Hürtgenwald/Köln: Im neuen Pontifex verbinden sich Jesuiten- und Franziskanerorden

Hürtgenwald/Köln: Im neuen Pontifex verbinden sich Jesuiten- und Franziskanerorden

Pater Daniel sitzt in seinem kargen Studierzimmer auf der ersten Etage und spricht über die Nähe zu den Menschen, die der Kirche verloren gegangen ist, er erzählt, wie ihm abends zuvor in der Küche des Internats dann trotzdem die Tränen in die Augen gestiegen sind, als er den neuen Papst hat sprechen hören, er redet über die anstehende Reise nach Assisi, wo der Gründer des Franziskanerordens begraben liegt, nach dem sich der neue Papst benannt hat.

Und, ganz am Ende, als das Gespräch schon fast zu Ende ist, bleibt er mitten im Treppenhaus stehen und sagt: „Ach ja: Wer Papst wird, habe ich übrigens schon vorher gewusst“, vermutlich als einziger Mensch der Welt, der es nicht zum Kardinal gebracht hat.

Pater Daniel, 47, ist Franziskanerbruder im Franziskuskloster in Hürtgenwald-Vossenack und Leiter des Internats des dortigen Gymnasiums. Ob er nun wusste oder doch nur ahnte, dass Jorge Bergoglio gewählt werden würde, lässt er leise lachend offen, er freut sich, dass niemand es je genau wissen wird. „Nennen Sie es Vorahnung“, sagt Pater Daniel und lacht schon wieder. So oder so, er wusste jedenfalls schon vor dem Austritt des weißen Rauchs aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle am Dienstagabend, was Sache ist. Er hat sich gefreut und freute sich noch am Donnerstag. „Als ich Franziskus auf der Loggia gesehen und gehört habe, da dachte ich: ‚Jetzt erst recht.‘“ Jetzt erst recht Mitwirken am Werk Gottes. Und das, obwohl die Jesuiten, zu deren Orden der neue Papst gehört, und die Franziskaner, nach deren Ordensgründer er sich benannt hat, in der Vergangenheit immer wieder größere Konflikte ausgetragen haben.

Der Jesuitenpater Johannes Ger-hartz hat die letzten fünf Jahre seiner priesterlichen Tätigkeit in Aachen verbracht, seit sechs Wochen lebt er nun im Caritas-Zentrum St. Josef-Elisabeth in Köln-Mülheim, er ist jetzt 85 Jahre alt. In den 80er und 90er Jahren war er Generalsekretär seines Ordens in Rom, er kennt Jorge Bergoglio und war schon nach dem Konklave 2005 überrascht, dass er Favorit auf das höchste Amt der katholischen Kirche gewesen sein soll. „Nicht, dass Sie mich falsch verstehen“, sagt der Pater, „ich habe Bergoglio als ruhigen, intelligenten Mann erlebt. Aber kaum als charismatischen Führer.“ Aber natürlich, Menschen können sich ändern, die Begegnungen liegen ja schon länger zurück.

Gerhartz sagt, dass Jesuiten und Franziskaner sich während des sogenannten Ritenstreits besonders in China gestritten haben. Es ging darum, ob man die Chinesen nach der reinen Lehre zu missionieren versucht, wie die Franziskaner glaubten, oder ob man Zugeständnisse an die chinesische Kultur machen solle, wie die Jesuiten meinten. All das liegt lange zurück, 17., 18. Jahrhundert, die Streitigkeiten sind Vergangenheit. Anzunehmen, dass der jesuitische Papst mit der Wahl des franziskanischen Namens ein Zeichen der Versöhnung aussenden wollte, glaubt Pater Johannes nicht.

In der Krypta des Klosters in Vossenack muss Pater Daniel zusehen, dass er sich nicht in eine leichte Rage redet, so wie es ihm in seiner letzten Predigt fast gegangen wäre. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, prangert er das Elitäre in der katholischen Kirche an, die Kirchenobrigkeit, die gar nicht mehr wisse, wer ihre Klientel ist. Die Rührung, die Pater Daniel am Dienstagabend ergriff, speist sich vor allem aus der Hoffnung, dass dieser Papst, dass Franziskus dies zu ändern versucht, ein bisschen jedenfalls. „Kirche“, sagt Pater Daniel, „das bedeutet: Gemeinsam mit dem Volk, und aus dem Volk heraus.“

Oder, noch so ein Aphorismus, den die meisten Menschen jeder Religion dankbar unterschreiben würden: „Frieden, Gerechtigkeit und der Erhalt der Schöpfung sind eins.“ Nur, wie soll das ein Pater, wie soll das erst recht ein Papst in Taten übersetzen, wie lassen sich solche Wahrheiten so vermarkten, dass jeder sie versteht, ohne platt und ranschmeißerisch zu klingen? Wie bringt man die Menschen in Europa dazu, sich ihrer Kirche wieder zuzuwenden?

Vor ein paar Wochen erhielt Pater Daniel einen Anruf von einer aufgelösten Frau, deren Mann ein paar Orte hinter Vossenack im Sterben lag. Der zuständige Pfarrer war nicht erreichbar, da rief sie in ihrer Verzweiflung im Kloster an, ihr Mann bat um einen Priester. Pater Daniel machte sich gleich auf den Weg, er sprach mit dem Sterbenden, bezog die ums Bett stehenden Verwandten und Nachbarn ins Gespräch ein, bis so etwas wie eine gelöste Atmosphäre entstand. Der alte Mann lächelte, Pater Daniel salbte ihn, dann starb er. Gar kein schlechtes Beispiel dafür, wie Pater Daniel sich kirchliche Nähe vorstellt.

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