Immer mehr Fahrschüler scheitern an Führerscheinprüfung

Vielfältige Ursachen : Immer mehr scheitern an Führerscheinprüfung

Manchmal, so sagt es Kurt Bartels, manchmal melden sich bei ihm junge Menschen an, die nicht einmal richtig Fahrrad fahren können.

Bartels ist Fahrlehrer, allerdings für PS-stärke Fahrzeuge. Zu ihm kommen Radfahrer, die gerne aufs Auto umsteigen möchten. Bartels ist zudem Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Nordrhein, der auch für diese Region zuständig ist.

Der Lehrer hat den Überblick über den Markt der Fahranfänger, und er beobachtet wie alle seine Kollegen einen sehr stabilen Trend: Die Durchfallquote bei den Fahrprüfungen nimmt Jahr für Jahr weiter zu. Bartels sagt, dafür gebe es keine eindeutige Ursache, er sagt aber auch, dass die Schüler im Schnitt nicht klüger geworden seien. „Wir beobachten wachsende sprachliche Defizite. Pisa lässt grüßen.“

In NRW meldeten sich 2017 genau 400.199 Menschen zur theoretischen Führerscheinprüfung an. Mehr als jeder Dritte – 35 Prozent – rasselte durch. So hält es das Kraftfahrtbundesamt fest, das die Zahlen für das vergangene Jahr noch nicht zusammengetragen hat. Die Durchfall-Quote in NRW stieg damit im fünften Jahr in Folge.

Das hänge auch mit einer wachsenden Zahl an sogenannten Umschreibern zusammen: Bewerbern mit einer Fahrerlaubnis aus Drittstaaten wie Syrien, die in Deutschland ihre theoretischen und praktischen Kenntnisse erneut belegen müssen. Vielen Bewerbern falle die Theorieprüfung schwerer, weil sie nicht im deutschen Verkehrssystem groß geworden seien. Für alle Interessenten sind die Anforderungen gewachsen, mehr als 1000 Fragen sind im Katalog. Die theoretische Prüfung ist inzwischen in zwölf Fremdsprachen möglich, als letzte wird seit gut zwei Jahren auch Arabisch als Prüfsprache akzeptiert. Die Nachfrage war regional unterschiedlich ausgeprägt, „in einigen Regionen machte sie zehn Prozent der Prüfungen aus“, sagt Bartels.

Zur praktischen Prüfung stiegen 2017 landesweit 373.059 Aspiranten ein, aber fast jeder dritte – 28,9 Prozent – stieg dann nach spätestens 45 Minuten weiterhin ohne Führerschein aus. Straßenprofis wie Bartels registrieren wachsende psychomotorische Defizite – nicht nur beim Fahrradfahren. Auch der schöne Dreiklang Kuppeln, Schalten, Gasgeben falle Anfängern zuweilen durchaus schwer – und das bei wachsenden Herausforderungen auf zunehmend dichter befahrenen Straßen.

Es gibt noch einen Aspekt, der sich bemerkbar macht, wenn Jugendliche plötzlich vorne links sitzen. „Viele kommen in die Fahrschulen ohne eine ausgeprägte Verkehrswahrnehmung“, sagt Bartels. Als Beifahrer würden sie lieber auf das Handy schauen, statt die Umgebung zu registrieren. Das macht den Start nicht einfacher.

Wenn Bartels, wie zuletzt Anfang Dezember, im Bundesverkehrsministerium mit anderen Experten zusammensitzt, liegen auch die bundesweiten Zahlen auf dem Tisch. Die Durchfallquote ist flächendeckend hoch, NRW liegt eher im Mittelfeld. Bei der Theorieprüfung aller Pkw-Klassen lag die Quote 2017 bei 39 Prozent (2016: 37 Prozent). Bei der praktischen Prüfung für den Autoführerschein fielen 32 Prozent der Anwärter bundesweit durch (Vorjahr: 31 Prozent). Den politischen Willen, die Anforderungen zu senken, sieht Bartels nicht. „Wir können keine Kompromisse bei der Verkehrssicherheit machen.“ Ein Gegenrezept ist noch nicht einmal in Konturen erkennbar. Forscher der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) wollen sich nun mit den Zahlen zu nicht bestandenen Prüfungen auseinandersetzen und sie weiter aufschlüsseln.

Der Gesetzgeber hat keine Hürden aufgestellt, wie oft Fahrschüler praktische und theoretische Prüfungen nicht bestehen dürfen. Solche Herausforderungen lassen sich beliebig oft wiederholen. Ausnahme: Die Fehlerpunktzahl erhöht sich bei jedem Versuch, es ist keine Entwicklung absehbar. In solchen eher hoffnungslosen Fällen kann der Prüfer der Zulassungsstelle mitteilen, dass er keinen Fortschritt erkennt. „Das kommt allerdings nicht selten vor“, berichtet Bartels aus der Praxis. Die Behörde entscheidet dann, wie sie mit talentfreieren Kandidaten weiter umgeht. Sie könnte zum Beispiel eine medizinisch-psychologische Untersuchung anordnen, um Gründe für das Dauerversagen zu ermitteln.

Mangelnde Motivation

Bevor Fahrschüler eine Prüfung wiederholen dürfen, müssen sie nur eine kurze Zwangspause einlegen. Die entsprechende Verordnung sieht dafür in der Regel nicht weniger als zwei Wochen, bei einem Täuschungsversuch mindestens sechs Wochen vor. Außerdem muss die praktische Prüfung innerhalb von zwölf Monaten nach Bestehen der theoretischen Prüfung abgelegt werden. Andernfalls verliert auch die theoretische Prüfung ihre Gültigkeit. Durchfallen bedeutet auch zusätzliche Kosten: weitere Fahrstunden, erneute TÜV-Prüfungsgebühren (für die Theorie etwa 25, für die Praxis etwa 90 Euro) und Anmeldegebühren, die die Fahrschulen berechnen.

Es gibt noch einen Aspekt in der Debatte. Der Führerschein verliert an Bedeutung für junge Leute, nicht jeder will ihn zum ersten möglichen Zeitpunkt besitzen. Früher war der Führerschein der Weg in die Freiheit, heute gibt es andere Prioritäten. „Die Motivation, den Führerschein zu machen, hat abgenommen“, sagt Bartels. Mangelnde Motivation ist ein weitere Grund für eine wachsende Durchfallquote.

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