Aachen: Im Blick: Lebensqualität von Patienten mit Multipler Sklerose

Aachen: Im Blick: Lebensqualität von Patienten mit Multipler Sklerose

„Fast Food geht auch gesund“, meinte Marianne Kaufmann im Seminarraum des Uniklinikums und schaltete den Mixer an. Spinatblätter, Banane, Kiwi, Ananas, Wasser und ein bisschen Orangensaft verbanden sich unter höchsten Umdrehungen zu einem leckeren frühlingsgrünen Smoothie.

Normalerweise gibt Marianne Kaufmann Koch- und Ernährungskurse im Helene-Weber-Haus Stolberg, dessen stellvertretende Leiterin sie ist. An diesem Tag nahm sie bei „Rat & Hilfe“ des Medizin-Forums der Aachener Zeitung die Lebensqualität von Patienten mit Multipler Sklerose ins Blickfeld. Heilbar ist MS — wie diese neurologische Erkrankung landläufig genannt wird — nicht. Aber es ist möglich, sich durch gesunde Ernährung dennoch gut zu fühlen, also möglichst viel Lebensqualität durch Genuss zu gewinnen.

Da können MS-Patienten aber nicht nur auf ihr Essen achten, sondern auf vielen Ebenen aktiv werden: Qigong- und Yoga-Lehrer Sergey Dockter brachte die Atmung der Besucher mit leichten Bewegungsübungen wieder in den Fluss, Frank Müller von der AOK Rheinland/Hamburg führte in die Entspannungstechnik nach Jacobson ein. „Stressoren stören das Wohlbefinden. Mit diesen Übungen, die jeder machen kann, lässt sich Spannung abbauen“, erklärte er. Beruhigend kann auch die richtige Vorsorgevollmacht sein.

Dazu beriet der Heinsberger Notar Dr. Manfred Schaal: „Private Vorsorgevollmachten haben rechtliche Grenzen, zum Beispiel wenn es um Finanzen oder Grundbesitz geht“, erklärte er, warum es für alle sinnvoll ist, sich fachlichen Rat einzuholen. „In jedem Fall ist es besser, wenn eine staatliche Betreuung vermieden werden kann. Denn es ist nicht nur unangenehm, wenn ein Fremder über Dinge des eigenen Lebens bestimmt, es kann teuer werden.“

Die Frage der Versorgung thematisierte gleichfalls die AOK, die zusammen mit anderen Krankenkassen, niedergelassen Neurologen und Krankenhäusern mit neurologischen Abteilungen sowie der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) die „Integrierte Versorgung“ für MS-Patienten im Angebot hat. Neben der individuell abgestimmten medizinischen Betreuung stehen dort auch Patientenschulungen im Portfolio. Die DMSG hatte für umfangreiches Infomaterial für die Besucher von „Rat & Hilfe“ gesorgt.

Um die Erhaltung der Alltagskompetenz ging es den Schülerinnen der Schule für Physiotherapie des Uniklinikums: „Den Wäschekorb hochheben, die Teller in den über Kopf liegenden Schrank räumen, der Spaziergang auf dem unebenen Waldweg — mit früh einsetzender Physiotherapie lassen sich lange viele Fähigkeiten erhalten oder auch wiedererlangen“, meinte Schülerin Jana Wehbrink. So zeigten sie und ihre Ausbildungskolleginnen zum Beispiel , wie man leicht aufstehen kann oder wie man schonend einen Rucksack vom Boden aufhebt.

Gleichgewicht und Koordination waren auch das Thema des Activ Centrums, das die Besucher über schmale Balken balancieren, kniehohe Hürden überwinden und wackelige Wippen besteigen ließ. „Mit einem individuell abgestimmten Training zwei- bis dreimal in der Woche kann man Verschlechterungen des Allgemeinbefindens entgegenwirken“, sagte Isi Schultheis von dem Aachener Fitnessstudio.

Wenn die Einschränkungen im Verlauf der MS aber größer werden, können Produkte aus dem Sanitätshaus hilfreich werden: Pavle Lederer und Tanja Ristof informierten deshalb über Hilfsmittel, um Gangschwächen zu minimieren oder um Blasenstörungen, die häufig bei MS auftreten können, erträglicher zu machen. „Dabei gilt immer: Nicht überversorgen, aber den Patienten in seiner Funktionalität stärken“, erläuterte Lederer den Unterstützungsansatz.

Wie sich eine Sehnerv-Entzündung — ein sehr häufiges Symptom bei MS — auswirkt, demonstrierten Vertreterinnen der Ambulanz für chronisch entzündliche ZNS-Erkrankungen des Uniklinikums mit speziellen Brillen. Außerdem konnte man sich dort über Diagnosemethoden wie die Entnahme des Nervenwassers informieren. Die Ambulanz berät im Schnitt sechs MS-Patienten pro Woche, die häufig von den niedergelassenen Neurologen geschickt werden, wenn Therapien nicht wirken oder nicht gut vertragen werden.

(xen)