumpen abgestellt, und das Grundwasser kehrte in die unterirdischen Stollen und Schächte zurück. Die waren oft mit Holzkonstruktionen ausgebaut, die im Laufe der Jahre allmählich verrotteten. Schließlich stürzten die Gänge ein, was auch in darüber liegenden Sand- und Gesteinsschichten zu Rissen und Brüchen führte.

Die größte Gefahr, so hieß es in besagten beiden Gutachten, besteht in Teilen von Heerlen und Kerkrade. Dort grenzten in früherer Zeit intensiv vom Bergbau genutzte Zonen an solche, in denen keine Kohle gefördert wurde.

Ende November kam die Nachricht, dass die Kohleförderung der Grube Oranje Nassau 1 am ehesten die Ursache für das Absacken der Tiefgarage des Einkaufszentrums ‘t Loon am Rande der Heerlener Innenstadt vor ziemlich genau einem Jahr gewesen sein könnte. Da man das damals noch nicht wusste, ließ Heerlens Bürgermeister gut ein Viertel des Einkaufszentrums vorsichtshalber abreißen.

Unter ‘t Loon befand sich ein ungewöhnlich nah an der Erdoberfläche gelegenes Flöz in weniger als 100 Metern Tiefe. Zudem lag das Flöz (und damit das heutige Einkaufszentrum) am Rande eines ehemaligen Grubenfeldes, was als weiterer Risiko faktor für Bergschäden betrachtet wird.

Weil man nur den Untergrund an der Einbruchstelle im ehemaligen Parkhaus untersucht hat, nicht aber die Umgebung, stellen sich Anwohner und Beschäftigte rund um das Einkaufszentrum vermehrt die Frage: Kann auch unter meinen Füßen der Boden nachgeben? Die beunruhigende Antwort lautet: Ja, das ist möglich.

Sicher ist in jedem Fall, dass die Absenkung der Tiefgarage auf einer Linie mit weiteren Bergschäden liegt, zwei davon ganz in der Nähe des Einkaufszentrums, wie das „Limburgs Dagblad“ kürzlich berichtete.

Einen Einbruch gab es demnach am Parkplatz der DSM-Hauptverwaltung an der Looierstraat im Stadtteil Overloon. Dort bildete sich ein kleineres Loch, durch das eine Stützmauer beschädigt wurde. Das Loch wurde aufgefüllt und das Pflaster des Parkplatzes geflickt.

Die andere Absenkung war ein Einbruch von rund 15 Quadratmetern an der Ecke Apollolaan/Homerusstraat. Auch dieses Loch ist inzwischen wieder verfüllt. Zum Vergleich: Unter der Garage von ‘t Loon verschwanden 30 bis 50 Kubikmeter Boden.

Es gab noch einen vierten Bergschaden auf der gleichen Linie, von dem heute keine Spuren mehr existieren. 1971 wurde ein Haus an der Drossaardstraat ernsthaft beschädigt, nicht weit vom Gelände der Grube Oranje Nassau 1. Das Haus musste abgerissen werden.

Auch der Einbruch unter ‘t Loon ist eindeutig Schuld der Zeche, sind sich die Verfasser des Gutachtens sicher. Das Gebiet südlich der Homerusstraat war Konzessionsgebiet der Grube Oranje Nassau.

Unterhalb des Einkaufszentrums ‘t Loon war zweimal Kohle abgebaut worden: Zum ersten Mal zwischen 1901 und 1909 und dann noch einmal in den 50er Jahren. Beim ersten Mal hatten sich die Bergleute ungefähr 300 Meter unter der Geländeoberkante befunden. Ein halbes Jahrhundert später kamen sie zurück, diesmal aber 200 Meter höher. Nord- und Ostrand dieses zweiten Abbaufeldes liegen ziemlich genau unter Apollo- und Homeruslaan.

Unter dem Gelände des späteren Einkaufszentrums kam das Ende des gekippt liegenden Flözes bis auf 85 Meter an die Oberfläche. Das ist für Steinkohlegewinnung eine ungewöhnlich geringe Tiefe, die für Oranje Nassau 1 quasi ein Markenzeichen war. Der tiefste Schacht endete schon bei 471 Metern. Zum Vergleich: Zeche Emma in Hoensbroek förderte die Kohle aus doppelt so großer Tiefe.

Bei der staatlichen Bergaufsicht ist das Gebiet rund um ‘t Loon bisher nicht durch eine ungewöhnliche Häufung von Bergschäden aufgefallen. Allerdings sind die bisher ausgebliebenen Schäden keine Garantie für die Zukunft.

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