Immer mehr Verbraucher in NRW kämpfen mit Schulden

Altersarmut steigt drastisch : Mehr als jeder Zehnte in NRW kämpft mit Schulden

Laut „Schuldenatlas 2019“ hat die Zahl der verschuldeten Menschen in NRW nochmals zugenommen. Damit liegt NRW über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Besonders dramatisch stieg die Altersarmut in Deutschland an.

Mehr als jeder zehnte Erwachsene in Nordrhein-Westfalen kann seine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Das berichtete die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in ihrem am Donnerstag veröffentlichen „Schuldneratlas 2019“. Entgegen dem Bundestrend nahm die Zahl der überschuldeten Verbraucher im bevölkerungsreichsten Bundesland in diesem Jahr sogar noch einmal um rund 6000 auf 1,75 Millionen zu.

Mit einer Verschuldungsquote von 11,72 Prozent liegt NRW der Studie zufolge deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 10 Prozent. Schlechter schnitten unter den Bundesländern nur noch Berlin, Sachsen-Anhalt und vor allem Bremen ab. Am niedrigsten ist die Überschuldungsquote in Bayern mit 7,31 Prozent.

Vor allem das Ruhrgebiet bleibe mit seinen zum Teil noch altindustriell geprägten, strukturschwachen Regionen der Brennpunkt sozialer Problemlagen in Deutschland, heißt es im Schuldneratlas. Hohe Arbeitslosigkeit, Einkommensarmut und hohe soziale Transferleistungen bildeten eine prekäre Gemengelage, die die Regionen um das Revier zum eigentlichen Sorgenkind der Überschuldungsentwicklung machten.

Die Überschuldungsquoten seien in vielen Städten des Ruhrgebiets sowohl im Jahres, als auch im Langzeitvergleich zum Teil deutlich angestiegen. Das gelte etwa für Duisburg, Gelsenkirchen, Bochum und Essen. Einzig die Stadt Dortmund habe sich in dieser Gruppe 2019 merklich verbessern können.

In der Region bewegen sich die Schuldnerquoten für die drei Kreise in einem ähnlichen Bereich. Am schlechtesten – wenn auch nur leicht – schneidet der Kreis Düren mit einer Quote von 11,98 Prozent ab. Der Kreis Heinsberg ist mit 11,75 Prozent nicht weit von dem Niveau entfernt. Die Städteregion Aachen liegt mit einer Überschuldungsquote von 11,22 zwar auf dem besten Platz der Region, landet im NRW-Vergleich aber immer noch im Mittelfeld und schneidet bundesweit unterdurchschnittlich ab. Die Städteregion und der Kreis Heinsberg haben sich im Vergleich zum Vorjahr leicht verschlechtert, der Kreis Düren ist auf dem selben Niveau geblieben.

Bundesweit war die Zahl überschuldeter Personen in diesem Jahr erstmals seit fünf Jahren wieder leicht rückläufig. Nach Angaben von Creditreform waren in Deutschland insgesamt rund 6,92 Millionen Verbraucher nicht in der Lage ihre Rechnungen zu bezahlen. Das waren knapp 10.000 weniger als im Vorjahr.

Aber einen Wehrmutstropfen gibt es: Die Zahl der Senioren, die unter Altersarmut leiden, ist dramatisch angestiegen. Innerhalb von nur zwölf Monaten sei die Zahl der überschuldeten Verbraucher im Alter ab 70 Jahren um 44,9 Prozent auf rund 380.000 gestiegen, berichtete die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in ihrem „Schuldneratlas 2019“. Seit 2013 habe sich die Zahl der überschuldeten Senioren sogar um 243 Prozent erhöht. Und auch bei den 60 bis 69 Jahre alten Verbrauchern kämen immer mehr nicht mehr mit ihrem Geld zurecht.

Die Gründe für die wachsende Altersarmut sind nach Einschätzung der Experten vielfältig. Einerseits machten sich hier die Rentenreformen der vergangnen Jahrzehnte bemerkbar, die fast durchweg auf eine Kürzung des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente abgezielt hätten, heißt es im Schuldneratlas. Außerdem wirkten sich die wachsende Zahl unsteter Erwerbsbiografien und das Anwachsen des Niedriglohnsektors aus. Auch der zum Teil dramatische Anstieg der Mieten spiele eine Rolle.

Altersarmut sei besonders schwerwiegend, betonten die Experten von Creditreform. Während jüngere Menschen Armut häufig als vorübergehende Lebensphase begriffen und über ein Perspektive verfügten, sich aus ihrer schwierigen Situation herauszuarbeiten, sei das bei älteren Menschen in der Regel nicht mehr der Fall. Mit dem Eintritt in den Ruhestand sinke die Chance älterer Menschen, ihre ökonomische Lage zu verbessern, drastisch. Verschärft werde das Problem dadurch, dass die Betroffenen oft ihnen zustehende Sozialleistungen nicht in Anspruch nähmen.

Georg Eickel vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in Nordrhein-Westfalen schlägt ebenfalls Alarm. „Die Altersarmut nimmt seit 10 Jahren zu und wir befürchten, dass das Thema in zehn oder zwanzig Jahren die ganze Gesellschaft überrollen wird. Spätestens dann, wenn all die 40- oder 50-Jährigen ins Rentenalter kommen, die wir heute beraten, weil sie in der Langzeitarbeitslosenfalle oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen mit niedrigen Einkommen stecken“, warnt der Fachmann.

Er beschreibt auch die schlimmen Folgen, die Altersarmut für die Senioren hat: „Die Betroffenen trauen sich oft nicht mehr aus der Wohnung. Krankheiten werden nicht mehr ordentlich behandelt, weil sogar an Medikamenten gespart wird, und die Wohnungen werden nicht mehr richtig geheizt, weil das Geld dafür nicht reicht.“ Die geplante Grundrente könne hier zwar ein bisschen helfen, werde aber die Probleme letztlich nicht lösen können.

Auch die Experten der Creditreform gehen davon aus, dass das Doppelproblem von Altersüberschuldung und Altersarmut in Zukunft eher zu- als abnehmen wird. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass die Überschuldungsquote bei den Rentnern ab 70 Jahren trotz der deutlichen Zuwächse mit 2,95 Prozent noch immer erheblich unter den Durchschnittswert anderer Altersgruppen liegt. Zum Vergleich: Über alle Altersklassen hinweg ist laut Creditreform jeder zehnte Erwachsene überschuldet.

Auch mit Blick auf die Verschuldungssituation insgesamt hält sich der Optimismus der Creditreform-Experten in Grenzen. Der Hauptgrund für den leichten Rückgang der Überschuldungszahlen auf Bundesebene in diesem Jahr sei die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren. Es sei jedoch zu befürchten, dass der positive Trend nur von kurzer Dauer sein werde, da sich die konjunkturellen Rahmenbedingungen zuletzt wieder deutlich eingetrübt hätten.

Neben der Konjunktureintrübung machen den Experten zwei weitere Punkte Sorgen. In fast allen Altersgruppen sei aktuell eine zunehmende Konsumverschuldung zu beobachten. Außerdem sei noch völlig ungeklärt, welche Auswirkungen die zunehmenden Kosten für Umwelt- und Klimaschutz künftig auf das Überschuldungsrisiko der Verbraucher in Deutschland haben werden. Auch deshalb sei davon auszugehen, „dass die Überschuldungszahlen in Deutschland trotz aktuellem Positivtrend in der näheren Zukunft wieder steigen werden“, warnten die Experten.

(jas/dpa)
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