Aachen: Im Uniklinikum liefert Bauchfett wertvolle Hilfe

Aachen: Im Uniklinikum liefert Bauchfett wertvolle Hilfe

Zur Gewinnung hochwertiger Stammzellen in großer Zahl eignet sich das menschliche Bauchfett ganz besonders gut. Beim Absaugen der Substanz gibt es einen zusätzlichen Effekt: Man verliert eine lästige Rundung.

„Das nimmt vermutlich jeder gern in Kauf“, sagt Professor Norbert Pallua, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie im Uniklinikum Aachen. Seit etwa 20 Jahren erforscht Pallua neue, von der Arbeit mit Stammzellen geprägte Wege beim natürlichen Gewebeaufbau. „In Deutschland bestand erstaunlich wenig Interesse, in diesem Bereich Stammzellenforschung zu betreiben“, sagt er. „Bei mir ist das anders. Ich kooperiere stattdessen seit langem mit Experten und Zentren in den USA, Frankreich, Saudi Arabien, Italien, Brasilien und Japan, wo man bereits seit langem großes Interesse an diesem Thema hat. Wir tauschen wissenschaftliche Ergebnisse aktiv aus.“

Gewebeaufbau — das ist ein Thema, das in vielen Fällen die weibliche Brust betrifft, aber auch die Gesichter von Frauen und Männern, bei denen die Haut im sichtbaren Alterungsprozess erschlafft oder die Entfernung von Tumoren entstellende Spuren hinterlassen hat.

Die Idee, Körperfett zur Transplantation zu nutzen, hat Geschichte und kommt ursprünglich aus Deutschland. Schon 1893 verpflanzte Franz Neuber, ein deutscher Arzt aus Berlin, bei einem Patienten Fett aus dem Oberarm in die Wange. 1895 wagte ein weiterer Chirurg die erste dokumentierte Brustvergrößerung mit Körperfett. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es besonders jüdische Ärzte, die auf diesem Gebiet forschten und einige Erfolge zu verzeichnen hatten. „Diese Forschung kam nicht zuletzt durch den Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg zum Stillstand“, blickt Pallua zurück. In Amerika nahm man den Faden wieder auf.

„Was man früher nicht wusste: Im Fettgewebe finden sich neben den Fettzellen auch Adipogene, also vom Fettgewebe abstammende Stammzellen, sehr viel mehr als im Knochenmark“, betont Pallua. Warum das nicht in der Krebstherapie genutzt wird, bei der Stammzellen mühsam aus Blut und Knochenmark gewonnen werden? „Nach bisherigem Forschungsstand können Fettgewebsstammzellen noch kein funktionierendes Blutzellensystem aufbauen“, sagt Pallua.

Doch wie erlangt man die kostbare Substanz zum Gewebeaufbau? Nach der Entnahme des Fetts am Bauch durch eine relativ dünnen Kanüle wird das Fett zentrifugiert. Öl und Flüssigkeit setzen sich ab, das gereinigte Fett in der Mitte enthält die kostbaren Stammzellen. Ein zu hoher Anteil von Öl im gewonnenen Präparat wäre von Nachteil. „Es könnten sich Ölzysten bilden, das wollen wir vermeiden“, erklärt Pallua.

Für Behandlungen im Gesicht gibt es sogar einen „zellulären“ Vorbereitungsprozess: Dabei werden die Zellmembranen entfernt. Das Ganze wird pulverisiert. Dort, wo es der Arzt einspritzt, kommt es zum Stammzelleneffekt. Werden Falten damit unterspritzt, entwickeln sich die Stammzellen am neuen Ort zu beweglichen, im Bindegewebe existierenden Zellen (Fibroblasten), die körpereigenes Kollagen produzieren können. Das wiederum macht die Haut dicker und fest. Die Falten werden „ausgebügelt“, die Haut ist dauerhaft repariert. „Zum Teil gibt es eine komplette Glättung, das ist erstaunlich“, sagt der Chirurg.

Immer häufiger erfolgt ein Brustaufbau nach Tumoroperationen oder bei Fehlbildungen nicht mehr durch Implantate sondern durch körpereigene Stammzellen — Fett ist schließlich bei den meisten Menschen zu finden. Der Tumor muss zuvor komplett entfernt sein. „Noch vorhandene bösartige Zellen könnten durch die Stammzellen zum Wachstum angeregt werden, das wäre schlimm“, warnt Pallua. „Zwischen Tumoroperation und Stammzellenbehandlung sollten deshalb aus Sicherheitsgründen rund drei Jahre liegen. In den USA gibt es aber Kollegen, die es früher wagen.“

Um eine neue Brust zu schaffen, ist keine Hauttransplantation notwendig. Wo sie entstehen soll, wird eine Vakuumglocke angesetzt, die nach und nach die Haut weitet. Die Patientinnen tragen diese Glocke zwei Monate lang nur nachts. Gehalten wird sie durch den Büstenhalter. Es entsteht ein natürliches Gerüst für die Fett- und Stammzellen.

„Sind die Weichteile gedehnt, wird Fett genommen“, erklärt Pallua. Zusätzlich wachsen durch das Ziehen der Haut Blutgefäße ein. „Je mehr Gefäße, umso besser wachsen auch die transplantierten Fettzellen an.“ Der Aufbau erfolgt in mehreren Schritten. Es gibt Ansätze, die künstlichen Implantate mit Stammzellen zu beschichten — drinnen Silikon, draußen eine natürliche und für den Körper verträglichere Hülle. „Ich finde, das ist gar nicht nötig, es klappt hervorragend nur mit Fett und Stammzellen“, betont Pallua.

Nicht nur als Therapie bei Missbildungen und nach Operationen, gleichfalls in der ästhetischen Chirurgie hat sich der Einsatz von Stammzellen aus Körperfett bewährt. Wer es sich leisten kann (40 Prozent Männer, 60 Prozent Frauen), verabschiedet sich für eine Summe in Höhe von 1500 bis 3000 Euro von unliebsamen Falten. Noch ein positiver Effekt: Bei einer allgemeinen Gewichtszunahme, die man normalerweise nicht begrüßt, werden jene Stellen üppiger und fester, die mit Fett und Stammzellen behandelt wurden.

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